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ICAAC 2003 (3 von 4): Neue Konzepte, neue Substanzen und das vorläufige Aus für eine
Kombination aus TDF+3TC+ABC
Kongressbericht von der 43. ICAAC, 13. - 17. September 2003 in Chicago Besondere Aufmerksamkeit unter HIV-Behandlern erzielte eine Gruppe der Firma
"Therapeutic concepts" aus Houston/Texas mit ihrem Poster über Daten zur Behandlung
von Therapie-naiven, HIV-positiven Patienten mit nur einem HIV-Medikament: mit Kaletra [1]. Abbott
bemühte sich um Wahrung der Distanz zu dieser Gruppe, aber natürlich erweitert es der
Firma das propagierte Konzept, dass in den bisher vorliegenden Langzeitdaten bei Kaletra in
therapie-naiven Patienten auch nach 5 Jahren mit RTI-backbone noch keine PI-Resistenz beobachtet
wurde. Dennoch wirkt dieser Studienansatz unwillkürlich auf den ersten Blick ethisch
fragwürdig. Grundsätzlich stellt sich die Frage, ob dieser Effekt Resultat eines so
einzigartigen Protease-Hemmers ist, oder einfach die klinische Folge der Tatsache, dass diese
Substanz galenisch nur zusammen mit fix-dosiertem Booster (Ritonavir baby-dose) zur Verfügung
steht und eingesetzt werden kann. Die vorliegenden Daten mit Kaletra-Monotherapie bei einer leicht
erhöhten gewichts-adjustierten Dosierung (bei > 70 kgkg: 433 mg LPV plus 133 mg RTV BID)
zeigten bei 25 naiven HIV-Patienten einen über 24 Wochen anhaltenden virologischen Effekt,
schliesslich bei Viruslasten zwischen 400 und 5000 Kopien/ml, jedoch bei allen Patienten einen
Anstieg der CD4-Zellen von >100/ul. Auch in der nach 24 Wochen durchgeführten
Re-Sequenzierung des Protease-Genoms zeigten sich keine relevanten, neu aufgetretenen Mutationen
(lediglich 63P). Die Autoren schlussfolgern, dass diese geboosterte PI-Monotherapie bei naiven
Patienten eine Kosten- und Nebenwirkungen sparende Alternative darstellt. Zwei Late-Breaker erlangten ebenso unter HIV-Behandlern erhöhte
Aufmerksamkeit: Gallant JE et al. berichteten über ein once-daily RTI-Regime mit ABC und 3TC in
der einmal-täglicher Dosierung. Die doppelblinde, randomisierte Studie untersuchte zwei Arme
auf ihre Wirksamkeit, mit zusätzlich TDF oder EFV. Eine ungeplante Interim-Analyse wurde
aufgrund mehrerer Fälle von Therapieversagen notwendig. Bei den 194 Patienten, von denen
mindestens 8-Wochen-Daten zum Zeitpunkt der Auswertung vorlagen, waren in der TDF-Gruppe lediglich
49 % der Patienten unter 400 Kopien/ml, während dieser Anteil in der EFV-Gruppe bei 90 % lag.
Von den 45 sequenzierten Patienten, die unter TDF nicht ansprachen, zeigten fast alle eine
184V-Mutation im RT-Bereich und 24/45 Patienten zuätzlich die K65R-Muation, die zusammen mit
der 184er Mutation praktisch die Unbehandelbarkeit mit Nukleosid-Analoga (NUCs) bewirkt. Die Studie
bedeutet wohl das vorläufige Aus für once-daily Triple-NUC Therapieregime. Die EMEA, die
europäische Zulassungsbehörde, hat übrigens diesbezüglich bereits vor einigen
Wochen einen Warnbrief herausgegeben. Ihn kann man unter der Adresse
http://www.emea.eu.int/pdfs/human/press/pus/2019403en.pdf herunterladen. Es ist immer ein Vergnügen, Brian Gazzard aus London zuzuhören,
insbesondere, wenn er die vorläufigen Daten der ZODIAC-Studie präsentiert [3]. Das Regime
verglich once-daily (OD) vs. BID-Gabe von ABC zusammen mit 3TC OD und Efavirenz bei Therapie-naiven
Patienten. Die Ergebnisse zu Woche 48 waren in der antiretroviralen Effektivität vergleichbar
gut. Die Rate an ABC-Hypersensitivitätsreaktionen war im OD-Arm bei 9 % und im BID-Arm bei 7 %,
was keine neuen Sicherheitsbedenken aufwirft. Insgesamt stellen diese Ergebnisse eine wichtige neue
Option in der Therapie-Vereinfachung dar. Neue antiretroviral aktive Substanzen sind bei jedem Kongress interessant. Gert
Fätkenheuer aus Köln war es vorbehalten, allererste klinische Phase-I-Studienergebnisse zu
der neuen Klasse der CCR-5 Inhibitoren vorzustellen, der Pfizer-Substanz UK-427,857 [4]. Bei den 24
Patienten, die das Medikament über 40 Tage eingenommen hatten, wurden keine bemerkenswerten
Unverträglichkeitsreaktionen beobachtet. Die 100 mg-Dosis war der 25 mg-Dosis in der
Steady-State Langzeit-Pharmakokinetik überlegen in der Sättigung am CCR-5 Rezeptor. Die
mittlere Viruslast-Reduktion lag zu Tag 11 in der 100 mg-Dosis bei 1.43 log-Stufen. Interessant war
die Beobachtung, dass ein Patient, der bei Baseline bereits einen CD4-Rezeptor-Mischtyp exprimierte
(CCR-5 und CXCR-4 Mischtyp), virologisch überhaupt nicht ansprach. Man darf gespannt sein, was
sich in dieser Entwicklung tut, möglicherweise stellt diese Medikamenten-Klasse aber nur eine
begrenzte Hoffnung für "deep-salvage" Patienten dar, da in der fortgeschrittenen
HIV-Infektion meist ein Rezeptor-shift zu CXCR-4 vollzogen wird Abstracts: [1] Gathe JC, Washington M, Piot D, Mayberry C. Preliminary Pilot Data on the
Safety and Efficacy of Kaletra, LPV/r Dosed Alone for the Treatment of HIV in ARV-Naive Patients:
Greater Than or Equal 24 Data. 43rd ICAAC, Abstract: H-845, American Society for Microbiology,
September, 2003, page 314. [2] Gallant JE, Rodriguez AE, Weinberg W, et al. Early Non-Response to Tenofovir
DF (TDF) + Abacavir (ABC) and Lamivudine (3TC) in a Randomized Trial Compared to Efavirenz (EFV) +
ABC and 3TC: ESS30009 Unplanned Interim Analysis. 43rd ICAAC, LB-Abstract: H-1722a, American Society
for Microbiology, September 2003, Program/Abstracts addendum, page 19. [3] Gazzard BG, DeJesus E, Cahn P, et al. Abacavir (ABC) Once Daily (OAD) plus
Lamivudine (3TC) OAD in Combination with Efavirenz (EFV) OAD is Well-Tolerated and Effective in the
Treatment of Antiretroviral Therapy (ART) Naïve Adults with HIV-1 Infection: ZODIAC
Study-CNA30021. 43rd ICAAC, LB-Abstract: H-1722b, American Society for Microbiology, September 2003,
Program/Abstracts addendum, page 20. [4] Pozniak AL, Fätkenheuer G, Johnson M, et al. Effect of Short-Term Monotherapy with
UK-427,857 on Viral Load in HIV-Infected Patients. 43rd ICAAC, abstract H-443, American Society for
Microbiology, September 2003, page 305. |
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