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Nachrichten zur Übersicht
von Bernhard Bienek (anlässlich der 10. Münchner
AIDS-Tage) Während in den frühen 80er Jahren des letzten Jahrhunderts Andreas
Salmen (die Überlebenden unter Ihnen werden seinen Namen noch erinnern) ausrief: "Wir
befinden uns im Krieg!", hatte zuvor schon Susan Sonntag in ihren vielzitierten "AIDS und
seine Metaphern" sich eben gegen die Nutzung des Jargons des Krieges und des Kampfes
ausgesprochen. Beide gingen jedoch mit verschiedenen Perspektiven an das Thema heran: Salmen als
Betroffener und Vertreter der Hauptbetroffenengruppe, sozusagen als "Befallener" - wie es damals
auch hieß - aber auch als Opfer eines Angriffs auf sein Leben, der sein Schicksal nicht aus
der Hand geben wollte. Sonntag dagegen als beschwichtigende Beobachterin, die um Neutralität
bemüht war - das hieß damals im Wesentlichen einen kühlen Kopf zu bewahren. Es ging, ohne dass es uns klar war, um das Ringen um das Definitionsmonopol
über AIDS, sowie der Bewertung des Phänomens und seiner Träger. Während die
einen den Zusammenhang von verwerflichem Lebensstil und AIDS sehr schnell mit der Idee der
Aussonderung der Betroffenen verbanden, wehrten sich die anderen mit allen ihnen zur Verfügung
stehenden Mitteln gegen eine Schuldzuschreibung und Bestrafung, ja gegen die Identifikation mit HIV
und AIDS, gegen die seuchenhygienische Bezeichnung "Positiver". Und ihre Mittel waren
erheblich: weil viele Prominente selbst betroffen waren oder sich mit Betroffenen öffentlich
solidarisierten und nicht zuletzt weil der Makel der Krankheit zum Tode auch bei jenen nicht zu
verbergen war, die üblicherweise das Ohr der Öffentlichkeit haben. Bei diesem Prozess wurde von kluger Seite - siehe Salmen, siehe Sonntag - der
Sprache von Anfang an eine definitorische Macht unterstellt; und es galt dieselbe zu nutzen. Dies
gelang zum Beispiel durch das zum Teil nervtötende Beharren auf Ausdrücken wie
"Menschen mit HIV und AIDS", statt "AIDS-Kranker" oder dem Verbot des Unwortes
der frühen Jahre: nämlich "Patient" und der Einforderung der politischen
Korrektheit gegenüber den Opfern und ihrer ihnen zuzugestehenden Selbstbestimmung. Wichtige Vorraussetzung für die öffentliche Akzeptanz des
Selbstentwurfs aber war die relative Hilflosigkeit der Akteure der anderen Seite: den Ärzten
mit ihren insuffizienten Therapien. Den Haudrauf-Politikern mit ihren undurchführbaren und -
wie man später aus anderen Ländern erfahren musste - auch erfolglosen Radikalkuren der
Ausgrenzung bis hin zur Lagerhaltung. Den Moralisten und konservativen Klerikern mit ihren
unrealistischen Sexualanforderungen. Seither aber hat sich einiges geändert: Es kam zu einem Switch der
Wortwahl. Vor allem aber kam es zu einem Switch der Definitoren. Die Therapien sind erfolgreicher, die Haudrauf-Politiker und Sexualmoralisten
führen illegale Kriege ohne dafür abgewählt zu werden, und die Front der
Hauptbetroffenen erodiert unter dem Eindruck einer Fiktionalisierung der Wirklichkeit, die eine
Behandelbarkeit organisiert vorlügt welche so aber noch nicht besteht. "Normalisierung" und "Medizinalisierung" sind dabei nur
unvollkommene Beschreibungsversuche für den Prozess einer Verschiebung der definitorischen
Macht über das Subjekt des Menschen mit HIV vom Betroffenen hin zur Ärzteschaft, den
Werbefachleuten der Pharmaindustrie und bald vielleicht auch wieder den Schuld und Unschuld
unterscheidenden Moralisten aus Politik, Gesundheitsökonomie und Religion. Lassen sie mich Beispiele nennen: Heute morgen in einem Vortrag gehört:
"Es konnten 90 % der Patienten supprimiert werden." Ärzte bezeichnen ihre Kunden mit HIV praktisch in allen Vorträgen
der letzten Jahre wieder unwidersprochen als Patienten. Das tun sogar viele
Berufs-Community-Sprecher. Patient zu sein bedeutet aber im Gegensatz zum König Kunde nicht
selbstbestimmt sondern schutzbefohlen zu sein, ein Objekt eines handelnden - bestenfalls - Hirten.
