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CROI 2003 zur Übersicht CROI 2003
Neue Substanzen auf der CROI - ein Überblick
Ein Schwerpunkt der diesjährigen Konferenz lag wie schon in den Jahren zuvor
auf neuen antiretroviralen Substanzen. Auf zahllosen Postern und in mehreren Vorträgen wurden
die neuesten Erkenntnisse vor allem zu den Entry-Inhibitoren veröffentlicht. Bei den schon im
letzten Jahr intensiv diskutierten CCR5-Antagonisten, Attachment- und Fusionsinhibitoren tauchten
zahlreiche neue Substanzen auf - einige noch im letzten Jahr in Seattle vorgestellte Präparate,
insbesondere die CXCR4-Inhibitoren wurden offenbar wieder verworfen. Erste Mechanismen der
Resistenzbildung bei Entry-Inhibitoren wurden deutlich. Sie zeigen, dass auch bei diesen
Medikamenten die Resistenzbildung ein wesentliches Problem sein wird. Dennoch ist das Feld der
Entry-Inhibitoren das derzeit am meisten beachtete Gebiet der HIV-Medizin. Für viele Beobachter
scheint es inzwischen möglich, dass diese Substanzklasse die antiretrovirale Therapie schon in
naher Zukunft vollkommen verändern wird.
Integrase-Hemmer oder Substanzen, die mit RNA interferieren (und denen gleich ein
ganzes Symposium eingeräumt wurde - hivnet wird noch genauer berichten) werden hingegen den Weg
in die Klinik in den nächsten Jahren sicher noch nicht schaffen. Auch bei den neu vorgestellten
CD4-Antikörpern und bei einer erstmalig vorgestellten Substanz namens PA-457, die das Budding
(die Reifung) von HIV verhindern soll, stellt sich insbesondere die Frage nach den Nebenwirkungen.
Kann man den Genen ohne Komplikationen dazwischen funken oder CD4-Moleküle binden, ohne das
Immunsystem zu stören? Es bleiben da doch Zweifel.
Bei der Entwicklung neuer Proteasehemmer, NRTIs oder NNRTIs ist weiterhin ein
deutlicher Trend zu beobachten - die Forschung konzentriert sich mehr und mehr auf resistente Viren.
Die Wirksamkeit bei therapienaiven Patienten scheint in diesen Substanzklassen derzeit kaum
verbessert werden zu können. Kurz vor der Einführung in die Klinik bzw. vor der Zulassung
stehen mit Fos-Amprenavir und Atazanavir gleich zwei neue Proteasehemmer. Mit Tipranavir und TMC 114
warten noch zwei neue, vielversprechende Proteasehemmer in der Pipeline, die erstaunliche Wirkung
bei multiresistenten Viren haben. Bei den NRTIs und NNRTIs gab es u.a. klinische Daten zu FTC, einer
ganz neuen Substanz namens Racivir und zu DAPD (Amdoxovir).
Fusionsinhibitoren
Unter T-20 scheinen bakterielle Pneumonien signifikant häufiger zu sein,
wie eine Analyse der TORO-Studien ergab (Abstract # 568). Die lokalen Entzündungen an der
Einstichstellen bleiben allerdings wohl zunächst die wesentliche Nebenwirkung von T-20. Ein
Poster beschäftigte sich mehr mit der Pathogenese dieser granulomatösen Hautreaktion bei
T-20 (Abstract # 714). Antikörper gegen gp41, die mit T-20 kreuzreagieren könnten,
scheinen die Effektivität von T-20 nicht zu reduzieren (Abstract # 558). Zur
Resistenzbildung bei T-20 wird langsam mehr bekannt. Eine Punktmutation in einer bestimmten Region
des gp41-Gens genügt, um die Empfindlichkeit um das 200-fache herabzusetzen, betonte Eric
Hunter in einem Plenarvortrag. Möglicherweise sind diese Viren aber weniger fit, so Hunter. Aus
den TORO-Studien wurden dazu sehr detaillierte Analysen der T-20-Resistenz vorgestellt (Abstract
# 141). Es gibt übrigens ein Leben nach T-20: Zur Nachfolgesubstanz T-1249 gab es
klinische Daten bei Patienten, bei denen T-20 versagt hatte bzw. wo es bereits zu T-20-Resistenzen
gekommen war (Abstract # 14LB). Insgesamt 50 Patienten erhielten zu ihrer nicht
geänderten ART für 10 Tage zusätzlich T-1249 statt T-20. Die Interimsanalyse nach 25
Patienten wurde vorgestellt - die Viruslast sank im Median um 1.12 Logstufen. Immerhin 63 % bzw. 79
% erreichten einen Abfall von mehr als 1.0 bzw. 0.5 Logstufen unter T-1249.
