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HIV und Dritte Welt -
es tut sich was

von Oliver Mittermeier

Mittwoch verabschiedete die UNO nach ihrem dreitägigen Sondergipfel eine Resolution zum Kampf gegen AIDS. Wirtschaftsbosse und Pharmakonzerne beginnen, den Forderungen aus Entwicklungsländern Gehör zu schenken.

Mit einer Schweigeminute gedachten die Delegierten der bisher 22 Millionen an Aids gestorbenen Menschen. So begann am Montag die Sonderkonferenz der UNO-Vollversammlung zum Thema Aids in New York. Zum ersten Mal in der Geschichte der Vereinten Nationen hat sich damit dieses Gremium einem Gesundheitsthema gewidmet. Der Ernst der Lage ist nicht mehr zu übersehen: 36.1 Millionen Menschen sind weltweit mit HIV infiziert – davon 25.5 Millionen allein im subsaharischen Afrika. Und zur Zeit sterben jedes Jahr etwa drei Millionen Menschen an der Immunschwäche. "Alle zwei Jahre soviele Opfer wie durch den Holocaust oder jedes Jahr die Bevölkerung Irlands", wie Donald M. Berwick, Präsident des amerikanischen Instituts für Gesundheitswesen, in der Washington Post am Dienstag schrieb. Weltweit hat die Epidemie bedrohliche Ausmaße erreicht: In Botswana sind 36 % der Erwachsenen HIV positiv, in Südafrika sind es 20 %. Südafrika hält mit 4,2 Millionen HIV / AIDS Patienten noch vor Indien und Äthiopien den Spitzenplatz auf einer Rangliste der Staaten mit den meisten Betroffenen. Seit der Pest, die im 14. Jahrhundert 25 Millionen Menschenleben forderte, gab es keine vergleichbare Katastrophe. Der Anteil der Frauen auf der Welt, die mit HIV infiziert sind, wird auf 44 % aller Infizierten geschätzt. In Deutschland – hier sind etwa 50-80.000 Menschen infiziert – sind Frauen inzwischen die zweitgrößte Betroffenengruppe, so die Deutsche Arbeitsgemeinschaft niedergelassener Ärzte in der Versorgung HIV-Infizierter e.V. (DAGNÄ).

Die Resolution

Die Probleme der Vertreter der 189 Mitgliedstaaten bei der Entwicklung geeigneter Strategien im Kampf gegen AIDS sind vielfältig: Gleich am Anfang der dreitägigen Sitzung stritten die Delegierten aus 189 Ländern zweieinhalb Stunden über die Akkreditierung einer Schwulen- und Lesbenorganisation; elf islamische Staaten protestierten gegen deren Teilnahme. Damit wird ein Problem deutlich, das die Völkergemeinschaft schon länger beschäftigt: Die sexuelle Selbstbestimmung ist seit einiger Zeit Streitpunkt unter den Staaten. Und so entsteht ein zentrales Problem der Debatte: Die Tabuisierung von Sexualität und AIDS, die Präventivmaßnahmen erschwert.            
Vor diesem Hintergrund ist die Resolution, die gestern gefasst wurde, sehr erfreulich: Die UNO-Vollversammlung verspricht, in Zukunft offen über die Erkrankung zu reden, die Infektionsraten zu senken sowie die Erkrankten zu behandeln und das Geld für das Erreichen dieser Ziele zur Verfügung zu stellen. Die einzelnen Nationen sollen bis zum Jahr 2003 Strategien zur Bekämpfung von Aids entwickeln und diese bis zum Jahr 2005 umsetzen. Bis dahin soll die Anzahl der Infektionen bei den 15- bis 24 Jährigen um ein Viertel gesenkt werden und die Zahl der infizierten Neugeborenen muss um ein Fünftel zurückgehen. Ausserdem fordert die UNO, dass sich die Staaten um ihre Aids-Waisen und infizierte Kinder kümmern.

UN-Generalsekretär Kofi Annan rechnet mit sieben bis zehn Milliarden US-Dollar, die jährlich erforderlich sein werden, um die Epidemie wirksam zu bekämpfen. Ein Betrag, der sich für Otto Normalverbraucher eindrucksvoll anhört, aber lediglich ein Viertel des Haushaltes von New York ausmache. "Die Welt kann diesen Betrag doch wohl aufbringen", so Annan in der Süddeutschen Zeitung, in der er auch über die Gründung eines globalen Aids-Fonds berichtet.

Die Bedeutung des Beitrags der Entwicklungsländer an diesen Mitteln wird immer wieder betont. Dr. Bernhard Schwartländer vom Aids-Programm der Vereinten Nationen schätzt, dass ein Drittel bis die Hälfte von den am meisten betroffenen Ländern selbst aufgebracht werden können. So haben z. B. Brasilien, Senegal, Thailand und Uganda bereits heute international anerkannte Aids-Programme auf die Beine gestellt. Aber auch internationale Hilfe wird nötig sein. Skepsis, ob die erforderlichen Summen tatsächlich zusammenkommen, begegnet Schwartländer mit dem Hinweis, dass die reichen Länder allein in ihren nationalen Programmen heute schon beträchtliche Summen investierten: Die USA zur Zeit mehr als 20 Milliarden Dollar im Jahr. Die internationale Solidarität wird sich schon allein dadurch einstellen, dass die Industriestaaten erkennen, dass die Pandemie auch sie selbst betrifft.

