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CROI 2003 zur Übersicht CROI 2003
RNA Interferenz: Neue therapeutische Strategien nicht nur gegen HIV
von Georg Behrens
Was noch auf der letzten CROI mit Beiträgen kaum über der Nachweisgrenze
repräsentiert war, hat sich in diesem Jahr schon zu einer vollständigen Session
entwickelt. Die Rede ist von RNA Interferenz, d.h. Genregulation mittels kurzer hochspezifischer
RNA-Abschnitte. RNA Interferenz (kurz RNAi) hat in vielen Bereichen der Molekularbiologie und
Medizin in nur kurzer Zeit zu intensiver Forschung und raschem Wissenszuwachs gesorgt (HIV.NET
berichtete). Die Hoffnung besteht, mit RNAi nicht nur HIV besser zu verstehen sondern auch
therapeutisches Neuland zu betreten.
RNA Interferenz bezeichnet einen komplexen Vorgang - nämlich das Ablesen eines Gens
stillzulegen. Dazu dienen kurze doppelsträngige RNA-Fragmente, die sehr spezifisch mit
Nukleotidsequenzen in der mRNA interferieren. Diese Fragmente müssen aber gezielt an den Ort
ihrer Wirkung gebracht werden und vor dem enzymatischen Abbau geschützt sein. Und hier fangen
die Probleme auch schon an. Strategische Experimente versuchen z.B. HIV-Genprodukte in infizierten
Zellen zu attackieren oder die Infektion von Zellen durch Reduktion der CD4 oder
Chemokinrezeptorexpression zu verhindern (Abstract # 52). Dazu könnte man z.B. RNAi mit
der Gentherapie hematopoetischer Stammzellen kombinieren. Die Gentherapie mit lentiviralen Vektoren
in humanen SCID Mäusen hat tatsächlich schon vor anschließender Infektion der Tiere
mit HIV geschützt (Abstract # 50). Zu berücksichtigen ist aber auch die
Zugänglichkeit der Zielstrukturen auf der mRNA. Nicht alle Abschnitte der mRNA sind für
die Interaktion mit interferierenden RNA Fragmenten erreichbar, und so müssen mögliche
Zielstrukturen auf der mRNA erst gesucht und getestet werden. Um nicht nur die Wirkung der
Interaktion von RNAi und mRNA auszunutzen, könnte man evtl. auch durch Methylierung der
Zielstrukturen die Wirkung von RNAi potenzieren.
Leider kann HIV durch seine bekannte Mutationsfreudigkeit wie schon bei den etablierten Therapien
auch hier zu Resistenzen führen. Diesem Phänomen versucht man mit Kombination
verschiedener RNAi entgegenzuwirken.
Judy Lieberman von Dana Faber Cancer Instiute gab eine spannende Übersicht auf der CROI 2003
zum Thema RNAi (Abstract # 51). Durch Transduktion von exogener RNAi (spezifisch für
CCR5 und p24) in HIV-infizierte Makrophagen gelang ihrer Arbeitsgruppe, in diesen Zellen die
HIV-Produktion massiv zu supprimieren. Die Effekt hielten in der Zellkultur sogar für zwei
Wochen an, wohl weil die Makrophagen sich nicht mehr teilen und damit die RNAi Fragmente lange
stabil bleiben und wirken können. In weiteren Experimenten in Mäusen gelang es der
Arbeitsgruppe, Fas-spezifische RNAi durch intravenöse Gabe in ausreichenden Mengen in
die Hepatozyten von Mäusen zu bekommen. Obwohl erfolgreich, ist diese Methode (sog.
"hydrodynamic transfection method") mit dreimaliger Injektion von 1 ml pro Maus in 24
Stunden vergleichsweise drastisch und entspricht drei raschen 3 Liter-Infusionen in einen 75 kg
schweren Menschen. Dennoch wurde in den Tieren die Expression von Apoptosemolekülen (Fas)
blockiert und die Mäuse waren vor einer durch Fas induzierten Hepatitis nach Injektion von ConA
geschützt. Die Ergebnisse sind nun vorab in Nature Medicine [1] erschienen und liefern
erste echte therapeutische Ansätze, die zunächst aber nur prinzipiell für die
HIV-Infektion Relevanz haben.
Es wird immer deutlicher, daß in diesem Forschungsgebiet ein enormes Potential für die
Medizin steckt. Die wissenschaftlichen Publikationen zum Thema sind fast ausschließlich in den
Top-Journals zu finden und gelten derzeit als die "Renner" der Wissenschaftsbörse.
Kurs steigend.
Literatur
[1] Song E, Lee S-K, Wang J, et al. RNA interference targeting Fas protects mice from fulminant
hepatitis. Nat Med 2003, doi:10.1038/nm828 (advanced online publication)
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