Nachrichten
zur Übersicht
Neue deutsch-österreichische Richtlinien zur antiretroviralen Therapie in der Schwangerschaft erschienen
Eine Art Leserbrief
von
Philip Aries
28. Juni 2002 - In der letzten Ausgabe des Deutschen Ärzteblattes wurden die
Ergebnisse einer Konsensuskonferenz verschiedener deutschen und
österreichischen Fachgesellschaften zur antiretroviralen Therapie in der
Schwangerschaft veröffentlicht [1, Richtlinien
zunächst lesen]
Aus verschiedenen Gründen möchte ich vorschlagen, diesen
Beitrag nicht als Behandlungsrichtlinie zu akzeptieren.
Formale
Kritik
1. Die Empfehlungen sind nicht aktuell und
nicht umfassend
Sie
basieren auf den Ergebnissen einer Konsensuskonferenz, die im September 2000 in
Bochum stattfand und sind daher nicht auf dem aktuellen Kenntnisstand. Aussagen
zu wichtigen Fragen der antiretroviralen Therapie in der Schwangerschaft fehlen
– zum Beispiel zur Bedeutung von Messungen der Medikamenten-Spiegel oder zur
Frage, ob bestimmte Therapieregime für „Small-for-Date-Babys“ verantwortlich
sind. Es fehlen ebenso Warnungen, dass Rauchen das Transmissionsrisiko erhöht
und Hinweise auf Interaktionen zwischen antiretroviralen Medikamenten und
solchen die in der Geburtshilfe eingesetzt werden (z.B. Midazolam).
2. Die Validität der Empfehlungen ist nicht
zu beurteilen
Anders als international üblich findet sich im Text
keine Graduierung der Solidität der Daten, auf denen diese Empfehlungen
beruhen. Es ist also nicht erkennbar, was aus kontrollierten Studien gelernt
wurde und was nur die persönliche Meinung der Konferenzteilnehmer ist. Dies ist
umso bedauerlicher, da sich die Qualifikation der Experten als wenig
eindrucksvoll darstellt. Von den 52 Experten, die an der Konsensuskonferenz
teilnahmen, haben offensichtlich 40 auf
diesem Gebiet noch nicht wissenschaftlich gearbeitet (Medline, Pubmed,
16.06.02, Suchworte: Name, HIV, vertical transmission) und von den
verbleibenden wird die Mehrzahl lediglich als Autor bzw. Koautor von anderen
Richtlinien und Reviews geführt.
3. Teilweise missverständliche
Formulierungen
So entsteht bei der Lektüre des Absatzes „HIV-Transmissionsprophylaxe bei
Standardrisiko“ der Eindruck, dass bei
positivem HIV-Test in der Praxis des Gynäkologen allein eine Beratung durch Gynäkologen
und Pädiater über das Transmissionsrisiko erfolgen solle. Die Gesundheit und das Wohl der Frau
scheinen hier etwas aus Fokus ärztlichen Handelns geraten zu sein, denn der
werdenden Mutter sollten lediglich „Adressen und Telefonnummern weiterer Beratungsangebote
zur Verfügung gestellt werden“.
Inhaltliche Kritik
1. Die mütterliche
Indikation zur antiretroviralen Therapie
Eine mütterliche Therapie-Indikation wird
angenommen bei asymptomatischen
Patientinnen mit < 250 CD4-Zellen/ml (und/oder?) einer Viruslast von > 30-50.000
Kopien/ml, wobei hier leider versäumt wurde, das Messverfahrens anzugeben
(RT-PCR und bDNA können sich um bis zu einem Faktor 2 unterscheiden).
