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Rote Klippen und ein Handy
Ein erster - streng subjektiver - Bericht von der
ECAATH in Athen
Die 8. European Conference on Clinical Aspects and
Treatment of HIV-Infection ist gerade zuende gegangen - was nimmt man
mit von einem solchen Kongreß, auf dem sich, wie manch Insider
hinter vorgehaltener Hand bemerkt, kein HIV-Forscher, der auf
wichtigen Daten sitzt, wirklich in die Karten schauen läßt?
Zuerst: Es war ein sehr schöner Ort, das
Kongreßzentrum. Draußen vor den Toren Athens, ein edles
Hotel, auf den Klippen, über dem Meer, in der Sonne, die abends
so schön rot unterging. Blutrot. Da nahm man gerne in Kauf,
daß das Kongreßzentrum eigentlich keins war, sondern ein
viel zu kleiner Saal, der gerade ein Viertel der Besucher faßte,
ein Saal, fast eine Stunde von Athen entfernt, um den herum hastig ein
paar Satelliten-Zelte gezaubert worden waren, in denen wahlweise
tropische oder arktische Temperaturen dafür sorgten, daß
niemand einschlief. Da nahm man auch gerne hin, daß manch
Kongreßbedienster ketterauchend hinter den Diaprojektoren
thronte und schwer gestresst gegen die dröhnenden Klimaanlagen
anqualmte. Wie gesagt, es war sehr schön. In der Sonne. Aber ein
paar der Forscher haben sich dann doch in die Karten schauen lassen.
Deswegen hat sich der Kongreß doch gelohnt. Wirklich! Nicht nur
wegen der Szene, als sich J. Rockstroh während seines sehr
gelungenen und souveränen Vortrags auch vom Klingeln seines
eigenen (!) Handys nicht aus der Ruhe bringen ließ. Zurück zum Fachlichen: Schwerpunkte lagen zum
einen auf neuen antiretroviralen Substanzen und vor allem praktischen
Aspekten der ART, aber auch auf der HCV-HIV-Koinfektion und der
bedrückenden Situation in den osteuropäischen Ländern.
Dieser haben die Organisatoren schon Rechnung getragen - die
nächste ECCATH wird im Oktober 2003 in Warschau stattfinden. Europäische Richtlinien zur ART
vorgestellt Die Amerikaner haben sogar zwei verschiedene
Guidelines, warum braucht es da noch Europäische Richtlinien,
möchte man fragen. Nun ist aber in den USA nicht alles so wie in
Europa. Andere Länder, andere Sitten. Deswegen macht es durchaus
Sinn, die hiesigen Gegebenheiten zu berücksichtigen. Nathan
Clumeck stellte nun die ersten europäischen Richtlinien vor,
über denen eine große Zahl Experten im Mai in Brüssel
zwei Tage lang gebrütet hatte. Im Internet werden sie vermutlich
in den nächsten Wochen sowohl in AIDS, in HIV Medicine und auf
der ECAATH-Website veröffentlicht, deswegen hier nur einige
Anmerkungen zum Thema Therapiestart: Obwohl Clumeck betonte, man habe
im Gegensatz zum inzwischen arg strapazierten "Hit Hard and
Early" einen eher konservativen Weg gewählt, muß man
sich doch fragen, wieso auch hier immer noch bei weniger als 350
CD4-Zellen ein Therapiestart ungeachtet ("regardless") der
Viruslast gefordert wird. Wieso regardless? Und was ist mit
"symptomatisch" gemeint, was auch den Richtlinien zufolge
immer eine Therapieindikation ist? Ein Soor, ein Herpes Zoster vor ein
paar Jahren? Ein paar geschwollene Lymphknoten? Machen wir es kurz: Bei mehr als 350 CD4-Zellen
soll die Viruslast entscheiden. Über 100.000 Kopien ist die ART
den Richtlinien zufolge immer zu empfehlen, auch bei über 500
CD4-Zellen. Zwischen 350 und 500 CD4 Zellen sollte die ART bereits ab
50.000 Kopien erwogen werden. Auch bei den Therapiezielen blieb man
ziemlich unerbittlich: In der Primärtherapie wurde ein
Therapieversagen mit einer Viruslast > 50 Kopien/ml nach sechs
Monaten definiert. Eine andere, wichtige Erkenntnis fand hingegen, wie
Clumeck betonte, endlich Eingang in die Richtlinien: "ART is not
an emergency situation". Diese Selbstverständlichkeit
scheint gar nicht so selbstverständlich zu sein, wie sich auf
einer interaktiven, sehr gelungenen Session zeigte, die am gleichen
Tag veranstaltet wurde. Hier durften die anwesenden HIV-Behandler
(mehrere hundert) mittels Fernbedienung entscheiden, wie sie
exemplarische Patienten behandeln würden. Auch wenn wir
berücksichtigen, daß sich einige verdrückt haben und
diverse Pharmaindustrie-Mitarbeiter zugegen waren - die Ergebnisse
waren mitunter erstaunlich. Eine 31jährige, ansonsten gesunde
Afrikanerin aus dem Kongo, mit 559 CD4-Zellen und einer Viruslast von
55.000 Kopien/ml, würden immerhin 16 % gleich mit HAART
behandeln, ergab die Auswertung. 4 % sogar mit PIs. Der Rest
würde abwarten, immerhin. In dem - authentischen - Fallbeispiel
bekam die Patientin, die tatsächlich real mit HAART therapiert
worden war, übrigens eine Immunrekonstitutions-Tuberkulose. In der nächsten Woche mehr zu der ECCATH. Die
HIVNET-Redaktion wird außerdem vom Lipodystrophie-Workshop
berichten, der einige Tage zuvor ebenfalls in Athen stattgefunden
hatte. |
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Wichtiger Hinweis für die Leser
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