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RKI und SPREAD: Nicht nur die Erstdiagnosen, auch die Resistenzen nehmen zu
von Christian Hoffmann
Hamburg, 16.10.2005 -
Nach der neuesten Statistik des Robert-Koch-Instituts (RKI) nimmt die Zahl der
neu gemeldeten HIV-Infektionen in Deutschland wieder zu. Bis zum 1. September wurden dem RKI im
ersten Halbjahr 2005 insgesamt 1.164 Erstdiagnosen gemeldet - ein Anstieg von rund 20 %
gegenüber dem Vorjahr und gleichzeitig die meisten Meldungen seit der Beginn der detaillierten
Statistik im Jahre 1993. Damit ist seit dem Tiefstand von 2001 eine Zunahme von 80 % zu beobachten.
Zwar kann ein Teil des Anstiegs durch eine verbesserte Melde-Infrastruktur und eine frühere
Diagnosestellung erklärt werden (die CD4-Zellen zum Diagnosezeitpunkt stiegen seit 2000 um etwa
100/µl an), doch geben diese Zahlen durchaus Anlaß zur Beunruhigung. Am stärksten steigt
die Zahl bei homosexuellen Männern. Die höchsten Inzidenzen sind in der Altersgruppe der
25-29-Jährigen zu beobachten. Regional sind vor allem Berlin und die neuen Bundesländer
betroffen, aber auch in einzelnen westdeutschen Großstädten wie Münster oder
Mannheim steigen die Zahlen deutlich. In Städten wie Leipzig, Dresden und Halle hat die
Inzidenz der Erstdiagnosen (bei weiter deutlich niedriger Prävalenz) inzwischen das gleiche
Niveau wie in vergleichbar großen Städten im Westen. Die RKI-Daten, die in der letzten
Woche ein erhebliches (und vielleicht auch etwas dramatisierendes) Medienecho fanden, wurden jetzt
in einer Sonderausgabe des epidemiologischen Bulletins veröffentlicht, die frei im Internet auf
der RKI-Homepage zu finden ist (siehe den link unten). Ebenfalls beunruhigend, aber weit weniger von der Allgemeinheit beachtet
geblieben sind die neuesten Daten der SPREAD-Studie (SPREAD = Strategy to Control Spread of HIV Drug
Resistance), einer europaweiten Überwachungsstudie zur Häufigkeit von
Primärresistenzen bei HIV. Im JID wurden nun die aktuellen SPREAD-Daten vorgestellt [1]. Bei
insgesamt 2208 therapienaiven (und teilweise auch schon länger infizierten) Patienten sind
zwischen 1996 und 2002 Resistenztests durchgeführt worden. Resistenzen gegen mindestens ein
Medikament fanden sich in insgesamt 10,4 %, bei den Patienten aus Deutschland (insgesamt 62) lag die
Rate sogar bei 23 %. Von besonderem Interesse waren in der jetzigen Publikation die Neuinfektionen.
Diese wurden definiert als ein negativer HIV-Test innerhalb des letzten Jahres mit
anschließend dokumentierter Serokonversion. Bei insgesamt 777 Patienten lag eine solche
Neuinfektion vor. Unterschieden wurden drei Zeiträume, 1996-1998, 1999-2000 und 2001-2002. Die
Häufigkeit der Resistenzen zeigten für einzelne Wirkstoffklassen unterschiedliche Trends.
Während die Häufigkeit der NRTI-Resistenz bei den Neuinfektionen eher abnahm und für
PIs in etwa gleich blieb, nahm sie bei den NNRTIs deutlich zu - hier stieg sie von 2,3 % auf 9,8 %.
Die Zahlen sind in der Tabelle dargestellt:
Die Rate der Viren, die mindestens gegen zwei Klassen resistent waren, blieb auf niedrigem Niveau stabil. Für die deutliche Zunahme der NNRTI-Resistenzen hatten die Autoren verschiedene Erklärungen: die starke Zunahme an NNRTI-Regimen überhaupt, insgesamt höhere NNRTI-Resistenzraten in der HIV-Population (durch die rasche Resistenzentwicklung) und die höhere Fitneß von Viren mit NNRTI-Mutationen im Vergleich zu anderen Mutationen. Was auch immer für diesen Trend verantwortlich ist: Die jetzigen Daten zeigen, daß gerade auch frisch infizierte Patienten vor dem Beginn einer Therapie einen Resistenztest erhalten sollten.
Literatur und Link [1] Wensing AM, van de Vijver DA, Angarano G, et al. Prevalence of Drug-Resistant HIV-1 Variants in Untreated Individuals in Europe: Implications for Clinical Management. J Infect Dis 2005, 192:958-66. RKI-Homepage mit aktuellem report vom 30.9.2005: http://hiv.net/link.php?id=255 |
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