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Dunkle Wolken am Himmel
HIV-1 Superinfektion stellt Therapiepausen und Impf-Strategien in Frage
von Georg Behrens
Die Bostoner Arbeitsgruppe um Bruce Walker hatte viel Aufmerksamkeit erlangt, als
sie die Wirkung der "Stop-and-go-Therapie" in der Akutherapie der HIV-Infektion zu untersuchen
begann. Die strukturierten Therapiepausen erschien nicht nur sicher, sondern vorteilhaft. Sie
verbesserten die HIV-spezifische Immunantwort, und das Immunsystem hielt auch in der
medikamentenfreien Zeit die Viruslast niedrig. Diese besondere Konstellation von akuter
HIV-Infektion und "on-off-Behandlung" wurde dadurch zur Quelle für neue Therapiestrategien und
zur Hoffnung auf eine erfolgreiche Impfung. Und doch ziehen über diesen Meldungen nun dunkle
Wolken auf. Sehr dunkle Wolken sogar, wie manche befürchten. Über einen Patienten, der unter den Therapiepausen einen zunächst
erfreulichen immunologischen Verlauf genommen hatte, berichtet Marcus Altfeld aus Boston nun in
Nature [1]. Nach anfänglicher Kontrolle der Virusreplikation ohne Medikamenten-Einnahme
war es plötzlich wieder zum Anstieg der Viruslast und Abfall der Helferzellen gekommen. Als
Ursache stellte sich nach genauen Untersuchungen eine Infektion mit einem zweiten HI-Virus heraus.
Dabei war die Immunantwort gegen das erste HI-Virus mit 25 erkannten CTL-Epitopen zum Zeitpunkt der
Zweitinfektion als ausgesprochen breit und gut eingeschätzt worden. Es gab zwar eine Reihe von
überschneidenden Immunantworten gegen HIV-Eptitope beider Viren, doch zumindest in sieben
immunogenen Regionen hatte das zweite Virus leichte genetische Veränderungen - und entkam
dadurch der schon etablierten CTL-Antwort. Darüber hinaus unterschied sich das zweite HI-Virus
genetisch vom ersten nur sehr wenig: beide waren vom HIV-1 Typ B. Das bedeutet also, daß sich
von einer breiten und effektiven CTL-Antwort gegen HIV keine sichere Vorhersagen zum Schutz vor
einer weiteren HIV-Infektion ableiten lassen. Noch mehr beunruhigt dieser Fall die Immunologen aber
deshalb, weil eine breitgefächerte und wirksame zelluläre Immunantwort gegen HIV als
Grundstein zum Erfolg eines HIV-Impfstoffes angesehen wird. Impfung also in weiter Ferne? In einem exzellenten Kommentar [2] erörtern Andrew McMichael und Sarah
Rowland-Jones aus Oxford der Ergebnisse in einem größeren Zusammenhang und versuchen, Mut
zu machen. Unbekannt sei z.B., wie häufig solche Superinfektionen vorkommen. Außerdem sei
das Immunsystem durch die erste HIV-Infektion schon beeinträchtigt gewesen und kann damit nicht
als Ausgangspunkt für eine präventive Impfsituation gelten. Zwei Dinge sind den
Kommentatoren am Ende wichtig: "Safer Sex" sollte essentielle Komponente antiretroviraler Therapie
und ihrer Pausen sein. Und zweitens: die Anstrengungen, einen HIV-Impfstoff zu entwickeln,
müssen ungeteilt und ungebremst vorangetrieben werden. Wer kann dazu schon nein sagen? |