Auf welchen Daten die mutige Festlegung auf genau
250 CD4- Zellen/ml beruht, bleibt leider unklar. Denen im Text
zitierten deutsch-österreichischen Guidelines aus dem Jahr 1998 [2] kann diese
Empfehlung nicht entstammen, denn hier befürworten die zum Teil gleichen
Autoren noch einen sehr viel früheren Therapiebeginn. Die jüngsten US-Empfehlungen zur HIV-Therapie von Heranwachsenden
und Erwachsenen [3] aus dem Mai 2002 schlagen unabhängig von der Viruslast
zwischen 200 und 350 CD4-Zellen/µl vor, dem Patienten eine antiretroviraler
Therapie anzubieten und ihn darüber aufzuklären, dass erst bei unter 200
CD4-Zellen/µl der positive Effekt einer Therapie als gesichert gelten kann.
2. Risikoadaptiertes Vorgehen
Es gibt keinen Schwellenwert, unterhalb dessen eine
vertikale Transmission ausgeschlossen ist, und auch bei Frauen mit einer sehr niedrigen
Viruslast kann eine antiretrovirale Therapie das vertikale Transmissionsrisiko
reduzieren [4]. Deswegen sehen die im Februar veröffentlichten
US-amerikanischen Richtlinien [5,6] vor, alle
Frauen mit einer wirksamen Therapie zu versorgen, die die virale Replikation
soweit messbar komplett unterdrückt. Lediglich für die kleine Gruppe Frauen mit
weniger als 1.000 Kopien/ml (nicht 10.000!) halten die amerikanischen Experten
in Einzelfällen eine Zweifach anstatt einer Dreifach-Therapie für diskutabel. Eine
auch nur vierwöchige Monotherapie mit AZT, wie in den deutsch-österreichischen
Empfehlungen vorgesehen, gefährdet die Gesundheit der Mutter, da die
Möglichkeit besteht, dass sich Resistenzen ausbilden und zukünftige
Therapieoptionen dadurch eingeschränkt werden. Auch wenn man einschränken muss,
dass dies unter den gesunden PACTG 076-Teilnehmerinnen wohl nur selten passiert
ist. Die vorgeschlagene AZT-Dosierung mit 5 x 100 mg/die entstammt auch dem
PACTG 076-Protokoll - sie ist ohne belegten oder auch nur theoretischen
pharmakokinetischen Vorteil und beeinträchtigt die Lebensqualität der werdenden
Mutter erheblich.
3. Therapiebeginn
am Tag 0 der 32. Schwangerschaftswoche
Diese fixe Vorgabe entbehrt der Unterstützung durch
publizierte Daten. In den US-Richtlinien wird daher wesentlich vorsichtiger
formuliert – nämlich dass mit dem Beginn einer antiretroviralen Therapie bis
nach der 12 Schwangerschaftswoche gewartet werden kann wenn die Frauen dies
wünschen [5,6].
4. Abschätzung der möglichen Schädigung
durch intrauterine Exposition mit antiretroviralen Substanzen
Über die Frage einer Therapieunterbrechung in der
Frühschwangerschaft sollte mit einer bereits antiretroviral behandelten Frau
ergebnis-offen diskutiert werden. In die Entscheidung wird dabei nicht nur die
Sorge um eine eventuelle Schädigung des Kindes einfließen, sondern auch
praktische Faktoren wie die Schwangerschaftsübelkeit. In dem Gespräch mit der
Frau müssen wir Ärzte ehrlich genug sein, zu sagen, dass wir nicht wirklich
wissen, ob die intrauterine HAART Exposition schadet oder nicht. Eine
Beschränkung auf Studienergebnisse mit einer bestimmten Richtung, wie hier in
den Richtlinien geschehen, hat im Interesse einer aufgeklärten und für sich
selbst entscheidenden Patientin zu unterbleiben. Es stimmt nicht, wie im Text
erwähnt, dass früh antiretroviral behandelte Schwangere ein gesichertes
2,5-faches Risiko für eine Frühgeburt haben. Dieser Eindruck entstand nach der
Auswertung der European Collaborative- und Swiss Mother + Child HIV Cohort-Studien.
