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Hyperlipidämie - droht wirklich eine Infarktepidemie?
von Georg Behrens 3. Hyperlipidämie und Atherosklerose
13. November 2001 - Acht
Poster und ein großer Übersichtsvortrag beschäftigten sich mit diesem Thema. Vincent
Mooser, Lausanne, betitelte seinen Vortrag provokativ mit der Frage: “Towards
an epidemic of cardiovascular events?” Alle bisher publizierten Arbeiten
zusammengenommen sind eher widersprüchlich, und die Frage des kardiovaskulären
Risikos durch die metabolischen Nebenwirkungen konnte auch in Athen nicht
zufriedenstellend beantwortet werden. Größere und prospektive Studien sind
notwendig und laufen derzeit. Sie werden hoffentlich handfeste Daten, mehr
Wissen über pathogenetische Zusammenhänge und klinische Empfehlungen mit sich
bringen. Viele
der in Athen vorgestellten Studien haben Schwächen im Design, der Auswahl der
Patienten, den berücksichtigten Komplikationen und der begrenzten Fallzahl. Diese
Limitationen liegen aber in der Natur der Fragestellung und müssen oft in Kauf
genommen werden, solange bessere Studienergebnisse auf sich warten lassen. In
einem sehr guten Vortrag faßte Vincent Mooser nochmals die prävalenten
metabolischen und anderen Störungen zusammen, die ein erhöhtes kardiovaskuläres
Risiko unter HAART implizieren: hohes LDL, niedriges HDL, Hypertriglyceridämie
(?), hohes Lipoprotein (a), Insulinresistenz und Diabetes mellitus,
Hyperinsulinämie, zentrale Adipositas, Hypertension, Rauchen, chronische
Inflammation etc. Durch den Vergleich mit gesunden Kontrollkollektiven kam er
zu dem Schluß, das besonders junge HIV-infizierte Patienten mit den erwähnten
Faktoren ein relevant erhöhtes kardiovaskuläres Risoko haben müßten. Zu ähnlichen
Ergebnissen kommen auch zwei unabhängige Studien mit vergleichbarem Design. Sie
kalkulierten das 10-Jahres Risiko für koronare Herzerkrankungen basierend auf
der Framingham Heart Study und fanden ein relevantes Risiko in 6-7% der
Patienten unter HAART, besonders bei Patienten mit Lipodystrophie (Abstract #
51 und # 60). Eine französische Arbeitsgruppe (Abstract # 112) analysierte das
Risiko von HIV-Patienten unter Proteaseinhibitortherapie im Vergleich zur
“Normalbevölkerung” - gematched für den body-mass-index (French-MONICA
Project). Die Prävalenz von Hypertonie (RR systolisch > 160 mmHg,
diastolisch > 95 mmHg) war geringer bei HIV-Patienten, die Prävalenz von
Rauchern aber deutlich höher. Gesamtcholesterin und LDL war vergleichbar (!),
das HDL aber niedriger bei HIV-Patienten unter Therapie. Die Prävalenz eines
Diabetes mellitus war in beiden Gruppen gleich. Auf der Basis des French PRIME
Cohort Modells war das kalkulierte kardiovaskuläre Risiko für
Porteaseinhibitor-behandelte HIV-Patienten signifikant höher. Wenn also alles
auf ein erhöhtes Risiko hindeutet, äußert sich diese Kalkulation auch in
vermehrten kardiovaskulären Komplikationen? Eine retrospektive Studie von
Currier et al. (Abstract # 49) kommt zu dem Schluß, daß besonders junge
HIV-infizierte Männer (25-44 Jahre) unter Therapie ein erhöhtes Risiko für
Herzinfarkte und Angina pectoris haben. Das Studiendesign ist erwähnenswert. Die
Autoren hatten in der California Medicaid Datenbank für den Zeitraum von 1994
bis 2000 alle HIV-infizierten Männer auf die ICD-9 codierten Diagnosen 410
(akuter Myokardinfarkt), 411 (andere akute/subakute kardiale Ischämien), 413
(Angina pectoris), 414 (Koronaratherosklerose) und 414.8 (chronische koronare
Ischämie) untersucht. Das
Auftreten dieser Diagnosen in den ersten zwei Jahren nach Einleitung einer
antiretroviralen Therapie wurden berücksichtigt. Eingeschlossen wurden
Patienten, die beim Apotheker ihre Medikamente abholten. Insgesamt 24.672
HIV-Patienten wurden mit 1.004.703 nicht HIV-infizierten-Patienten verglichen. Wie
man sieht, werden hier ganz neue Wege zur Datengewinnung beschritten. Über die
Limitationen solcher Studien läßt sich natürlich lange diskutieren. Eine
andere kleine Studie verglich die Zeiträume von 1994-97 mit 1998-2000, um den
Einfluß der HAART Ära zu erfassen und fand keine vermehrten vaskulären Events
(Abstract # 52). Bleibt noch von einer Untersuchung an 600 HIV-Patienten aus
Italien zu berichten (Abstract # 90), die das Auftreten vaskulärer
Komplikationen und den Einfluß der antiretroviralen Therapie erfaßte. Die
Schlußfolgerung liegt ganz im Trend aller derzeitgen Antworten: Eine relevante
Rolle der antiretroviralen Therapie, insbesondere der Proteaseinhibitoren, ist
schwer oder nicht zu beurteilen. Aber Vorsicht ist natürlich immer geboten. Und
so lassen sich viele Studien gegeneinander ausspielen. Domingo et al. (Abstract
# 51) beziffert aufgrund einer Querschnittsuntersuchung das kardiovaskuläre
Risiko für NNRTI-behandelte Patienten am höchsten - während Marc van der Valk
(Abstract # 123) in der prospektiven und randomisierten ATLANTIC-Studie
herausfand, daß die Nevirapine-haltige Kombination zu einem über 96 Wochen
anhaltenden protektiven Lipidprofil mit Anstieg des HDL führte. Schließlich sei
noch auf eine Studie von Steven Grinspoon hingewiesen, in der eine deutlich
verdickte Intima media der Arteria carotis bei HIV-Patientinnen mit
Lipodystrophie diagnostiziert wurde (Abstract # 125). Dieses Ergebnis spricht
wieder für ein erhöhtes vaskuläres Risiko und war signifikant im Vergleich zu
gesunden Frauen gleichen Alters. Fazit: Auf
dem Papier haben behandelte HIV-Patienten ein erhöhtes Risiko für
kardiovaskuläre Komplikationen. Für die Beurteilung der Realität und sich
ergebende klinische Konsequenzen ist es wahrscheinlich noch zu früh und die
derzeitige Studienlage zu schwach. Zuverlässige Daten und Empfehlungen zur
Intervention mit Medikamenten (Statine, Fibrate) sind spärlich und wurden auch
in Athen vermißt. Es wurde aber nochmals in der Diskussion betont, daß eine
wirksame medikamentöse Lipidsenkung obligat an folgende Verhaltensweisen
gebunden ist: Rauchen aufgeben, körperliche Aktivität beginnen und fortführen
sowie Ernährungsberatung und ggf. –umstellung beherzigen. Hinweis: Alle
Abstracts sind in einem Extraband in Antiviral Therapy 2001; 6 (suppl. 4)
erschienen. |
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Wichtiger Hinweis für die Leser
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