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Hypericin ohne Wirkung

Bonn, 19. März 1999 - Manche HIV-Patienten nehmen Hypericin (der aktive Bestandteil aus Johanniskraut) als adjuvante Therapie ihrer HIV-Infektion ein. Hypericin hat in vitro - im Tiermodell auch in vivo - antiretrovirale Aktivität und hat in der Vergangenheit als "natürliches Antidepressivum" Aufmerksamkeit erregt. Der antivirale Wirkmechanismus ist recht gut charakterisiert (Lavie et al. PNAS 1989;86:5963-7). Sicherheit und antiretrovirale Aktivität von Hypericin wurden jetzt im Rahmen von zwei Protokollen der AIDS Clinical Trial Group getestet. Die Ergebnisse dieser Studien sind in der Ausgabe vom 16. März der Annals of Internal Medicine veröffentlicht. [1]

30 HIV-Patienten mit CD4-Zellzahlen unter 350/µl wurden mit Hypericin behandelt (Sie nahmen dabei u.a. keine antiretroviralen Medikamente für 1 Monat vor Studienbeginn ein). Hypericin wurde entweder intravenös (ACTG 150) oder oral (ACTG 258) verabreicht. Die verschiedenen Dosierungen reichten von minimal 0,25 mg/kg zweimal pro Woche (iv) bis hin zu 0,5 mg/kg täglich (oral). Es war dabei eine Dosiseskalation bis zu 2 mg/kg zweimal pro Woche vorgesehen. Die Sicherheit der Substanz wurde in wöchentlichen Verlaufskontrollen beobachtet, die antiretrovirale Aktivität durch die Messung von p24 Antigen, HIV-Kultivierung aus peripheren mononukleären Blutzellen, HIV-RNA und CD4-Zellen beurteilt.

16 der 30 Patienten mußten die Behandlung wegen phototoxischer Nebenwirkungen vorzeitig abbrechen (d.h. vor Ende der Mindestbehandlungsdauer von 8 Wochen). Nur zwei Patienten beendeten die vorgesehene Behandlungsdauer von 24 Wochen. 11 Patienten entwickelten eine schwere kutane phototoxische Reaktion. Diese Reaktion manifestierte sich als schmerzhaftes Erythem an lichtexponierten Hautstellen und war nach Absetzen der Hypericin-Gabe reversibel. Weder die virologischen Marker noch die CD4-Zellzahl änderten sich unter der Behandlung mit Hypericin. Die Studienprotokolle mußten abgebrochen werden.

Der HIV.NET-Kommentar:
Die bekannte Phototoxizität von Hypericin war in dieser Phase I Studie der ACTG limitierend. Die hier verwendeten Konzentrationen waren wesentlich höher als bei üblicherweise eingesetzten Präparationen (z.B. Jarsin - 0,9 mg pro Dragee oder Hyperforat - 0,05 mg pro Dragee). Dennoch sollten Ärzte und Patienten diese Nebenwirkung kennen. Das Fehlen solcher Nebenwirkungen in vorhergehenden Studien ist am ehesten auf den erheblichen Konzentrationsunterschied zurückzuführen.

Wichtiger aber noch scheint zu sein, daß kein Effekt auf die HIV-Infektion selbst gezeigt werden konnte - im Gegenteil, CD4-Zellzahlen sanken im Mittel leicht. Offenbar können beim Menschen nicht die gleichen Konzentrationen erreicht werden, die im Reagenzglas für die Hemmung der Virusvermehrung benötigt werden. Die Autoren weisen darauf hin, daß durch Infusion kurzzeitig derartige Konzentrationen erreicht wurden - das wären bei kontinuierlicher Verabreichung aber Dosierungen, die weit über den hier angewendeten, bereits phototoxischen lÄgen.a Der Einsatz von Hypericin in der antiretroviralen Therapie ist vor dem Hintergrund dieser Daten nicht gerechtfertigt. Vielleicht wird es gelingen, das Wirkprinzip von Hypericin (Hemmung des viralen "uncoatings") zu verfolgen und andere Präparate ohne toxische Eigenschaften zu entwickeln.

Literatur
Gulick RM, et al. Phase I studies of hypericin, the active compound in St. John's Wort, as an antiretroviral agent in HIV-infected adults. AIDS Clinical Trials Group Protocols 150 and 258.
Ann Intern Med. 16;130:510-4.

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