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Was ist dran an T-20 ?

Eine Übersicht über die derzeitige Datenlage

von Christian Hoffmann

Kiel, 18. November 2002 - Kaum ein Tag vergeht derzeit, dass man nicht etwas zu T-20 (Enfurvitide, Fuzeon®) in den Medien hört und jeder zweite Patient fragt sich und seinen Arzt, warum er nicht das "neue Medikament aus Amerika" erhält. Aber was ist dran an T-20?

Zunächst: T-20 ist unter den Fusionsinhibitoren sozusagen der Prototyp. Es ist ein relativ großes Peptid, das aus 36 Aminosäuren besteht und daher wie Insulin subkutan gespritzt werden muss. Es bindet an eine Intermediärstruktur des HIV-Proteins gp41, die beim Eintritt von HIV in die Zielzelle - also während der Fusion - entsteht.


Die Vorgeschichte

In der initialen Studie wurde T-20 HIV-Patienten in verschiedenen Dosen als Monotherapie und intravenös gegeben. Dabei zeigte sich eine dosisabhängige Wirkung - in der höchsten Dosis von 2 x 100 mg täglich betrug die Senkung der Viruslast im Median knapp 2 Log-Stufen (Kilby et al. 1998).

Natürlich ist eine zweimal tägliche Infusion nicht praktikabel - und nur wenig später wurde die erste Studie zur subkutanen Gabe gestartet. 78 intensiv vorbehandelte Patienten erhielten T-20 zusätzlich zu einer stabilen HAART - entweder über eine Insulin-Pumpe oder zweimal täglich subkutan (Kilby et al. 2002). Auch hier zeigten sich dosisabhängige Effekte auf die Viruslast in beiden Armen (was gut ist). Die maximale Suppression war jedoch schon schwächer als bei den Infusionen mit einer maximalen Senkung 1.6 Logstufen. Wichtiger noch - der Effekt hielt nur kurz an - nach 28 Tagen war die Viruslast zumeist wieder auf dem Baseline-Niveau. Wesentliche Nebenwirkungen in dieser Studie waren (meist milde) Reaktionen an der Einstichstelle.

Langzeitbeobachtungen zeigten derweil, dass die Substanz auch auf längere Sicht gut vertragen wird (Lalezari et al. 2000) - in der T20-205-Studie erhielten 70 meist PI-vorbehandelte Patienten über 48 Wochen täglich 2 x 50 mg T-20 subcutan. Nur wenige Patienten brachen die Therapie aufgrund von Nebenwirkungen ab. Nach 48 Wochen waren zumindest bei etwa einem Drittel der Patienten noch ein konstanter Effekt auf die Viruslast nachweisbar - es wurde jedoch klar, dass von T-20 vor allem jene Patienten profitieren, bei denen zum Start des T-20 noch neue Substanzen in die HAART eingeführt werden können.

In der ersten Phase II-Studie (T20-206), zu der die 48-Wochen-Daten bereits vorliegen, wurde genau dies gemacht. Es erhielten 71 NNRTI-naive Patienten verschiedene T-20-Dosen zu einer neuen ART (Lalezari et al. 2002). Der zusätzliche Effekt von T-20 war hier eher schwach, aber immerhin noch vorhanden - die Studie war allerdings nicht dazu gedacht, Unterschiede in den einzelnen Armen aufzudecken. Dennoch schien spätestens nach dieser Studie klar, dass die bloße Hinzugabe von T-20 als "Monotherapie" nicht viel bringen würde. Rund zwei Drittel der T-20-Patienten hatten in dieser Studie (überwiegend milde) lokale Reaktionen an der Einstichstelle, ansonsten wurde T-20 auch hier recht gut vertragen.


Medienereignis T-20

Die vorläufigen und im Grunde unerwartet guten Daten zu den ersten Phase III-Studien sorgten nun im Sommer 2002 für erhebliches Aufsehen (Henry et al. 2002, Clotet et al. 2002). In TORO 1 ("T-20 vs. Optimized Regimen Only", früher T20-301-Studie) wurden 491 Patienten aus Nordamerika und Brasilien eingeschlossen. Die Patienten wurden im Verhältnis 2:1 randomisiert, zu einer optimierten HAART täglich 2 x 90 mg T-20 subcutan zu erhalten oder nicht (Henry et al. 2002). Die meist intensiv vorbehandelten Patienten hatten bei Einschluss zum großen Teil multiresistente Viren.

Die Resultate waren wirklich erstaunlich: Die zusätzliche Gabe von T-20 senkte die Viruslast gegenüber einer "nur" optimierten Therapie deutlich. Nach 24 Wochen betrug der Abfall der Viruslast 1.70 Logstufen im T-20-Arm gegenüber 0.76 im Kontrollarm - ein Unterschied von immerhin 0.93 Logstufen.

