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Was ist dran an NU1320?
Eine Nachricht und was dahintersteckt

von Christiane Schieferstein

27. Juli 2001 - Seit einiger Zeit geistern euphorische Meldungen über eine neue Substanz durch den deutschen Blätterwald (BILD bis Süddeutsche Zeitung berichteten), die 2.000.000 Mal stärker als AZT gegen das HI-Virus wirken soll. Sie würde überdies praktisch keine Nebenwirkungen haben. Zahlreiche Patienten baten deshalb in den letzten Wochen ihre Behandler um ihre Meinung zu dem Thema. Was steckt nun wirklich hinter diesen Meldungen?

Bei dieser Substanz handelt es sich um das von einer Arbeitsgruppe um den renommierten Genfer Pharmakologen Jean Marcel Tronchet entwickelte NU1320. NU1320 ist ein nicht nukleosidaler Inhibitor des HIV-Enzyms Reverse Transkriptase. Die genaue Strukturformel ist bisher noch nicht publiziert worden, da die Universität Genf mit einer Pharmafirma zusammenarbeitet, die sich die Substanz erst einmal hat patentieren lassen. In vitro-Studien hätten allerdings – so heißt es - gezeigt, daß die Substanz mit einer ungewöhnlich hohe Affinität an die Reverse Transkriptase bindet. Wie von Professor Tronchet zu erfahren war, haben vor zwei Monaten erste präklinische Studien mit Tierversuchen begonnen. Die Vermutung, daß die Substanz kaum Nebenwirkungen haben wird, beruht auf der zumindest im Labor hochspezifischen Wirkung auf HIV-infizierte Zellen. Nun ist jedem in der HIV-Medizin tätigen Menschen spätestens seit der Einführung der Proteasehemmer klar, daß sich klinische Wirksamkeit, Verträglichkeit und Anwendbarkeit kaum durch derartige Ergebnisse vorhersagen lassen – auch bei den PIs war anfangs von einer sehr selektiven Hemmung der HIV-Protease die Rede.

Fazit aus der Geschichte: Grundlagenforschung ist sicherlich wichtig und die Basis für zukünftige Therapieerfolge - aber die in diesem Fall sicher auch zu Werbezwecken (Forschungsgelder!) aufgebrachte und von den Medien nur zu gern geschürte Euphorie ist verfrüht. Sie führt nur zu Verunsicherung von Patienten und weckt falsche Hoffnungen. Ob NU1320 irgendwann tatsächlich als Medikament zur Therapie der HIV-Infektion eingesetzt werden wird, ist derzeit jedenfalls noch völlig unklar und vermutlich erst in fünf Jahren abzusehen – für diesen Zeitraum wurden die jetzt angelaufenen Studien veranschlagt. HIVNET bleibt am Ball!


 
 
     
 

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