Dieser kümmert sich zwar um das Wohlbefinden seiner Schafe, tut dies schließlich aber
doch auch, um sie zu scheren. Wiewohl - zugegeben - bisher kaum ein Fall des Schlachtens eines
dieser Lämmer bekannt geworden wäre, hat ihr Schweigen in letzter Zeit erheblich
zugenommen. Dieses schutzbefohlene Lamm nimmt nicht etwa an Studien teil, sondern es wird in
solche eingeschlossen wie in einen Pferch und zum Objekt der Beobachtung gemacht. Es wird
entpersonalisiert und vermessen, zwar theoretisch ausgestattet mit allen Rechten, aber doch durch
Entlohnung zum gekauften Objekt gemacht. Die Charité in Berlin buhlt geradezu offenherzig mit
Honoraren um die Versuchskaninchen in den schwulen Gazetten - die sich wiederum nicht schämen
das abzudrucken. Der Mensch mit HIV aber, der sich nun wieder unreflektiert als
"positiv" bezeichnet im Sinne einer Endgültigkeit und sich nicht scheuen soll, seine
Haut zu Markte zu tragen, steuert seinen Teil zu seiner eigenen Entrechtung bei: Er akzeptiert seinerseits das Urteil "Lebenslänglich" genauso wie
die Fremdeinschätzung seines Zustandes als "naiv" oder "gut laufend",
"ausbehandelt", "supprimiert" oder eben als "Versager". Wesentliches Merkmal seiner Infektion, nämlich die Todesgefahr, wird ihm von
Ärzten und Werbeleuten in einer organisierten Lüge genommen und damit seiner
Selbstbestimmung entrissen: "Da sein", "Die Zukunft erleben, die Gegenwart vereinfachen",
"Leb' Dein Leben wenn Du positiv bist", sind die Slogans der fiktionalisierten
Wirklichkeit der HIV-Infektion. Die Bilder dazu sind dem Idyll eines sorglosen Lebens in
Partnerschaft und großer heller Wohnung verführerisch konsumierbar entlehnt. Allenfalls
in Form einer Drohung bei Nicht-Einhaltung der Verschreibungsvorschriften von mahnenden Ärzten
wird dieses Bild durchbrochen. Tod und Sterben, Siechtum und soziales Scheitern dürfen nicht mehr vorkommen
und werden so der individuellen Ganzheit der einzelnen Person entrissen - ob böswillig oder mit
besten Absichten ist dabei von zweitrangiger Bedeutung. Wesentlich ist die Induktion der Blindheit
für die Qual, die mit der HIV-Infektion verbunden ist. Nach dem Switch der Wortwahl und dem Switch der Definitoren: kommt es nicht auch
zu einem Switch der Rezipienten dieser neuen Botschaften aus anderen Mündern? Dieses Newspeak
wird in der zweiten Welle der Epidemie offene Ohren finden. Die Lüge, die HIV nur noch mit Leben verbindet, den Opfern von HIV die Macht
der Selbstdefinition entreißt und das Gejammer über die nicht enden wollende Dynamik
einer Epidemie mit dem Wort "Verantwortlichkeit" beginnen lässt, wie jüngst die
Zeit-Artikel zum Welt-AIDS-Tag - das einzig beruhigende daran war für mich die Versicherung
Wolfgang Joops noch nie eine bareback-party besucht zu haben (wer weiß, wo ich hingelangt
hätte). Dies alles ist geeignet die Tür zur Schuldzuweisung bei den Rezipienten
aufzustoßen, die in den 80er Jahren mühsam genug von Sonntag und Salmen, von
Süßmuth und L'áge, von Rosh und Rock Hudson zugedrückt wurde beziehungsweise
zum Schweigen gebracht wurden. Es wird bereits unterschieden zwischen denen, die immer noch leben und denen die
sich neu infizieren; die moralischen Maßbänder die angelegt werden, sie tragen
verschiedene Einheiten. Mitleid - wenn es nicht mehr nötig zu sein scheint - kann sehr schnell
durch Wut ersetzt werden. Seien wir uns also der Worte bewusst, die wir verwenden. Achten wir
darauf, wer sie verwendet und wer sie hört. Sie haben definitorische Macht auch heute noch:
Macht im Sinne der Verzauberung oder der Verdammung, des Beistands oder der Ausgrenzung. In diesem Sinne wünsche Ihnen bei den zehnten die Hellhörigkeit der
ersten Münchner AIDS-Tage! (Anmerkung: Dieser Text war das Eröffnungsreferat der 10. Münchner
AIDS-Tage, die am letzten Wochenende stattfanden. Bernhard Bieniek ist Internist in einer
HIV-Schwerpunktpraxis in Berlin-Friedrichshain, Mitglied des Kuratoriums der Berliner Aids-Hilfe
e.V., Mitglied es Vorstands des Arbeitskreises AIDS Niedergelassener Ärzte Berlin e.V. und
Initiator des Kongresses "HIV im Dialog". Kontakt über www.praxis-bieniek.de) |
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