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Bericht aus Dublin: Erster Tag der Lipodystrophie-Konferenz

von Georg Behrens

Dublin, 15.11.2005 - Der 7th International Workshop on Adverse Drug Reactions and Lipodystrophy in HIV, kurz Lipodystrophie-Konferenz, bringt alljährlich diejenigen HIV-Behandler und -Forscher zusammen, die sich mit bekannten und frisch identifizierten unerwünschten Nebenwirkungen der HIV-Therapie beschäftigen. Hatte sich in den ersten Jahren der Konferenzgeschichte noch ein Vortrag mit überraschenden und meist klinischen Daten an den nächsten gereit, sind in den vergangenen Jahren mehr technische Details, kleinere Pilotstudien und komplexere Stoffwechselwege diskutiert worden, deren Relevanz und Neuigkeit nicht immer unmittelbar dem ganzen Publikum zugänglich war. Das Treffen vom 13.-16. November in Dublin bildet keine Ausnahme dieser Entwicklung. Wir werden sehen - und HIV.NET wird darüber berichten -, wie das Konzept des Workshops sich in Zukunft bewährt.

Am ersten Tag gab Dympna Gallagher [1] einen Überblick über die Qualität und die Möglichkeiten der Magnetresonanztomographie (MRT) für das Studium von Fettgewebe in allen denkbaren Kompartimenten des Körpers. Die Methode ist exzellent für eine Ganzkörper-Fettanalyse und quantifiziert Fett in allen Winkeln und Höhlen: retroperitonal, viszeral, omental, subkutan, intermuskulär etc. Intramyozelluläres Fett aber ist kein Fettgewebe und kann nicht im MRT, wohl aber mit der Magenetresonanzspektroskopie nachgewiesen werden. Kurzum, es gab tolle Bilder einer Technik zu bewundern, die ausgewählten Fragestellungen vorbehalten bleiben wird und einen Geschmack auf die technischen Möglichkeiten der Zukunft bietet. Deutlich wurde, dass wir über die physiologischen Veränderungen der Fettverteilung während unserer Entwicklung vom Baby über den Erwachsenen hin zum alternden Menschen aus bildgebenden Verfahren noch viel lernen können.

Cecilia Shikuma [2] stellte Ergebnisse vor, die die Akkumulation von Monozyten und Makrophagen im Fettgewebe von lipoatrophen HIV-Patienten zeigten. Diese Zellen waren im Vergleich zur Kontrolle häufiger mit HIV infiziert, was die Autoren spekulieren ließ, dass die chronische HIV-Infektion und Aktivierung von Makrophagen zur Zerstörung des Fettgewebes beitragen könnte. Ähnliche Daten zeigte die Arbeitsgruppe von Simon Mallal aus Perth [3], die ebenfalls einen Assoziation von Makrophageninfiltration und Lipoatrophie fanden, die vermehrt unter Stavudin auftrat und unter Absetzen von Stavudin auch partiell rückläufig war. Hier war jedoch kein Zusammenhang mit dem HIV-Nachweis in den Makrophagen auffällig. Obwohl diese Ergebnisse kritisch diskutiert wurden - Makrophagen könnten schließlich an der Beseitigung von absterbenden Adipozyten beteiligt sein und die Ergebnisse somit sekundäre Effekte darstellen - gilt der Rolle des Immunsystems in der Pathophysiologie des Lipodystrophie-Syndroms wieder mehr Interesse.

Andrew Carr [4] erklärte anhand seiner Daten aus der Mitotox- und Rosey-Studie, dass Lipoatrophie (subkutaner Fettverlust) und Lipohypertrophie (zentrale Fettvemehrung) wohl unterschiedlichen pathogenetischen Einflüssen unterliegen, da sie sich nach Interventionen (Absetzen von Stavudin oder Einsatz von Rosiglitazon) eher gleichsinnig zunehmend als gegensinnig rückläufig verhalten. Außerdem sind unterschiedliche Riskofaktoren für die Vorhersage der Veränderung im jeweiligen Kompartiment relevant, was ebenfalls auf eine unterschiedliche Steuerung der zentralen und peripheren Fettgewebe schließen lässt.

Eine Analyse einer Substudie von ACTG 384 (Nelfinavir oder Efavirenz oder beides zusammen mit AZT+3TC oder d4T+ddI in unbehandelten Patienten) zeigte, dass die Ausgangstriglyzeridwerte bzw. ihr frühes Ansteigen nach Therapiebeginn positive Prädiktoren für das Auftreten eines Lipodystrophie-Syndroms waren [5]. Alter, Rasse, Geschlecht, BMI und C-Peptid waren in dieser Studie im Gegensatz zu anderen Publikationen nicht prädiktiv, wenn die Analyse für die Therapie mit den NRTIs korrigiert war, denn d4T+ddI behandelte Patienten hatten das größte Risiko wegen eben dieser Medikamentenkombination.