In TORO 2 (T20-302) wurde das gleiche Design an 504 Patienten in Europa und Australien getestet (Clotet et al. 2002). Hier lag der Unterschied nach 24 Wochen bei 1.43 versus 0.65 log-Stufen - ein Unterschied von immerhin noch 0.78 Logstufen.


Fazit, Bewertung und Ausblick

HIV-Patienten, deren Viruslast gut eingestellt ist oder die noch Optionen bei der "klassischen" HAART haben, brauchen kein T-20!

Im Salvagebereich kann die Substanz dagegen durchaus sinnvoll sein. Sie vollbringt allerdings auch hier keine Wunderdinge - der antivirale Effekt nach knapp einem Jahr liegt wohl bei knapp einer log-Stufe. Obwohl bislang keine Studien mit klinischen Endpunkten vorliegen, werden Patienten, bei denen derzeit neue antiretrovirale Optionen fehlen, sehr wahrscheinlich auch klinisch von der Substanz profitieren.

Mit der Zulassung von T-20, das demnächst im Rahmen eines beschränkten Expanded-Access-Programm verfügbar sein wird, ist wahrscheinlich im Frühjahr/Sommer 2003 zu rechnen. Vermutlich wird es aber selbst dann nicht sofort allen Patienten zur Verfügung stehen, da weiterhin erhebliche logistische Probleme in der Herstellung zu lösen sind. Roche zufolge handelt es sich um "eine der kompliziertesten Substanzen", die der Konzern je hergestellt hat: 106 Produktionsschritte sind zur Synthese notwendig. Man darf mit dementsprechend gesalzenen Preisen für die Substanz rechnen - der Preis für eine T-20-haltige HAART dürfte sich ohne weiteres verdoppeln.

Die Sensation, als die es derzeit verkauft wird ("Die grosse Hoffnung": http://www.abendblatt.de/daten/2002/07/09/44757.html) und als die es die Patienten über die Medien erreicht, ist T-20 sicher nicht. Neben den Medien, die teilweise sehr unseriös und bisweilen baren Unsinn über die Substanz berichteten, scheinen sich insbesondere Börsianer an der Substanz zu erfreuen. Unmittelbar nachdem bekannt wurde, Roche im Oktober 2002 von der US-Gesundheitsbehörde FDA ein beschleunigtes Zulassungsverfahren bewilligt bekam (damit wird die FDA innerhalb von sechs Monaten über die Marktzulassung entscheiden), stiegen die Roche-Aktien um fast 4 %.

Sensationell ist aus medizinischer Sicht eher die Tatsache, dass diese Art der Replikationshemmung überhaupt funktioniert. Auch scheint es denkbar, dass die Kombination aus verschiedenen Entry-Inhibitoren, die dann auch hoffentlich untereinander bzw. mit HAART synergistisch wirken, die HIV-Replikation suffizienter hemmen als es mit herkömmlicher HAART derzeit der Fall ist. Das T-20-Nachfolgepräparat T-1249, das jedoch mindestens zwei Jahre in der Entwicklung zurück ist, wird vermutlich besser sein.


Literatur

  1. Clotet B, Lazzarin A, Cooper D, et al. Enfuvirtide (T-20) in combination with an optimized background (OB) regimen vs. OB alone in patients with prior experience resistance to each of the three classes of approved antiretrovirals in Europe and Australia. Abstract LbOr19A. XIV International AIDS Conference 2002, Barcelona, Spain.
  2. Henry K, Lalezari J, O'Hearn M, et al. Enfuvirtide (T-20) in combination with an optimized background (OB) regimen vs. OB alone in patients with prior experience resistance to each of the three classes of approved antiretrovirals in North America and Brazil. Abstract LbOr19B, XIV International AIDS Conference 2002, Barcelona, Spain.
  3. Kilby JM, Hopkins S, Venetta TM, et al. Potent suppression of HIV-1 replication in humans by T-20, a peptide inhibitor of gp41-mediated virus entry. Nat Med. 1998;4:1302-1307. http://amedeo.com/lit.php?id=9809555
  4. Kilby JM, Lalezari JP, Eron JJ, et al. The safety, plasma pharmacokinetics, and antiviral activity of subcutaneous enfuvirtide (T-20), a peptide inhibitor of gp41-mediated virus fusion, in HIV-infected adults. AIDS Res Hum Retroviruses 2002, 18:685-93. http://amedeo.com/lit.php?id=12167274
  5. Lalezari J, Cohen C, Eron J, and the T20-205 study group. Forty eight week analysis of patients receiving T-20 as a component of multidrug salvage therapy. Abstract LbPp116, XIII International AIDS Conference 2000; Durban, South Africa.
  6. Lalezari J, DeJesus E, Northfelt D, et al. A Week 48 Assessment of a Randomized, Controlled, Open-Label Phase II Trial (T20-206) Evaluating 3 Doses of T-20 in PI-Experienced, NNRTI-Naïve Patients Infected with HIV-1. Abstract 418, 9th CROI 2002, Seattle, USA. http://63.126.3.84/2002/Abstract/13592.htm



 

 
     
 

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