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Was ist dran an dem New Yorker Fall?
Ein Kommentar von Christian Hoffmann
Hamburg, 18.02.2005 -
Wohl selten hat eine HIV-Infektion in den letzten Jahren für so viel Wirbel
gesorgt wie der Fall eines ca. 40-jährigen New Yorkers, der sich offensichtlich
amphetamin-benebelt auf einer so genannten Bare-Back-Party mit einem multiresistenten HI-Virusstamm
infizierte und einige Wochen später bereits erkrankte. Die BILD-Zeitung hatte endlich mal
wieder ihr "SUPER-AIDS", und sogar die Süddeutsche Zeitung titelte reißerisch mit "Gefahr
aus dem Großstadt-Dschungel". In der Sprechstunde gab es jedenfalls in dieser Woche kaum einen
Patienten, der nicht danach gefragt hat. Was ist also wirklich dran und neu an diesem Fall? Nicht neu ist zunächst
einmal die Nachricht, daß multiresistente Viren grundsätzlich übertragen werden
können. Warum auch nicht? Zwar ist die Transmission meistens nicht so effektiv und liegt
wahrscheinlich etwa bei 20 % der Transmissionsrate des Wildtyps (Leigh Brown 2003), aber daß
es prinzipiell klappt, ist vielerorts berichtet worden. In Deutschland liegt die Rate der
resistenten Virusstämme bei neu infizierten Menschen zwischen 5 und 15 %. Viele Experten
empfehlen inzwischen sogar Resistenztest vor dem Beginn der Therapie. Multiresistente Viren (MDR),
die gegen mehrere Wirkstoffklassen resistent sind, waren bislang eher selten. Der HIV.NET-Redaktion
sind jedoch seit Jahren mehrere Fälle aus deutschen Großstädten bekannt, in denen
sich Menschen mit Viren infiziert haben, die tatsächlich Mutationen sowohl gegen
Nukleosidanaloga, gegen NNRTIs und gegen Proteasehemmer aufweisen. Es dürfte kaum ein
großes Zentrum in Deutschland geben, daß nicht inzwischen solche Patienten hat. Einen
dieser Patienten haben wir vor einiger Zeit auf dem Deutschen AIDS-Kongress in Hamburg als
Fallbericht vorgestellt (der Patient war übrigens auch schwer krank während der
Primärinfektion). Sogar Superinfektionen mit MDR-Viren sind möglich (Brenner 2004). Bisher
ist man davon ausgegangen, daß die replikative Fitneß dieser MDR-Varianten im Vergleich
zum Wildtyp reduziert ist (Brenner 2002). Auch bei unseren Patienten haben wir meist keine besonders
hohe Viruslast gemessen, der Verlauf scheint zumindest nicht rasch progredient zu sein. Möglicherweise ist dies nun bei dem New Yorker Patienten nicht der Fall.
Soweit bisher bruchstückhaft publik wurde, scheint die virale Replikationsfitness dieses
MDR-Stammes dem Wildtyp zu entsprechen, zudem scheint das Virus ein CXCR4-tropes Virus zu sein -
diese R4 Viren treten normalerweise erst in späten Stadien der Infektion auf. Doch wirft dieser Fall eine Reihe von Fragen auf. Leider fehlen wesentliche
medizinische Informationen, um den Verlauf der Infektion richtig beurteilen zu können. In einem
Fachjournal wurde der Fall bislang nichts publiziert, es existiert lediglich eine laien-adaptierte
Pressemitteilung. Dort heißt es nur lapidar, im Oktober wäre ein Test noch negativ
gewesen, im November habe sich der Mann krank gefühlt, im Dezember sei die HIV-Diagnose
gestellt worden. In den Medien wird dies als "AIDS-Ausbruch" der Krankheit gewertet, der unerwartet
früh stattgefunden habe. Unklar bleibt bislang, an welcher opportunistischen Infektion der
Patient so wenige Wochen oder Monate nach der Infektion erkrankt ist. Oder sind es "nur" niedrige
CD4-Zellen, die als AIDS-Diagnose gewertet werden? Die AIDS-Diagnose ist in den USA bekanntlich
nicht nur definiert als das Auftreten bestimmter Erkrankungen, sondern umfaßt auch Patienten,
bei denen die CD4-Zellen unter 200/ul abgesunken sind. Über den genauen Verlauf der CD4-Zellen
wurde leider kein Wort verloren, und leider haben es die Journalisten bei der Pressekonferenz
vorletzte Woche auch versäumt, einige andere Fragen zu stellen. So können zum Beispiel
eine Soor-Ösophagitis oder auch eine schwere Pneumonie im Rahmen einer akuten HIV-Infektion
ohne weiteres stattfinden. Auch können die CD4-Zellen bei einer deutlichen Symptomatik sehr
stark abfallen, manchmal sogar unter 200 Zellen/ul. Auch das alles wäre nicht unbedingt
ungewöhnlich. Von Gewichtsverlust und hoher Viruslast war außerdem die Rede. Aber was ist
daran neu? Viele Patienten sind auch in den ersten Wochen und Monaten der Infektion schon recht
krank, klagen über Müdigkeit, Abgeschlagenheit, Krankheitsgefühl und
Grippe-ähnliche Symptome. Mitunter kann sich diese Symptomatik über Monate hinziehen. Außerdem: Möglicherweise liegt der rasche Progreß, wenn er denn
in diesem New Yorker Fall wirklich stattfindet, nicht am Virus, sondern am Patienten selbst. Seit
vielen Jahren weiß man, daß vor allem so genannte Wirtsfaktoren bzw. genetische
Polymorphismen sind, die den individuellen Verlauf der Infektion günstig oder ungünstig
beeinflussen (Fauci 1996, Tang 2003). Über HLA- und Rezeptorstatus des Patienten ist bislang
nichts bekannt. Völlig unklar ist auch, ob sich dieser Mann, der offensichtlich seine
Sexualpartner gleich im Dutzend abfertigte, nicht mit multiplen Virusstämmen infiziert hat.
Einige Experten vermuten daher, daß es sich jetzt um ein rekombinantes Virus handeln
könnte, bei dem sich die Multiresistenz und die replikative Fitneß des Wiltyps sozusagen
vereinigt haben. Aber dies sind Spekulationen, Untersuchungen dazu fehlen bislang. Und, last but not least: An den Übertragungswegen hat sich übrigens,
selbst wenn es nun ein "Super-AIDS"-Virus ist, nichts geändert. Mag man auch vermuten,
daß dieser Fall den Enthaltsamkeits-Fanatikern der Bush-Administration ein durchaus
willkommener Anlaß bietet, die Lebensweise bestimmter Menschen zu geißeln: Vielleicht
sollte man diesen Fall tatsächlich auch einmal zum Anlaß nehmen, sich über
Bare-Back-Parties zu unterhalten. Literatur zum Thema:
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