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Pilotstudie zeigt, dass man mit einer einfachen Therapie möglicherweise "überwintern" kann
von Christian Hoffmann
Hamburg, 03.10.2005 -
Mitunter "versagt" selbst die intensivste antiretrovirale Therapie.
Nach jahrelanger Behandlung lässt sich die Viruslast einfach nicht mehr unter die
Nachweisgrenze senken. Was hier tun? Die Antwort war bisher: Möglichst mit allem weitermachen.
Multiresistente Viren sind zumindest für eine gewisse Zeit etwas weniger aggressiv als der
Wildtyp, und bei Therapiepausen drohen nicht selten rasante CD4-Zellabfälle und sogar
AIDS-Erkrankungen. Eine schlechte HAART ist eben besser als keine, ein bisschen Virussuppression
immer noch besser als nichts. Selbst bei nur leichtem Abfall der Viruslast ist ein Benefit zu
erkennen [1]. In einer großen Kohortenstudie zeigte sich, dass die CD4-Zellen nicht abfallen,
so lange die Viruslast unter 10.000 Kopien/ml oder wenigstens 1,5 Logstufen unter dem individuellen
Setpoint bleibt [2]. Eine bislang unbeantwortete Frage ist allerdings, wie intensiv man weitermachen
muss, um multiresistente Viren zumindest eine Zeitlang weiter einigermaßen in Schach zu
halten. Kann man die Therapie möglicherweise sogar auf nur eine Wirkstoffklasse vereinfachen,
ohne dass es zu einer immunologisch-virologischen Verschlechterung kommt? Die wesentlichen Vorteile
einer solchen Strategie wären nicht nur die Reduktion von Toxizität und Kosten, sondern
auch der Umstand, dass der Selektionsdruck für HIV nur im Bereich der weiter gegebenen
Wirkstoffklasse herrschte. Die anderen Klassen wären nicht betroffen. Neue Resistenzen
wären unwahrscheinlich, was zukünftige Optionen erhalten könnte. Der Frage nach der Machbarkeit einer solchen Strategie widmete sich eine jetzt
vorab im JID veröffentlichte Studie der Arbeitsgruppe von Steven Deeks [3]. Obgleich in Design
und Auswertung bisweilen etwas unübersichtlich, sind die Ergebnisse dieser Pilotstudie
zweifellos interessant: 18 Patienten mit multiresistenten Viren, bei denen trotz HAART (gute Compliance,
ausreichende Wirkspiegel) über mindestens 6 Monate die Viruslast nachweisbar geblieben war,
hatten ihr HAART-Regime jeweils um die PIs reduziert, die NRTIs hingegen fortgesetzt. Bei keinem
Patienten kam es innerhalb der ersten 2 Wochen zu einem Anstieg von mehr als 0,5 Logstufen, und
selbst nach 16 Wochen war bei den meisten Patienten kein Anstieg zu beobachten (nur bei 5/18
zwischen 0,5 und 1 Logstufe, beim Rest gar kein Anstieg oder sogar ein Abfall). Auch ein negativer
immunologischer Effekt war nur bei einigen Patienten zu sehen und allenfalls moderat. Bei
wiederholten Resistenztest zeigte sich, dass nach 6 bis 12 Monaten bei den meisten (12/18) der
Patienten sämtliche PI-Mutationen persistierten, obwohl keine PIs mehr eingenommen wurden. Diese Ergebnisse sind umso erstaunlicher, weil fast alle Patienten in ihrer meist
sehr langen Therapiekarriere auch mit reinen NRTI-Therapien behandelt worden waren – sie mussten
also eigentlich NRTI-resistente, PI-sensible Viren haben. Erstaunlicherweise kamen diese Viren aber
auch nach mehreren Monaten ohne PI offenbar nicht zum Vorschein. Trotz einiger interessanter
Hypothesen bleibt der Mechanismus dafür unklar, warum es für HIV offenbar nicht so leicht
ist, PI-Mutationen über Bord zu werfen, wenn man mit den NRTIs weitermacht. Ins gleiche Horn
wie die Deeks-Studie blies jetzt übrigens auch eine kleine, retrospektive Studie an
HIV-infizierten Kindern, bei denen nur die PIs abgesetzt wurden. Auch hier blieb die Viruslast
über eine relativ lange Zeit stabil [4]. Möglicherweise scheint also bei einigen Patienten mit multiresistenten Viren
durch eine einfache NRTI-Therapie ein "Überwintern", ein Warten auf neue Optionen, zumindest
eine gewisse Zeit möglich zu sein. Möglicherweise sind multiresistente Viren nicht ohne
Weiteres in der Lage, zurückzumutieren. Das gilt übrigens nicht, wenn die NRTIs abgesetzt
werden. In einer Substudie von 6 Patienten, die ihre NRTIs abgesetzt hatten (bei Beibehaltung der
PIs), kam es bei allen zu einem raschen Anstieg der Viruslast. Diese Beobachtungen wurden auch von
anderen Arbeitsgruppen gemacht, die zeigen konnten, dass NRTIs weiter einen Effekt behalten, auch
wenn die Resistenzlage etwas anderes suggeriert [5,6]. NRTIs sollten deswegen in jedem Fall
Bestandteil solcher Salvage-Konzepte sein. Fazit: Auch wenn diese Ergebnisse nun durch größere Studien
bestätigt werden müssen, sollten diese Studien vor allem jenen Patienten (und ihren
Behandlern) Mut machen, bei denen sich die Viruslast auch trotz intensiver Therapien nicht mehr
unter die Nachweisgrenze senken lässt. Ein "austherapiert" gibt es nicht, und
manchmal scheint es auch für HIV nicht so leicht zu sein, sich zwischen Replikationsfitness und
Resistenzmuster zu entscheiden…. [1] Deeks SG, Barbour JD, Martin JN, Swanson MS, Grant RM. Sustained CD4+ T cell response after
virologic failure of protease inhibitor-based regimens in patients with HIV infection. JID 2000,
181:946-53. [2] Ledergerber B, Lundgren JD, Walker AS, et al. Predictors of trend in CD4-positive T-cell
count and mortality among HIV-1-infected individuals with virological failure to all three
antiretroviral-drug classes. Lancet 2004, 364:51-62. [3] Deeks SG, Hoh R, Neilands TB, et al. Interruption of Treatment with individual therapeutic
drug classes in adults with multidrug-resistant HIV-1 infection. JID 2005, 192: 000-000. [4] Legrand FA, Abadi J, Jordan KA, et al. Partial treatment interruption of protease inhibitors
augments HIV-specific immune responses in vertically infected pediatric patients. AIDS 2005,
19:1575-1585. [5] Campbell TB, Shulman NS, Johnson SC, et al. Antiviral activity of lamivudine in salvage
therapy for multidrug-resistant HIV-1 infection. Clin Infect Dis 2005, 41:236-42. [6] Eron JJ Jr, Bartlett JA, Santana JL, et al. Persistent antiretroviral activity of nucleoside
analogues after prolonged zidovudine and lamivudine therapy as demonstrated by rapid loss of
activity after discontinuation. J AIDS 2004, 37:1581-1583.
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