Bei 3.920 Mutter/Kind Paaren war der Anteil an Frühgeburten bei den 6 % der
antiretroviral behandelten Frauen erhöht [7]. In einer Metaanalyse mehrer
Studien mit insgesamt 1.472 Frauen, von denen 78 % unter HAART standen, ließ
sich dieses Ergebnis aber nicht bestätigen. Tatsächlich hatten die höchste Rate
an Frühgeburten Frauen ohne jede Form antiretroviraler Therapie [5, 8]. Zu
einem ähnlichen Ergebnis kommt auch eine jüngst im New England Journal
publizierte zweite Metaanalyse [9]. Die Daten ergaben keine Hinweise auf eine
Assoziation von HAART in der Schwangerschaft mit der Rate an Totgeburten,
Frühgeburten, Geburtsgewicht oder APGAR Score. Beunruhigend war aber der
statistische Trend, dass Frauen unter PI-Kombinationen häufiger Kinder mit sehr
niedrigem Gewicht auf die Welt brachten. Auch die Hinweise auf eine auf mögliche intrauterine
Schädigung sind widersprüchlich. In der zitierten französischen Studie fanden
sich in dem retrospektiv analysierten Kollektiv von 1.754 HIV negativen Kindern
insgesamt acht Kinder mit zum Teil sonst extrem seltenen neurologischen
Erkrankungen unter AZT bzw. AZT/3TC [10].
Der Versuch, dies durch die Analysen von großen
amerikanischen Datenbanken (> 15.000 Kinder) zu bestätigen, gelang jedoch
nicht [11]. Auch eine prospektive Studie an 1798 Kindern, bei denen 382 auch
echokardiographisch nachbeobachtet wurden, ergab keine Hinweise auf teratogene
Schäden durch AZT/3TC Exposition in utero [12].
5. Entbindungsmodus
Die Vorgabe einer Kaiserschnitt-Entbindung für alle
HIV-infizierten Schwangeren entspricht nicht dem aktuellen Stand der
Wissenschaft. Während in der Zeit vor antiretroviraler Kombinationstherapie der
Kaiserschnitt das vertikale Transmissionsrisiko um 55-80% reduzieren helfen
konnte, fehlt es an Daten aus kontrollierten Studien, die belegen, dass sich
dieser Vorteil auch auf suffizient behandelte Frauen mit nicht nachweisbarer
Viruslast übertragen lässt. Die ersten kleineren nicht randomisierten Studien
lassen vielmehr vermuten, dass dies nicht der Fall ist [13]. Bei einem zu
erwartenden Transmissionsrisiko von 1-2 % mit suffizienter Therapie und
vaginaler Entbindung soweit aus geburtshelferischen Gesichtspunkten möglich,
ergäbe sich selbst bei einem theoretisch angenommenen, unrealistisch hohem,
zusätzlichen Benefit von 50 % für den prophylaktischen Kaiserschnitt eine NNT (Number needed to treat, Anzahl der Patienten, die
behandelt werden müssen um ein unerwünschtes Ereignis zu verhindern) von
100-200. Selbst bei dieser vermutlich übertrieben hoffnungsvollen Konstruktion
müssten sich bis zu 199 Frauen operieren lassen, ohne dass ihr eigenes Baby
davon einen Vorteil hätte! Auf der anderen Seite sind die mütterlichen
postpartalen Komplikationen nach Kaiserschnittentbindung unabhängig vom HIV
Status der Frau um mehr als das Zweifache erhöht [14, 15] und Babys, die vor
der 39.Woche per Kaiserschnitt entbunden werden, haben ein zumindest leicht
erhöhtes Risiko beatmet werden zu müssen [16]. Entsprechend den amerikanischen
Richtlinien, sollte diese keineswegs eindeutige Datenlage mit jeder HIV
infizierten Schwangeren mit nicht nachweisbarer Viruslast unter HAART erörtert
und eine eventuelle Entscheidung für eine vaginale Entbindung respektiert
werden [5,6].
