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CROI 2003
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Wie verklebt man Türen pockensicher? Boston im Februar 2003, CROI

von Christian Hoffmann

Erster Teil der Konferenz-Berichterstattung

Wie keine zweite Konferenz drückt die Conference on Retroviruses and Opportunistic Infections der HIV-Medizin alljährlich ihren Stempel auf. Schon das streng begrenzte Teilnehmerkontingent (nur 3900 Teilnehmer werden zugelassen - bei den Welt-AIDS-Kongressen tummeln sich inzwischen fast 20.000) sorgt stets für ein hochkarätiges Meeting. Dieses Jahr wurde die CROI erstmals in Boston abgehalten. Während im US-Fernsehen am Vorabend eines drohenden Irakkrieges angeregt darüber diskutiert wurde, ob man deutsche und französische Produkte boykottieren soll und wie man seine Türen und Fenster am besten Anthrax- und Pocken-sicher verklebt, widmete sich Ex-US-Präsident Bill Clinton in seiner kompetenten Eröffnungsrede konkreteren Problemen. Anhand der Beispiele von Uganda, Brasilien oder Senegal machte Clinton klar, dass das Problem einer besseren Verteilung der antiretroviralen Medikamente durchaus gelöst werden könnte. Nicht immer fehlt nur Geld - bei besserer Organisation sind auch Länder mit beschränkten Resourcen in der Lage, viel mehr Patienten suffizient zu behandeln. Auch betonte Clinton den präventiven Wert einer antiretroviralen Therapie. Zu einer sehr anrührenden Szene kam es während des Auftrittes des Sinikithemba-Chors, einem Chor HIV-positiver Frauen und Männer aus Durban in Südafrika, dessen Mitglieder sich ihre medizinische Hilfe über Auftritte finanzieren. Ein Mitglied, eine junge HIV-infizierte Frau, wies in ihrer Rede auf die katastrophale Situation in ihrem Land hin. Der kleine Chor hätte im letzten Jahr 10 Mitglieder durch AIDS verloren, sie selbst hatte bereits zahlreiche opportunistische Infektion durchlebt. Erst seit dem Beginn mit HAART könne sie wieder ein normales Leben führen. Ihr eindringliches Statement endete mit dem Satz, dass auch in der Dritten Welt eine effektive Therapie möglich sei - sie selbst hätte seit Beginn der Therapie keine einzige Dosis ausgelassen. Mehr noch als das Schicksal dieser Patientin rührte so manchen Beobachter im Auditorium, dass Menschen aus der Dritten Welt offensichtlich noch Rechtfertigungzwängen unterliegen.

Epidemiologie, Resource Poor Areas

Als ob sie die Eröffnungsreden objektivieren wollten, belegten zahlreiche Poster und Vorträge derweil eindeutig, dass antiretrovirale Therapie auch in Ländern wie Malawi, Soweto, Haiti, Indien oder Senegal dauerhaft effizient sein kann und überdies präventiv ist. Daten zu diversen Generics wurden vorgestellt - eine pharmazeutische Arbeit zeigte, dass die Qualität dieser Präparate erstaunlich gut war. Ob Triomune, Nevimune, Nevirex aus Lithauen, Kenia oder Sambia - überall war genug Wirkstoff drin (Abstract # 549). Auch der oft gehörte Einwand, wegen fehlender Infrastruktur, fehlendem Labor oder schlechter Compliance sei eine HAART in der Dritten Welt nicht möglich, ist spätestens nach dieser Konferenz widerlegt. Nicht einmal CD4-Zellen braucht man - eine Arbeit belegte, dass ein einfaches Differentialblutbild - richtig ausgewertet - einen prädiktiven Wert von 88 % hat, um therapiebedürftige Patienten mit weniger als 200 CD4-Zellen zu erkennen (Abstract # 168).

In Europa gehen die AIDS-Zahlen derweil weiter zurück, wie die neuesten Euro-SIDA-Daten belegen (Abstract # 180). Zwischen 1998 und 2001 war ein signifikanter Rückgang von ca. 8 % alle 6 Monate zu erkennen. Allerdings konnte die Mortalitätsrate in den letzten Jahren zumindest bei Patienten mit > 50 CD4-Zellen nicht weiter reduziert werden. Im Klartext bedeutet dies: Die Patienten sterben seltener als früher, aber inzwischen an anderen Ursachen. In einer französischen Untersuchung war AIDS im Jahr 2000 bei suffizient mit HAART behandelten Patienten nur noch selten. Malignome, kardiovaskuläre Ereignisse und Leberversagen infolge einer Hepatitis C waren bereits häufigere Todesursachen (Abstract # 913).

Hinsichtlich der Neuinfektionen gab es aus verschiedenen Zentren der USA und Europa beunruhigende Daten. Das Risikoverhalten scheint sich in den letzten Jahren wieder verändert zu haben. Die Transmission resistenter Viren steigt allerdings offenbar nicht - resistente Viren haben möglicherweise eine geringere Transmissions-Kapazität, wie einige Labordaten nahe legten. Allerdings sind Superinfektionen - ein lang umstrittenes Phänomen - eindeutig möglich. Sie wurden auf dieser Konferenz mehrfach plausibel beschrieben (Abstract # 153, # 485, # 896).

In den nächsten Tagen wird die HIVNET-Redaktion täglich genauer von den zahlreichen Highlights dieser Konferenz berichten. Andrea Rubbert wird die Immunologie und Grundlagenforschung genauer beleuchten. Christian Hoffmann wird über neue Substanzen und Strategien und klinische Studien berichten, Georg Behrens wird sich dem Thema Lipodystrophie widmen.


 
 
     
 

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