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Neue Medikamente in Barcelona – ein Update
17. Juli 2002 - Wie groß das Interesse an
neuen antiretroviralen Substanzen ist, zeigte sich bereits am Montag, als die
Session „New Drugs, New Targets“ hoffnungslos überfüllt war. Können sich das
die Organisatoren nicht eigentlich denken? Während zeitgleich in einem riesigen
Saal über die Community-Beteiligung an Impfstudien in Brasilien diskutiert
wurde – ein wichtiges Thema, zweifelsohne - standen Hunderte bei dieser
spannenden Session vor der Tür. Macht nix: HIVNET war dabei. Entry-Hemmer –
es tut sich was
Einen relativ großen Raum
nahmen die Integrase-Hemmer ein. Hier scheint es nun wirklich
entscheidende Schritte voran zu gehen. Daria Hazuda von M.S.D. präsentierte
mehrere Moleküle, die die HIV-Integrase inhibieren und dabei eine erstaunlich
hohe Resistenzbarriere haben [TuPeA4371]. Eine vielversprechende Substanz
scheinen insbesondere L-870,810 und L-870,812 zu sein, beides
oral einzunehmende Integrasehemmer, die sich im Tierversuch an Affen als erstaunlich
potent erwiesen [LBPE9007]. Resistenzen waren messbar, aber erstaunlicherweise
nicht mit einem Rebound assoziiert. Aber auch andere Firmen sind dran an den
Integrase-Hemmern: Tamio Fujiwara von Shionogi USA, Inc. berichtete über die
bereits auf der CROI in Seattle vorgestellten Resultate einer Phase-1-Studie
mit dem Integrase-Hemmer S-1360 an gesunden Probanden [TuPeB4431]. In
verschiedenen Dosierungen zeigte sich ein annehmbares Nebenwirkungsprofil. Auch
die Pharmakokinetik scheint günstig zu sein [TuPeB4436]. Bahige M. Baroudy stellte
die neuen CCR5-Corezeptor-Inhibitoren von Schering vor [MoOr138]. SCH-C
wird als Monotherapie derzeit in Phase-1-Studien getestet. Take-Home-Message:
Es funktioniert, die Viruslast sinkt in den höheren Dosierungen um etwa eine
Logstufe, die bislang beobachteten EKG-Veränderungen (QT-Verlängerungen) sind
moderat. Allerdings wird sich die Firma
wohl mehr auf die Nachfolgesubstanz SCH-D zu konzentrieren –
diese scheint, wenngleich in der Entwicklung noch etwas hinterher, deutlich
besser zu sein, zumindest was die Labordaten angeht. SCH-D wirkt ausserdem
gegen SCH-C-resistente Stämme, die orale Bioverfügbarkeit ist gut. Bislang
wurde kein Korezeptor-Switch beobachtet. Aber auch außerhalb von
Schering wird emsig geforscht. Der monoklonale Antikörper Pro-140
befindet sich noch in Tierversuchen, wird jetzt aber in erste Phase-I-Studien
übergehen [TuPeA4363]. Bei dem CXCR4-Rezeptor-Antagonisten AMD3100,
dessen Produktion wegen der Induktion von Herzrhythmusstörungen und fast
fehlender Wirksamkeit im Mai 2001 eingestellt worden war, ist möglicherweise
das letzte Wort noch nicht gesprochen. Zumindest scheinen resistente Viren
deutlich weniger fit zu sein [WePeA5728]. Vielleicht ist AMD-070, ein
oral bioverfügbarer CXCR4-Antagonist, da etwa besser [MoOrA141B]. Bei den Attachment-Inhibitoren
sind mittlerweile frühe Phase-II-Studien abgeschlossen. Insbesondere Pro-542
scheint vielversprechend zu sein. Erfreulicherweise sind die Effekte unabhängig
von der Zellart – auch die Infektion von Makrophagen oder dendritischen Zellen