Interessant für den klinischen Alltag waren die Daten von Corinne Vigouroux (Arbeitsgruppe Jacqueline Capeau). Die Französin zeigte, dass NRTI - und hier neben AZT und d4T besonders 3TC - zu einer subklinischen Hämolyse (niedriges Haptoglobin) bei HIV-Patienten führen kann [6]. Dieses hat eine kürzere Lebensspanne der Erythrozyten zur Folge, was die eigentlich überraschende Beobachtung der französischen Studie erklären könnte: Die Autoren fanden nämlich, dass unter HAART die HbA1c-Werte von HIV-Patienten falsch niedrig sein können und somit mit Vorsicht zu genießen sind. HbA1c ist das glykolisierte Hämoglobin und erlaubt ein sehr gutes Monitoring der durchschnittlichen Stoffwechselsituation der vergangenen Wochen. Einflüsse von NRTIs auf Lebendauer der Erythrozyten und ihr mittleren korpuskuläres Volumens (MCV) könnten sich negativ auf diesen Parameter auswirken.

Mit Spannung erwartet schließlich die Daten von Jussi Sutinen und Ulrich Walker [7] zum Einfluss von Uridin auf die Lipoatrophie. Insgesamt 18 Patienten wurden untersucht. Eine Gruppe (n=8) erhielt 36g Uridin (Nucleomax X) 3x tgl. für 10 Tage mit anschließender Pause für 20 Tage. Dieser Zyklus wurde insgesamt zweimal wiederholt und die begleitende HIV-Therapie (d4T oder AZT-haltig) beibehalten. Die Kontrollgruppe erhielt ein Palzebo und wurde ebenfalls nach insgesamt drei Monaten im DEXA erneut untersucht. Das Ergebniss ist verblüffend: das periphere Fett nahm um fast 900 g in der Uridin-Gruppe zu, ohne massive Zunahme des zentralen Fettgewebes. Auch Triglyzerid- und Glukosespiegel zeigten sich unbeeinflusst. Leider bemerkten gleich viele Patienten aus beiden Gruppen eine subjektive Besserung und einige Zuhörer bemängelten, dass die Gruppen anfangs nicht optimal für z.B. Körpergewicht vergleichbar waren und die nur acht Patienten pro Gruppe leicht signifikante Unterschiede zu Beginn der Studie verschleiern könnten. Außerdem basieren die Ergebnisse auf einer "on-treatment" und nicht "intend-to-treat" Analyse (Je ein Patient war aus jeder Gruppe ausgeschieden). Dennoch bleibt mit Erstaunen der ausgeprägte Fettzuwachs an den Extremitäten festzustellen, ein Effekt, der oft auch nach bis zu jahrelanger Abstinenz von d4T nicht zu beobachten ist. Völlig unerwähnt blieb der Mechanismus von Uridin auf das Fettgewebe, denn eine andere Studie zeigt, dass Nucleomax zu keiner Erhöhung der mitochondrialen DNA im Fettgewebe führt [8]. Und hoffentlich kompetitiert Uridin nicht den Thymidinanaloga um ihre antivirale Potenz. Wieder einmal mindestens genauso viele Fragen wie Antworten, aber nun endlich haben wir Zahlen gesehen, an den wir uns erwärmen oder reiben können. Vielleicht reichen die Daten aus Dublin ja für Uridin zum Eintrag ins Guinness-Buch...

Literatur

  1. Gallagher D. Objective measurements of body composition in vivo using magnetic resonance tomography. Antiviral Therapy 2005; 10:L1
  2. Shikuma C et al. HIV-infected monocytes and macrophages in adipose tissue contribute to the development of lipoatrophy. Antiviral Therapy 2005; 10:L4
  3. Hammond E et al. Assessing the contribution of ART, HIV and host factors to adipose tissue changes occuring in HIV-infected individuals: risk profile for lipoatrophy. Antiviral Therapy 2005; 10:L4
  4. Wand H et al. Increase in limb fat after nucleoside analogue cessation is not associated with decrease in visceral fat and has different risk factors. Antiviral Therapy 2005; 10:L5
  5. Parker RA. Baseline and early on-treatment predictors of lipoatrophy at 64 week in a randomized trial of initial antiretroviral therapy: a secondary analysis of A5005s, a substudy of ACTG 384. Antiviral Therapy 2005; 10:L5
  6. Diop M-E et al. Inappropriate glycated hemoglobulin values and hemolysis in HIV-infected patients. Antiviral Therapy 2005; 10:L6
  7. Sutinen J et al. Uridine supplementation increases subcutaneous fat in patients with HAART-associated lipodystrophy: a randomized, placebo-controlled trial. Antiviral Therapy 2005; 10:L7
  8. McComsey GA et al. Effect of NucleomaxX on fat and blood mitochondrial DNA in d4T-treated subjects with clincal lipoatropyh. Antiviral Therapy 2005; 10:L49

 
 
     
 

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