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Klausur in der Wildnis

Treffen der HIV.NET-Autoren auf Sardinien, 27.-31. Mai

von Bernd Sebastian Kamps

Paris, 1. April 2004 - In 8 Wochen ist es so weit: Vom 27. bis zum 31. Mai treffen sich die HIV.NET-Autoren auf Sardinien und beraten über HIV.NET 2005 (siehe auch unsere Meldung vom 12. Dezember 2003). Wer an menschenleere Sandstrände denkt, mit kristallklarem Wasser davor und blauem Himmel darüber, unterschätzt den Ernst der Sache. Kaum angekommen, verlassen die Autoren die Küste und begeben sich auf ein wildes Bergplateau in Klausur, allein mit 600 Schafen und ein paar Dutzend Kühen, in einem menschenleeren Quadrat von 30 mal 30 Kilometer. Dass das nächste Dorf nicht unter einer halben Autostunde zu erreichen ist, passt zum Charakter der Klausur. Abgeschlossen in der Wildnis des Agriturismo Testone.

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Die Abgeschiedenheit ist kein großer Verlust. Die Dörfer und Kleinstädte auf Sardinien sind - wie auch in weiten Teilen Süditaliens - trostlos und unansehnlich. Es ist, als wäre 30-jähriger Krieg gewesen oder als hätte jemand handliche, taktische Atomwaffen abgefeuert, eine auf jedes Dorf. Die Dörfer wurden in den 60er und 70er Jahren dem Erdboden gleichgemacht und hastig wieder aufgebaut, arm und gedankenlos. Wer ein Faible für urbane Ästhethik hat, wird sich auf Sardinien warm anziehen.

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Zudem zählen die Dörfer um Testone zu den Hardcore-Dörfern von Sardinien. Orune, Orgosolo, Mamioada, Fonni: Die Namen sind Legende und stehen immer noch für Raum jenseits der Zeit. Entführungen sind seltener als in den 70er Jahren, kommen aber noch vor. In den Bergen sind weiterhin "Latitanti" unterwegs, lokale Richard Kimbles auf der Flucht wegen irgendwas, auf dem Weg nach irgendwo. Einem Latitante gewährt man Zuflucht, wenn er an die Tür klopft, stellt keine Fragen und freut sich, wenn er wieder geht. Die Polizei erfährt nichts. Von der Blutrache, die verfeindete Familien über Jahrzehnte dezimiert, sind Touristen glücklicherweise nicht betroffen.

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Das Verhältnis zu Staat und Autorität ist zuweilen sonderbar auf der Insel, sichtbar unter anderem an den Ortsschildern. Grundprinzip ist: Nichts delegieren, die Dinge selbst in die Hand nehmen, kein staatliches Gewaltmonopol. Die Gleichgewichte, die dabei entstehen, sind allerdings prekär, und die Zeichen an der Wand für den Außenstehenden nicht immer korrekt interpretierbar. Oder wie würden Sie das Lämmlein auf dem Zaun deuten? Fahrlässige Tötung durch einen unachtsamen Verkehrsteilnehmer? Falsch, denn wieso wäre das Lamm gehäutet? Zustand nach Notschlachtung nebst Trocknen im Freien? Auch nicht, denn man trocknet auf Sardinien kein Fleisch. Gerissen durch einen Hund? einen Wolf? einen Bär?

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Nichts dergleichen. Aber wie soll man auch darauf kommen! Es gehört einige Phantasie dazu, in dem toten Tier die Morddrohung zu lesen. Mit Mord geht man freizügiger um auf der Insel, und sich den Tod anderer Menschen zu wünschen, ist nicht grundsätzlich tabu, sondern mitunter konsensfähig.

Zurück zum Lamm: Der Adressat ist der Besitzer des Weidezauns. Der ungefähre Wortlaut der Nachricht: "Dieses Mal war es nur dein Lamm..." Die HIV.NET-Autoren sorgen sich dennoch nicht, sie werden das Abenteuer überstehen. Sie werden spazieren gehen in den Bergen, nicht allein, sondern immer in der Gruppe. Sie werden darauf achten, keine Schafe zu überfahren. Sie werden vermeiden, sich von den Schafhirten nicht unter den Tisch saufen zu lassen. Sie werden, wenn sie eingeladen sind, dankbar annehmen, was man ihnen anbietet, egal, was es ist und wie es schmeckt, zur Not auch Brustdrüsen vom Schwein, Hoden vom Stier, Hirn vom Lamm oder Darmschlingen von der Ziege.
 


 

Die Überlebensstrategie ist klar: Nicht anecken, wenn man kein Heimspiel hat.


 

 
     
 

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