Andere Entry-Inhibitoren
Der Entry-Inhibitor TNX-355 (früher Hu5A8), ein humaner
CD4-Antikörper, der sich in Tierversuchen und Zellkulturen als wirksam gegen HIV- und
SIV-Isolate erwiesen hat, ist ein neuer Ansatz (Abstract # 13). In einer ersten Studie
erhielten 6 HIV-Patienten mit stabiler Viruslast intravenöse Einzeldosen. Die Immunität
scheint wider Erwarten nicht beeinträchtigt zu sein. Wichtigste Message: Die Viruslast sank,
das Prinzip scheint also zu funktionieren. In der jetzigen Galenik wird das sicherlich nicht
funktionieren, aber ein erster Schritt auf diesem Feld ist getan. Pro-542 gilt als so genannter
Attachment-Inhibitor. Über die Substanz war in der Vergangenheit bereits mehrfach berichtet
worden. Immerhin: Die antiretrovirale Wirkung ist dosisabhängig, was immer als ein gutes
Zeichen zu werten ist (Abstract # 561).
Neue PIs, NNRTIs, Nukes
Zu dem neuen Proteasehemmer TMC114, der sich in vitro gegen
PI-multiresistente Virusisolate als wirksam erwiesen hat (Abstract # 553), wurden die ersten
Daten einer auch in Deutschland gemachten Phase-II-Studie vorgestellt (Abstract # 8).
Insgesamt 50 Patienten mit Therapieversagen nach multiplen PIs wurden auf verschiedenen Dosen dieses
vielversprechenden PIs (alle allerdings geboostert mit 100 mg Ritonavir) randomisiert. Obwohl im
Schnitt 6-8 primäre PI-Mutationen vorlagen, sank die Viruslast nach 14 Tagen um 1-1.5
Logstufen. TMC114 wurde gut vertragen. Allerdings gibt es hier offensichtlich Probleme mit der
Dosisfindung.
FTC hat seit Bekanntwerden der FTC-301-Trials einen echten Schub gemacht. In
dieser randomisierten Doppelblindstudie wurden FTC und D4T, jeweils kombiniert mit DDI und
Efavirenz, in 571 therapienaiven Patienten gegeneinander verglichen. Die Studie wurde nach einem
mittleren Follow up von 42 Wochen gestoppt. Nach diesem Zeitraum hätte die mittels
Kaplan-Meier-Kurve geschätzte Wahrscheinlichkeit für virologisches Versagen nach einem
Jahr 14 % im D4T-Arm versus 6 % im FTC-Arm betragen - für die Studienleitung ein zu deutlicher
Unterschied und Grund genug, die Studie vorzeitig abzubrechen. Eine Analyse der Resistenzen zeigte:
Zwar war im FTC-Arm die M184V-Mutation häufiger, aber TAMs und interessanterweise auch
DDI-Mutationen waren dafür deutlich niedriger (Abstract # 606). FTC kann verwendet
werden, um PI-haltige Regime zu vereinfachen (Abstract # 551). 3TC kann durch FTC ebenfalls
gefahrlos ersetzt werden, ohne dass die virologische Effektivität nachlässt. Allerdings
scheint sich mit CPK-Erhöhungen eine bislang unbekannte Nebenwirkung heraus zu kristallisieren
(Abstract # 550).
Ganz neu tauchte mit Racivir eine Substanz auf, die 3TC sehr ähnlich zu sein
scheint und wohl ein Isomer ist (Abstract # 552). Ob sie nach dieser Phase I/II-Studie den
Weg in die Klinik schaffen wird und was ihr wesentlicher Vorteil gegenüber 3TC sein soll, blieb
unklar.
Bei DAPD (Amdoxovir) scheint es offenbar Probleme mit der Sicherheit der Substanz
zu geben (Abstract # 554). Insgesamt 5/18 Patienten brachen eine Studie ab, nachdem sich bei
ihnen eine leichte Linsentrübung gezeigt hatte. Obwohl diese Katarakt den Visus nicht
beeinträchtigten und es auch unklar ist, ob DAPD überhaupt die Ursache ist, dürften
diese Probleme jedoch dafür sorgen, dass es hier weiterhin nur schleppend vorangehen wird.
Noch im Labor
Auch die Firma Glaxo Smith Kline stellte Labordaten zu neuen NNRTIs vor
(Abstract # 6). Für die Benzophenon-NNRTIs GW4752, GW 451 und GW 3011 scheint es
derzeit ganz gut aus zu sehen. Wenn man allerdings bedenkt, wieviele NNRTIs kurz nach ihrer
Vorstellung in den letzten Jahren wieder in der Versenkung verschwanden, sind solche
Erfolgsmeldungen mit Vorsicht zu bewerten. Das gleiche gilt natürlich auch für PIs. Der
Roche-PI RO033-4649 ist offensichtlich so wirksam gegen PI-resistente Virusisolate, dass zumindest
schon mit Phase-I-Studien begonnen wurde (Abstract # 7). Auch zu den
CCR5-Rezeptorantagonisten wie AK602, TAK-220 oder UK-427,857 wurden präklinische Daten
vorgestellt (Abstract # 10-12). Dagegen hörte man von den CXCR4-Rezeptorantagonisten auf
dieser Konferenz nur noch wenig. Nur AMD070 scheint jetzt erste klinische Phase zu entern
(Abstract # 563). PA-457 ist ein sehr kleines Molekül, das die Reifung bzw. das Budding
von HIV verhindern soll und damit einen ganz neuen Ansatz darstellt (Abstract # 14). Die
Substanz scheint jedoch als echter Prototyp wie auch Integrase-Hemmer (Abstract # 9, # 556)
aber noch recht weit von der klinischen Anwendung entfernt zu sein. |
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