Eine anders motivierte Solidarität wird schon heute bei den Pharmakonzernen deutlich: Seit dem verschämten Zurückziehen der Klage wegen Patentrechtsverletzungen  gegen Südafrika im April – vor allem durch den Druck der Öffentlichkeit – haben bedeutende Konzerne ihre Politik verändert. Neben drastischen Preissenkungen für antiretrovirale Medikamente werden zum Teil große Summen für Schulung und Ausbildung aufgewendet. Aber auch ein Brausehersteller ist bereit, sein Distributionsnetz im Kampf gegen die Epidemie einzusetzen: Mit den Cola-Lastern soll Aufklärungs- und Schulungsmaterial in jeden Winkel Afrikas gelangen. Die dadurch entstehende Aufmerksamkeit in der Presse und das gute Image wird so preiswert wohl nie wieder zu haben sein.

Und es wird weiter gehen: Der Anteil Afrikas am Weltpharmaumsatz beträgt 1,7 %. Soviel Geld steht also nicht auf dem Spiel, wenn dieser Markt durch niedrige Preise gefährdet würde. So gehen die Forderungen dann auch über die bisherigen Zugeständnisse hinaus: In der Washington Post vom Dienstag dieser Woche werden die Vorstandsvorsitzenden internationaler Pharmakonzerne dazu aufgefordert, antiretrovirale Medikamente umsonst abzugeben. In der WP namentlich genannt, hätten „Raymond Gilmartin von Merck & Co., Sir Richard Sykes und Jean-Pierre Garnier von GlaxoSmithKline sowie Charles A. Heimbold Jr. und Peter Dolan von Bristol-Myers Squibb und Dr. Franz B. Humer von Roche“ eine einmalige Chance: Sie können Millionen von Menschen das Leben retten. Ihre Firmen würden das Vertrauen und den Dank der gesamten Welt gewinnen.

Therapie oder Prävention

Der Chef der Washingtoner Entwicklungshilfebehörde USAID, Andrew Natsios, zweifelte noch vor kurzem an, ob Afrikaner ohne Uhr die Einnahmezeiten für die Medikamente einhalten könnten und ob die Infrastruktur in Afrika eine Verteilung der Medikamente, selbst wenn sie denn zur Verfügung ständen, überhaupt zulasse. Obwohl sich Natsios in der Zwischenzeit entschuldigt hat, wird doch deutlich, dass nicht allen Verantwortlichen klar ist, wie wichtig der Zugang zu antiretroviralen Therapien für die Erkrankten ist. Und obwohl in der Tat nicht alle Probleme durch Geld zu lösen sind, darf das kein Grund sein, nicht mit der Hilfe zu beginnen, so Schwartländer vom Aids-Programm der Vereinten Nationen. Zudem konnte die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen zeigen, dass, wenn Medikamente zur Verfügung stehen, eine effektive Therapie auch in Entwicklungsländern möglich ist. Die Probleme der Toxizität, Resistenzentwicklung und Einnahmegenauigkeit sind, unter Berücksichtigung der Alternativen, kein Hindernis.

Darüberhinaus konnte in Brasilien ein interessanter Zusammenhang zwischen Medikation und Prävention gezeigt werden. Unter großzügiger Auslegung von Patentrechten, hat der Staat in Brasilien angefangen, Generika zu produzieren und einzusetzen. Durch die Möglichkeit einer Therapie wuchs die Motivation in der Bevölkerung, zum HIV-Test zu gehen und durch Senkung der Viruslast reduzierte sich die Infektiösität. Die Folge: Das brasilianische Modell findet weltweite Anerkennung und die USA haben am Montag ihre Beschwerde bei der World Trade Organisation (WTO) gegen Brasilien wegen Verletzung von Patentrechten fallengelassen.

Und so beabsichtigt die UNO laut Schwartländer, fast zu gleichen Teilen Geld für Therapie und Prävention auszugeben, damit viele Menschen, die im Moment noch sterben, ein recht ordentliches Leben führen können und die Bevölkerung auf lange Sicht geschützt werden kann.

Links zu dem Thema:

http://www.un.org/News/ossg/hilites.htm Highlights der Pressekonferenz mit Kofi Annan

http://www.un.org/ga/aids/coverage/FinalDeclarationHIVAIDS.html Deklaration der UN zur Bekämpfung von Aids

http://www.washingtonpost.com/wp-dyn/world/issues/aidsinafrica/index.html Aids in Afrika – eine Übersicht über die bisherigen Artikel in der Washington Post


 
 
     
 

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