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Erstmals medizinische Berichte zu den drei Studienpatienten veröffentlicht
Hamburg, 05.09.2005 - Ende März dieses Jahres machten Berichte von drei (nicht HIV-infizierten)
Patienten mit Autoimmunerkrankungen Schlagzeilen, die unter einer Therapie mit Natalizumab
(Tysabri®) an einer PML erkrankt waren. Zwei der drei Patienten starben. Die Berichte
hatten weltweite Turbulenzen zur Folge, die Börsenkurse der beteiligten Biotech-Firmen Biogen
Odec und Elan Pharmaceuticals mußten zum Teil dramatische Einbrüche hinnehmen.
Natalizumab, das sich gerade als einer der Hoffnungsträger in der Therapie bestimmter
Erkrankungen wie Multiple Sklerose oder Morbus Crohn zu etablieren schien, wurde wieder vom Markt
genommen. Nun wurden im New England Journal of Medicine erstmals die detaillierten medizinischen
Berichte zu den drei erkrankten Patienten veröffentlicht [1-3]. Was ist eine PML? PML steht für Progressive multifokale Leukoenzephalopathie. Die PML ist
eine schwere Entmarkungskrankheit des zentralen Nervensystems und eine der gefürchtetsten
AIDS-Erkrankungen, tritt aber auch bei anderen Immunschwächen auf. Die PML wird durch das
JC-Virus (JCV) verursacht, einem weltweit verbreiteten Polyomavirus. JCV wurde nach den Initialen
des ersten Patienten benannt, aus dem dieses einfach gebaute DNS-Virus 1971 erstmalig isoliert wurde
[4]. Angesichts hoher Seroprävalenzen in der Bevölkerung von bis zu 80 % wird von einer
latent persistierenden Infektion ausgegangen. Allerdings ist vieles in der Pathogenese der PML
bislang ungeklärt. Bei gestörter zellulärer Immunantwort wie bei der HIV-Infektion
kommt es jedoch wahrscheinlich zu einer Reaktivierung von JCV und damit zur manifesten Erkrankung.
Sicher scheint auch, daß JCV über Leukozyten ins ZNS gelangt und hier vor allem die
Oligodendrozyten und damit die Markscheiden bildenden Zellen befällt. Deren Untergang zeigt
sich makroskopisch als multifokale Demyelinisierung. Bei AIDS-Patienten, die die bei weitem
größte Patientengruppe darstellen, ist die PML inzwischen die zweithäufigste
neurologische opportunistische Infektion bei HIV-Infektion [5]. Die Prognose in der
prä-HAART-Ära war schlecht. Die mediane Zeitspanne vom Auftreten erster Symptome bis zum
Tod lag zwischen 3 und 6 Monaten. Unter HAART scheinen deutlich langsamer progrediente
Verläufe, mitunter sogar Vollremissionen möglich zu sein [6,7]. Eine spezifische Therapie
für die PML gibt es nicht, weshalb bei AIDS-Patienten HAART die einzige Hoffnung ist. Was ist Natalizumab? Natalizumab ist einer der zahlreichen neuen "Biowaffen" bzw. Antikörper,
die die Medizin in den letzten Jahren revolutioniert haben. Er richtet sich speziell gegen
alpha-4-Integrine, die eine wichtige Rolle bei der Migration von Leukozyten in Darm und ZNS spielen
- weshalb ihre Blockierung auch die Immunantwort bei Erkrankungen wie zum Beispiel dem Morbus Crohn
und insbesondere bei der Multiplen Sklerose unterdrückt. Hier hat sich das Natalizumab als sehr
wirksam erwiesen. Obendrein wird es auch recht gut vertragen. Was ist an den drei Fällen so besonders? Die jetzigen PML-Fälle (2 Patienten mit MS, 1 Patient mit Crohn) kamen
vollkommen überraschend. Zwar ist auch abseits von HIV und AIDS bei anderweitig schwerer
Immunschwäche eine PML möglich, aber dass eine vom Körper unkontrollierbare
JCV-Aktivierung schon durch wenige Injektionen eines monoklonalen Antikörpers ausgelöst
werden kann, ist absolut neu. Natalizumab, das hocheffektiv das normale Trafficking von Lymphozyten
unterdrückt, scheint selbst bei immunkompetenten Patienten nach wenigen Injektionen in der Lage
zu sein, das Einwandern von Lymphozyten ins ZNS zu verhindern – und so die unkontrollierte
JCV-Replikation auszulösen. Was bedeuten diese Fälle für die AIDS-Therapie? Auf den ersten Blick vielleicht nicht viel. Auf den zweiten Blick
könnten die zweifellos tragischen Fälle jedoch dazu beitragen, daß diese abseits der
HIV-Medizin ziemlich seltene und daher stark vernachlässigte Krankheit nicht nur mehr ins
Blickfeld rückt, sondern auch ihre Pathogenese besser verstanden wird. Insbesondere das
Schicksal des Crohn-Patienten, bei dem erst kurz vor Auftreten der PML eine rasant steigende
JCV-Viruslast nachweisbar wurde (longitudinal eingefrorene Proben waren nachträglich untersucht
worden), könnte zudem Anhalte dafür geben, daß man eine PML frühzeitig erkennen
könnte. Erste Berichte zu neuen Meßmethoden der JCV-Viruslast wurden jüngst
publiziert [8]. So könnten in einem weiteren Schritt auch bei HIV-Patienten
Hochrisiko-Patienten identifiziert werden, die dann möglicherweise früher mit einer HAART
beginnen sollten, als es ihre vermeintlich noch gute CD4-Zellen suggerieren. Literatur
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