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Paradoxe Verschlechterung der Tuberkulose unter HAART
von Philip Aries 07. Dezember 2001 - Herr A. kommt aus Afrika und hat
Tuberkulose. Sein Arzt verschreibt ihm Tabletten, die er ganz gut verträgt. Der
Husten wird besser, das Essen schmeckt wieder und er nimmt Gewicht zu. Der
routinemäßig durchgeführte HIV Test ist leider positiv. Sein
Richtlinien-gläubiger Arzt verschreibt ihm bei 390/µl CD4 Zellen eine wenig
„interaktive“ Kombination aus AZT, 3TC, ABC und vier Wochen später beginnen die
Probleme. Er hat Fieber, Luftnot schon beim Anziehen und sein Röntgenbild wird
wieder schlechter. Paradoxe Verschlechterungen
unter der Therapie kennt man schon aus der Frühzeit der TB Therapie [1]. Aber
während dieses Phänomen bei HIV-negativen Patienten ziemlich selten ist (etwa 2
%), sprechen retrospektive Studien von über 10 % bei den HIV/TB Koinfizierten
[2]. Der postulierte Pathomechanismus sieht ein wiedererstarktes Immunsystem
als die Ursache des Problems, denn eine TB-Therapie verbessert die unter
florider Infektion weitgehend brachliegende Produktion der Zytokine IL-1 und
IL-2 [3] und die T-Zell-Antwort auf Mykobakterien [4]. Auch eine HIV-Therapie
resultiert in einer gesteigerten CD4-Zellproliferation und IFN-g Produktion als
in vitro Antwort auf Mykobakterien
[5]. Ob aber tatsächlich gleichzeitige HAART das Risiko der paradoxen
Verschlechterung erhöht, ist etwas umstritten: Narita et al. beschreiben bei 36
% der Patienten mit gleichzeitiger TB und HIV-Therapie eine paradoxe
Verschlechterung, während bei den nur TB
behandelten Koinfizierten die Inzidenz nur 7 % gewesen sein soll. Und
auch der zeitliche Zusammenhang spricht vor einen negativen Synergismus von TB
und HIV- Therapie. Im Durchschnitt kam es 6.4 Wochen nach Beginn einer
antiretroviralen Therapie zur paradoxen Verschlechterung [6]. In einer anderen
kürzlich erschienenen retrospektiven Analyse ergab sich allerdings kein
Zusammenhang zwischen HAART und dem Risiko einer paradoxen Verschlechterung der
TB [7]. Ebenfalls gegen die Theorie einer HIV-Immunrekonstitution als Auslöser
spricht die Tatsache, daß das Phänomen bei jeder CD4-Zellzahl beobachtet wird
und scheinbar auch unabhängig von dem Anstieg der Zellen unter Therapie ist
[2]. Auf jeden Fall haben Patienten mit extrapulmonaler TB Manifestation ein
erhöhtes Risiko eine derartige Verschlechterung nach einigen Wochen TB Therapie
zu erfahren [7]. Meist kommt es dabei zu Fieber und neuen pulmonalen Infiltraten im Röntgenbild, seltener
beschrieben sind neue Pleuraergüsse
und eine hiläre Lymphadenopathie, so dass gerade letzteres einen auch an
die Differentialdiagnose Lymphom denken lassen sollte [8]. Der klinische
Verlauf der paradoxen Verschlechterung ist sehr variabel. Die Beschwerden
halten Tage bis Monate an, und auch Rezidive sind beschrieben. Keiner der
bislang in der Literatur beschriebenen 38 Patienten ist daran gestorben. Bei 13
von ihnen wurden Steroide (20 mg bis zu 1 mg/kg) eingesetzt, bei einigen auch
NSAID. Wie es scheint, können beide Substanzgruppen die Beschwerden lindern.
Ohne dass es zu einer weiteren TB-Exazerbation gekommen wäre. Allerdings gibt
es Daten, die eine erhöhte Rezidivrate von 33 % vs. 5 % bei Patienten mit
paradoxer Verschlechterung nach Abschluß der Therapie beschreiben [7], so dass
man möglicherweise besonders bei den Patienten, die zwischenzeitlich Steroide
erhalten haben, die Therapiedauer
ausweiten sollte. Nach einem Jahr
TB/HIV-Therapie geht es Herrn A. gut und sein Arzt nimmt sich wieder einmal
vor, in Zukunft erst die TB und dann die HIV Infektion zu attackieren. Literatur und Links [1] Am Rev Tuberc 1955;
72:527 [2] Narita M, Ashkin D,
Hollender ES, Pitchenik AE. Paradoxical
worsening of tuberculosis following antiretroviral therapy in patients with
AIDS. [3] Ellner JJ, Wallis RS. Immunologic aspects of mycobacterial infections. [4] Dannenberg AM Jr. Immune mechanisms in the pathogenesis of pulmonary
tuberculosis. Rev Infect Dis 1989, Suppl 2: S369-78. Review. Abstract [5] Wendland T, Furrer H,
Vernazza PL, Frutig K, Christen A, Matter L, Malinverni R, Pichler WJ. HAART in HIV-infected patients: restoration of
antigen-specific CD4 T-cell responses in vitro is correlated with CD4 memory
T-cell reconstitution, whereas improvement in delayed type hypersensitivity is
related to a decrease in viraemia. AIDS 1999, 13:1857-62
Abstract [6] Orlovic D, Smego RA Jr. Paradoxical tuberculous reactions in
HIV-infected patients. Int J Tuberc Lung Dis 2001, 5:370-5. Review
Abstract [7] Wendel K, Alwood K, Gachuhi R, Chaisson R, Bisha W, Sterling T. Paradoxical Worsening of Tuberculosis in
HIV-Infected Persons. Chest 2001, 120: 193-197
Abstract
[8] Fishman JE, Saraf-Lavi E, Narita M, Hollender ES, Ramsinghani R,
Ashkin D. Pulmonary tuberculosis in AIDS patients: transient chest radiographic
worsening after initiation of antiretroviral therapy. Am J
Roentgenol 2000, 174: 43-9 Abstract |
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