Ich denke, dass Frauen in Deutschland und
Österreich Anspruch auf ein entsprechend differenziertes Vorgehen haben.
Literatur und Links:
[1] Grosch-Wörner I, Brockmeyer N, Marcus U,
Buchholz B, Beichert M, Grubert T, Gingelmaier A. HIV-Therapie in der
Schwangerschaft: Optimierung der Transmissionsverhinderung bei Minimierung
unerwünschter Arzneimittelwirkungen. Deutsches Ärzteblatt 2002, A:1674
[2] Deutsch-Österreichische Richtlinien zur
antiretroviralen Therapie der HIV-Infektion. Epidemiologisches Bulletin 1998;
Sonderheft I/98 – 20. Februar 1998
[3] Guidelines for the Use of
Antiretroviral Agents in HIV-Infected
Adults and Adolescents, (pdf. Datei)
[4] Ioannidis JP, Abrams EJ, Ammann A, et al. Perinatal transmission of
human immunodeficiency virus type 1 by pregnant women with RNA virus loads
<1000 copies/ml. J Inf Dis
2001,183:539-45
[5] Recommendations for Use of Antiretroviral
Drugs in Pregnant HIV-1-Infected Women
for Maternal Health and
Interventions to Reduce Perinatal HIV-1
Transmission in the United States. (pdf. Datei)
[6] Watts DH. Management of human immunodeficiency
virus infection in pregnancy. N Engl
J Med 2002, 346:1879-91.
[7] The European
Collaborative Study and the Swiss Mother+Child HIV Cohort Study. Combination
antiretroviral therapy and duration of pregnancy. AIDS 2000, 14:2913-20.
[8]
Brocklehurst P, French R. The association between maternal HIV infection and
perinatal outcome: a systematic review of the literature and meta-analysis. Br J Obstet
Gynaecol 1998: 836-48
[9] Tuomala RE, Shapiro DE, Mofenson LM, et al.Antiretroviral therapy
during pregnancy and the risk of an adverse outcome. N Engl J Med 2002, 346:1863-70. Abstrakt
[10] Blanche S, Tardieu M,
Rustin P. Persistent mitochondrial dysfunction and perinatal exposure to
antiretroviral nucleoside analogues. Lancet 1999, 354:1084-9
[11] Dominguez K, Bertolli
J, Fowler M, et al. Lack of definitive severe mitochondrial signs and symptoms
among deceased HIV-uninfected and HIV-indeterminate children < or = 5 years
of age, Pediatric Spectrum of HIV Disease project (PSD), USA. Ann N Y Acad Sci
2000, 918: 236-46
[12] Lipshultz SE, Easley
KA, Orav EJ, et al. Absence of cardiac toxicity of zidovudine in infants.
Pediatric Pulmonary and Cardiac Complications of Vertically Transmitted HIV
Infection Study Group. N Engl J Med 2000, 343:759-66
[13] Clarke SM, Mulcahy F,
Healy CM, Condon S, Butler KM.The efficacy and tolerability of combination
antiretroviral therapy in pregnancy: infant and maternal outcome. Int J STD
AIDS 2000:220-3
[14] McMahon MJ, Luther ER,
Bowes WA Jr, Olshan AF.Comparison of a trial of labor with an elective second
cesarean section. N Engl J Med 1996, 335:689-95
[15] Read JS, Tuomala R, Kpamegan E, Zorrilla C, Landesman
S, Brown G, Vajaranant M, Hammill H, Thompson B. Mode of delivery and
postpartum morbidity among HIV-infected women: the women and infants
transmission study. J Acquir Immune Defic
Syndr 2001, 26:236-45 Abstrakt
[16] Parilla BV, Dooley SL,
Jansen RD, Socol ML.Iatrogenic respiratory distress syndrome following elective
repeat cesarean delivery. Obstet Gynecol 1993, 81:392-5