wird gehemmt [TuPeA4345]. Bei guter Verträglichkeit liess sich im
Salvage-Bereich eine Senkung der Viruslast um 0.5 bis 0.7 Logstufen erreichen. Bei den Fusionsinhibitoren
drehte sich einmal mehr alles um T-20, das nun auch einen neuen Namen bekommen
hat: Seit einigen Wochen trägt es nun den Namen Enfuvirtide. Zu
Enfuvirtide wurden die Daten der TORO 1 (T-20 vs. Optimized Regimen Only)
vorgestellt. Fazit: Gegenüber einer optimierten Therapie senkt Enfuvirtide nach
24 Wochen die Viruslast zusätzlich um etwa 0.9 log-Stufen [LBOr19A/B]. Immerhin
98 % entwickelten Komplikationen an der Einstichstelle, allerdings führten
diese nur in 2 % zu einem Abbruch. Überdies fühlen sich die Patienten offenbar
durch die täglichen Injektionen nur gering beeinträchtigt [TuPeB4480]. Der Ort
der Einstichstelle spielt für die Resorption keine Rolle [TuPeB4542]. Die
Empfindlichkeit von HIV für Enfuvirtide ist primär nur selten herabgesetzt
[MoPeA3026]. Einfache Substitutionen im gp41-Gen (Codons 36-45), die die
Wirksamkeit von Enfuvirtide deutlich reduzieren, finden sich in der
HIV-Population nur selten, betonte Michael Greenberg [MoOrA13]. Allerdings: Die
Sensation, als die es derzeit den Medien verkauft wird und als die es mediennutzende
Patienten erreicht, ist Enfuvirtide sicher nicht. Anderseits scheint es
denkbar, dass die Kombination aus verschiedenen Entry-Inhibitoren, die dann
auch hoffentlich untereinander bzw. mit HAART synergistisch wirken, die
HIV-Replikation suffizientier hemmen als es mit herkömmlicher HAART derzeit der
Fall ist. Nukes, PIs, NNRTIs – welcome back, Capravirine
In seinem
Übersichtsvortrag rauschte Rob Murphy aus Chicago wie gewohnt souverän-spritzig
durch seine Dias [MoOrA15]. Zahlreiche neue Substanzen wurden bei ca. 50 Slides
in 15 Minuten angerissen, darunter die Nukleosidanaloga ACH 126442, SPD754
und SPD756 (jetzt bei Shire Pharmaceutical Development gelandet, früher:
BCH-13520). Diese werden möglicherweise bei multiresistenten Viren zum Zuge
kommen. Der atemlose Zuhörer erfuhr, dass SPD756 in gesunden Probanden
hinsichtlich unerwünschter Wirkungen sehr sicher war und vernünftig resorbiert
wird [siehe auch WePeB6050], dass DAPD jetzt Amdoxovir heisst,
dass MIV-310 (Alovudine) in reduzierter Dosis nun doch weiterentwickelt
wird und dass bei Fd4C die Toxizität noch unklar ist. Alles klar? Die wichtigste und
bleibende Nachricht war vielleicht die Renaissance von Capravirine. Die
Entwicklung dieser schon relativ weit beforschten Substanz, einem NNRTI mit sehr
günstigem Resistenzprofil, war im Januar 2001 von der amerikanischen FDA
gestoppt worden, nach dem Tierversuche an Hunden eine erhöhte Inzidenz für
schwere Vaskulitiden ergeben hatten (hivnet berichtete am 01. Februar 2002
). Für Menschen scheint dies gottlob
nicht zu gelten, wie jetzt eine detaillierte Untersuchung der Firma Pfizer
ergab [MoPeC3505]. Klinische Studien werden derzeit weltweit wieder aufgenommen
- für alle Patienten mit NNRTI-Resistenzen sicherlich eine gute Nachricht. |
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Wichtiger Hinweis für die Leser
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