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Ein Virus auf der Flucht: Wie HIV dem Immunsystem entkommt
von Georg Behrens 26. Juli 2001 - HIV “escape” Varianten sind mutierte Formen des
Virus, die nicht vom individuellen Immunsystem erkannt werden. Sie können auf
andere Personen übertragen werden und in diesen weiter einer Immunantwort
entkommen. So lautet das Ergebnis einer Studie der Arbeitsgruppe um Bruce
Walker aus Boston [1]. Das Team untersuchte u.a. drei HIV-positive Kinder von
HIV-infizierten Müttern, die alle Träger des “human leukocyte antigen” HLA-B27,
waren. HLA-B27 ist mit einer besseren Krankheitsprognose der HIV-Infektion
assoziiert und findet sich häufig bei Long-Term-Non-Progressors. Entgegen den Erwartungen verlief die HIV-Infektion
bei diesen drei Kindern jedoch nicht verlangsamt. Den Grund dafür fanden die
Autoren in den Ergebnissen der Sequenzierung des Virus: Die Kinder waren
vertikal mit HIV-Mutanten ihrer Mütter infiziert worden, die nicht an HLA-B27
binden und somit auch nicht die damit assoziierte potente Immunantwort
provozieren. Nach den nun vorliegenden Untersuchungen gilt als nahezu sicher,
daß diese Virusvarianten schon in den Müttern existierten und auf die Kinder
übertragen wurden. Das bedeutet prinzipiell, daß diese “escape” Varianten lange
(über Jahre) stabil sind - auch wenn sie gar nicht (mehr) einem Selektionsdruck
durch das Immunsystem unterliegen - denn die HIV-Mutation im hier untersuchten
p24 Gag-Epitop verhindert die Bindung an HLA-B27. Diese Mutationsstabilität und
Replikationsfähigkeit des Virus bestätigte sich auch in vitro. Der Selektionierungprozeß der HIV-Mutationen findet
somit wahrscheinlich vor allem in der akuten Infektion statt. In dieser Phase
dominieren u.a. HLA-A3, HLA-B58 und HLA-B27-restringierte Epitope die
CTL-Immunantwort. Deshalb untersuchten die Autoren Patienten auf das Auftreten
von HIV-Mutationen in diesen Epitopen in Abhängigkeit vom HLA-Typ. Tatsächlich
fanden sich signifikant häufiger Mutationen in den HLA-restringierten
Gag-Epitopen, wenn die Patienten auch die entsprechenden HLA-Merkmale hatten. Entscheidender
ist jedoch eine andere Beobachtung: Patienten mit einer aktuen HIV-Infektion
wiesen überraschend und überzufällig häufig HIV-Varianten mit
“escape”-Mutationen auf, obwohl sie gar nicht das entsprechende HLA-Merkmal
trugen. Diese Mutationen wurden folglich bei der Infektion übertragen. Die Ergebnisse lassen Raum für weitreichende
Interpretationen: Die HIV-Mutationen könnten während der HIV-Epidemie
kummulieren, was durch die immer insuffizientere Immunantwort und die
dadurch höhere Viruslast der
infizierten Patienten eine „verbesserte“ Ausbreitung zur Folge haben könnte.
Außerdem entgehen die dominanten Epitope der Immunantwort in der akuten Phase,
die nach Meinung der Autoren (und ihrer Vorarbeiten) so entscheidend den
Verlauf der Erkrankung bestimmt. Und schließlich sind die Konsequenzen für die
Impfstoffentwicklung zu beachten: Die Auswahl der Epitope, gegen die ein
Impfstoff eine potente CTL-Antwort aufbauen soll, kann sich nicht (mehr)
einfach an den dominanten Epitopen der akuten Infektion orientieren. HIV
entwickelt und verändert sich und dieser Entwicklung müßte ein Impfstoff gegen
HIV auf “CTL-Ebene” ständig Rechnung tragen. Die Indizien sind überzeugend, einige Beweise
fehlen noch. Die Mutationen im HLA-B27 restringierten Epitop führen zum
völligen Verlust der Bindung zwischen diesem HIV-Epitop und HLA. Die
funktionellen Daten der vertikalen Transmission überzeugen hier und der
klinische Verlauf bestätigt das. Welche funktionellen Konsequenzen aber haben
die Mutationen der anderen Epitope? Sind auch die entsprechenden spezifischen
CTL-Antworten dieser Patienten mit der akuten HIV-Infektion schlechter oder
fehlen sie ganz? Findet sich dazu ein klinisches Korrelat? Wieviele und welche
Mutationen sind entscheidend? Die Antworten sind nicht leicht zu bekommen. Aber
für das Verständnis der Evolution und Transmission von HIV sowie der Rolle des
Immunsystems dabei leistet die Arbeit einen großen Beitrag. Der “regelhaften” und “dominanten” Immunantwort,
wie sie die Bostoner Arbeitsgruppe in den letzten Jahren charakterisiert hat,
kann HIV wieder einmal etwas entgegensetzen. “It’s not good news” wird Bruce
Walker im Hinblick auf die Impfstoffentwicklung zitiert. [1] Goulder PJR, Brander C, Tang Y, Tremblay C,
Colbert RA, Addo MM, Rosenberg ES Ngyen T, Allen R, Trocha A, Altfeld M, He S,
Bunce M, Funkhouser R, Pelton SI, Burchertt SK, McIntosh K, Korber BTM, Walker
BC. Evolution and
transmission of stable CTL mutations in HIV infection. Nature 412:334-338. |
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Wichtiger Hinweis für die Leser
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