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Therapie der primären HIV-Infektion (PHI) – mehr Nutzen als Schaden?
Immunologische Daten sprechen schon seit geraumer Zeit für den sofortigen
Beginn einer antiretroviralen Behandlung bei primärer HIV-Infektion [1,2].
Studien über das klinische Benefit sind jedoch bis dato nicht publiziert
worden. Eine unlängst im Journal of Infectious Diseases erschienene Studie von
Berrey und Kollegen [3] verglich nun den klinischen und virologischen Verlauf
von Patienten mit und ohne antiretrovirale Therapie bei primärer HIV-Infektion.
Insgesamt 47 Patienten ohne initiale antiretrovirale Behandlung wurden
retrospektiv zwischen September 1993 und Juni 1996 beobachtet (medianes
Follow-up 149 Wochen) und mit 20 Patienten verglichen, die innerhalb der ersten
90 Tage nach Infektion eine ART mit AZT, 3TC und Indinavir begonnen hatten und
prospektiv zwischen Juli 1996 und Juni 1998 (medianes Follow-up 98 Wochen)
beobachtet wurden. Die demographischen Daten und Laborparameter beider Gruppen
waren vergleichbar. Es wurde eine intent-to-treat-Analyse verwendet, in der
alle verspätet behandelten Patienten (11 in der Gruppe der Unbehandelten) als
nicht behandelt galten. Virologischer und immunologischer Benefit Bei allen Patienten in der HAART-Gruppe blieb die Viruslast während der
Therapie unter der Nachweisgrenze von 50 Kopien/ml zur Woche 24 - im Vergleich
dazu hatte keiner der Nichtbehandelten in den ersten 78 Wochen eine Viruslast
unter 50 Kopien/ml (Median Woche 24: 35.124 Kopien/ml). Wie erwartet wurde in
der HAART-Gruppe keine HIV-Eradikation erreicht: HIV-1-DNA war weiterhin in
peripheren mononukleären Blutzellen (PBMC) sowie in mononuklären Zellen von Lymphknoten
nachweisbar. Die provirale Viruslast in den mononukleären Zellen fiel bei der
HAART-Gruppe jedoch ab und war bei 7 Patienten (35 %) nach 24 Wochen unter der
Nachweisgrenze (180 Kopien / 106 CD4-Zellen). Die Gruppe der
Unbehandelten zeigte einen Anstieg der viralen DNA in diesen Zellen. Nur einer
der unbehandelten Patienten war unter der Nachweisgrenze. Die CD4-Zellzahl
stieg in der HAART-Gruppe um 195/µl (Median, absolut: 845 CD4-Zellen/µl)
gegenüber einer Abnahme von 178/µl (Median, absolut 457 CD4-Zellen/µl) bei den
unbehandelten Patienten. Klinischer Benefit Bei 21.3 % (10 Patienten) in der Gruppe der unbehandelten Patienten trat
eine opportunistische Infektion der Stadien B oder C (CDC-Klassifikation) auf.
In der HAART-Gruppe kam es nur in einem Fall (5 %) zu einer opportunistischen
Infektion (orale Candidiasis) drei Wochen nach Absetzen der HAART. Eine
Progression zu AIDS wurde - im Gegensatz zu 13 % in der Gruppe ohne Therapie -
bei keinem Patienten unter HAART gesehen. 40 % der Nichtbehandelten
entwickelten Erkrankungen des Respirationstraktes im Gegensatz zu 15 % (3
Patienten) in der HAART-Gruppe - ähnliche Beobachtungen wurden bei der
Häufigkeit von mukokutanen Erkrankungen gemacht. Nebenwirkungen Bei allen behandelten Patienten traten geringe Nebenwirkungen wie z.B.
Übelkeit in den ersten zwei Wochen der Therapie auf. Bei sieben Patienten wurde
wegen moderater Übelkeit und Erbrechen, bei 2 Patienten wegen Anämie die
Therapie von Zidovudin auf Stavudin umgesetzt, in einem Fall wurde Indinavir
wegen Nephrolithiasis abgesetzt. Ein erheblicher Transaminasenanstieg zeigte
sich bei 2 Patienten, eine schwere Lipodystrophie bei einem Patienten. Die
Adhärenz wurde durch Tagebuchführung und Zählung der ausgegebenen Tabletten
überprüft, im Mittel wurden 96 % der Tabletten eingenommen. Ingesamt nahmen nur
9 von 20 Patienten das initale Therapieregimen während der gesamten
Studiendauer ein, 4 Patienten brachen die Therapie ab. Bewertung
Zusammenfassend zeigen Berrey und Kollegen in der vorliegenden Studie
erstmal an einer größeren Patientenzahl, daß der Beginn einer HAART bei frisch
Infizierten über einen Beobachtungszeitraum von mindestens 78 Wochen nicht nur
einen ein virologisch-immunologischen, sondern auch wahrscheinlich einen
klinischen Benefit besitzt. Allerdings kann eine derart früh begonnene HAART
weder vor der Infektion latenter Reservoire schützen noch HIV-1 eradizieren.
Auch muß gegen den möglichen klinischen Benefit die Vielzahl der Probleme (u.a.
Nebenwirkungen, Resistenzen) abgewogen werden, die HAART mit sich bringt. So
muß an die potentielle Langzeittoxizitäten erinnert werden, die in dieser
Studie wegen des relativ kurzen Bebachtungszeitraum von 78 Wochen sicherlich
nicht voll zum Tragen kommen. Im Bewußtsein, daß eine Eradikation auch bei
Behandlung der Primärinfektion mit HAART nicht möglich ist, kann der Preis der
gewonnenen klinischen Verbesserung im Hinblick auf Resistenzen und
Langzeittoxizität sehr hoch – vielleicht zu hoch - sein. Weitere Studien -
insbesondere zum Absetzen der Therapie bzw. zu Therapiepausen - sind deshalb
dringend notwendig. Literatur und Links [1]
Altfeld M, Rosenberg ES, Shankarappa R, et al. Cellular immune responses and viral diversity in individuals treated
during acute and early HIV-1 infection. J Exp Med 2001, 193:169-180. Abstract [2] Smith D, Berrey MM,
Robertson M, et al. Virological and immunological effects of combination
antiretroviral therapy with zidovudine, lamivudine, and indinavir during
primary human immunodeficiency virus type 1 infection. J Inf Dis 2000, 182:950-954. Abstract [3] Berrey MM, Schacker T, Collier AC, et al. Treatment of
primary human immunodeficiency virus type 1 infection with potent
antiretroviral therapy reduces frequency of rapid progression to AIDS. J Inf Dis 2001,
183:1466-1475. Abstract |
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