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Forschergruppe aus Dallas sorgt mit Pilotstudie für Aufsehen
Hamburg, 23.08.2005 -
Die Eradikation, also die Eliminierung sämtlicher HI-Viren aus dem menschlichen Körper,
ist offensichtlich wieder ein Thema. Dabei war der Begriff jahrelang ein Unwort in der HIV-Medizin:
Bisher war man davon ausgegangen, daß die Eradikation mit herkömmlicher HAART angesichts
der Langlebigkeit latent infizierter Zellreservoire grundsätzlich nicht möglich wäre.
In der wohl meistzitierten Studie wurde bei 62 Patienten, deren Viruslast sieben Jahre unter HAART
erfolgreich supprimiert war, eine Halbwertszeit von 44,2 Monaten für das latent infizierte
Zellreservoir berechnet [1]. Die Zeit bis zur vollständigen Eliminierung dieser Reservoire lag
damit bei 73,4 Jahren. Selbst in einer selektierten Gruppe von Patienten, in der während
mindestens drei Jahren stabiler HAART kein einziger Blip (vorübergehender Viruslastanstieg)
messbar war, ergab sich immer noch eine Eradikationszeit von 51,2 Jahren. Weitere Studien zeigten,
daß latent infizierte Reservoire aus heterogenen Zellpopulationen bestehen, deren
Stabilität wahrscheinlich sogar unabhängig von einer residuellen Virusreplikation ist.
Wahrscheinlich würde deshalb auch eine intensivere HAART und sogar eine komplette Inhibition
der Virusreplikation nicht ausreichen, um HIV zu eradizieren [2,3]. Darüber hinaus waren
diverse Versuche fehlgeschlagen, die Reservoire mit Immunaktivatoren wie zum Beispiel IL-2
auszuschwemmen [4-6]. In der aktuellen Ausgabe vom Lancet [7] berichtet nun eine Forschergruppe aus
Dallas von einem neuartigen Ansatz - mit einem alten Medikament: Valproinsäure, ein weltweit
eingesetztes Antiepileptikum, ist ein Inhibitor der Histon-Deacetylase 1 (HDAC1). Dieses Enzym
vermittelt Chromatin-Remodeling, die Unterdrückung viraler Genexpression und die Produktion von
Virionen. Wie Vorarbeiten gezeigt hatten, führt die Blockade von HDAC1 zu einer Ausschwemmung
von HIV aus ruhenden T-Zellen. Untersucht wurden in dieser kleinen Pilotstudie jetzt vier HIV-infizierte
Patienten, bei denen das Virus unter HAART über mindestens zwei Jahre supprimiert war. Die
Patienten erhielten jeweils 500-750 mg Valproinsäure zweimal täglich über drei Monate
- im Vergleich zur Epilepsiebehandlung relativ geringe Dosen. Um die HAART noch zu intensivieren und
um die durch Valproinsäure freigesetzten Viren theoretisch gleich "abzufangen", wurde der
Therapie noch der Entry-Inhibitor T-20 drei Wochen vor und während der Gabe von
Valproinsäure hinzugefügt. Mit sehr komplizierten Methoden wurde vor und während der
Behandlung (die im Übrigen gut vertragen wurde) die Zahl der infizierten, ruhenden CD4-Zellen
gemessen. Ergebnis: Während die Zahl unter der herkömmlichen HAART konstant blieb, nahm
sie bei drei der vier Patienten unter Valproinsäure signifikant ab, und zwar um 68 %, 72 %
und um mehr als 84 %. Die Halbwertszeit der latent infizierten Zellen sank somit auf 2-3 Monate,
verglichen mit den aus anderen Studien ermittelten 44,2 Monaten unter klassischer HAART [1] und 10
Monaten unter intensivierter HAART [2]. Was sagen uns nun diese Ergebnisse? Zunächst einmal gilt es scharf auf die
Euphoriebremse zu treten. Es werden, wie so oft, mehr neue Fragen aufgeworfen als beantwortet. Die
wichtigsten: Ist der virologische Effekt wirklich auf Valproinsäure zurückzuführen,
ist er - angesichts gerade einmal dreier Patienten - reproduzierbar? Gilt er auch für andere
Zellkompartimente als das Blut und warum war er nur bei drei von vier messbar? Hier kann derzeit nur
spekuliert werden. In einem begleitenden Kommentar [8] zu der Studie formulierte es Jean-Pierre
Routy vom Royal Victoria Hospital in Montreal denn auch noch so verhalten wie möglich: "Dies
ist der erste flüchtige Blick auf einen neuen therapeutischen Ansatz, der einen
möglichen Schritt darstellen könnte, daß HIV nicht länger eine
chronische Krankheit ist." Man darf jedoch gespannt sein auf die zahllosen Studien, die nun mit
Sicherheit in den kommenden Monaten folgen werden... Literatur 1. Siliciano JD, Kajdas J, Finzi D, et al. Long-term follow-up studies confirm
the stability of the latent reservoir for HIV-1 in resting CD4+ T cells. Nat Med 2003; 9:727-8. 2. Ramratnam B, Ribeiro R, He T, et al. Intensification of antiretroviral therapy
accelerates the decay of the HIV-1 latent reservoir and decreases, but does not eliminate, ongoing
virus replication. J Acquir Immune Defic Syndr 2004; 35:33-7. 3. Strain MC, Gunthard HF, Havlir DV, et al. Heterogeneous clearance rates of
long-lived lymphocytes infected with HIV: intrinsic stability predicts lifelong persistence.
Proc Natl Acad Sci U S A 2003; 100: 4819-24. 4. Stellbrink HJ, van Lunzen J, Westby M, et al. Effects of interleukin-2 plus
highly active antiretroviral therapy on HIV-1 replication and proviral DNA (COSMIC trial). AIDS
2002; 16:1479-87. 5. Kulkosky J, Nunnari G, Otero M, et al. Intensification and stimulation therapy
for human immunodeficiency virus type 1 reservoirs in infected persons receiving virally suppressive
highly active antiretroviral therapy. J Infect Dis 2002; 186:1403-11. 6. Prins JM, Jurriaans S, van Praag RM, et al. Immuno-activation with anti-CD3
and recombinant human IL-2 in HIV-1-infected patients on potent antiretroviral therapy.
AIDS 1999; 13:2405-10. 7. Lehrman G, Hogue IB, Palmer S, et al. Depletion of latent HIV-1 infection in
vivo: a proof-of-concept study. Lancet 2005; 366: 549-55. 8. Routy JP. Valproid acid: a potential role in treating latent HIV infection.
Lancet 2005, 366: 523-524. |
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