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HAART 2007
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6. Mit welcher HAART anfangen?

von Christian Hoffmann

Ist erst einmal die Entscheidung getroffen, dass eine HAART notwendig ist, folgt die nächste Frage: Womit anfangen? Angesichts der mehr als zwei Dutzend Medikamente erscheint die Zahl theoretisch möglicher Kombinationen auf den ersten Blick unüberschaubar. Nach den Deutsch-Österreichischen Empfehlungen sind in der Primärtherapie über 70 Kombinationen "eindeutig zu empfehlen oder ratsam", mehr als 100 gelten als "vertretbar".

In Anbetracht dieser Situation ist es wünschenswert, dass jeder therapienaive Patient an einer klinischen Studie teilnimmt, denn nur so kann HAART weiter verbessert werden. Doch mitunter sind Studien nicht möglich. Für diese Patienten soll die Datenlage zusammengefasst werden.

Empfohlene Primärtherapien

Aus unserer Sicht momentan (Stand Januar 2007) sinnvolle Primärtherapien sind in der Tabelle 6.1 aufgeführt. Sie decken sich nur zum Teil mit den Deutsch-Österreichischen Empfehlungen vom 2005, in denen einige Neuerungen noch nicht berücksichtigt werden konnten.

Darüber hinaus sind selbstverständlich noch zahlreiche andere Kombinationen möglich und auch zugelassen. Diese sind zum Teil sicher nicht falsch und im Einzelfall oder im Rahmen von Optimierungsstudien auch vertretbar, es können jedoch keine allgemeinen Empfehlungen ausgesprochen werden.

Problematische Kombinationen, die besser nicht verwendet werden sollten, sind unten in diesem Kapitel aufgeführt.

Primärtherapie praktisch - wichtige Regeln

Alle gängigen Primärtherapien bestehen aus jeweils zwei NRTIs, kombiniert mit entweder einem geboosterten PI, einem NNRTI oder - mit deutlichen Einschränkungen - einem dritten NRTI. Eine eindeutige Überlegenheit einer spezifischen Kombination hat sich bislang nicht gezeigt, den Goldstandard gibt es nicht. Bei der Wahl der Primärherapie spielen deshalb neben der antiviralen Potenz und Verträglichkeit viele Dinge eine Rolle. Individuelle Compliance, Begleiterkrankungen und Begleitmedikation, aber auch die Bedürfnisse des Patienten sollten in die Entscheidung mit einfließen. Man sollte sich bewusst sein, dass eine Primärtherapie von großer Bedeutung ist und gut vorbereitet werden will. Die Chance einer dauerhaften Virussuppression ist hier am größten.

Praktische Tips für die erste Therapie

  • Der erste Schuss muss sitzen, d. h. die Viruslast muss runter - und zwar spätestens nach 3-6 Monaten unter die Nachweisgrenze!
  • Sich Zeit nehmen - der Patient muss bereit sein für die HAART. Kein halbherziger Beginn! Im Zweifel lieber warten und Werte weiter kontrollieren.
  • Einem neuen Patienten möglichst nicht gleich beim ersten Mal Medikamente verschreiben. Kennt man den Patienten gut genug? Ist er wirklich motiviert? Kommt er überhaupt wieder?
  • Jedem Patienten nur die ART verschreiben, zu deren Einnahme er imstande ist! Nicht auf theoretisch sinnvolleren Kombinationen beharren.
  • Vor- und Nachteile (Nebenwirkungen!) verschiedener Kombinationen sollten besprochen werden - fast immer ist Zeit dafür.
  • Die Primärtherapie sollte maximal zweimal am Tag eingenommen werden. Falls der Patient Wert auf Once-Daily legt, ist dies zu berücksichtigen.
  • Die Toxizitätsprofile sollten sich möglichst nicht überschneiden - nie mehrere allergene Substanzen gleichzeitig einsetzen.
  • Begleitmedikation (und Drogenkonsum) erfragen - sind relevante Interaktionen zu erwarten?
  • Begleiterkrankungen checken - was ist mit Leber (Hepatitis?), Niere?
  • Alle Medikamente am gleichen Tag beginnen - kein mono- oder duo-therapeutisches "Einschleichen"!
  • Rechtzeitig prüfen, ob der Patient für eine klinische Studie in Frage kommt! Die Patienten dazu ermutigen!


Was vorweg geklärt werden sollte

Einnahmemodalitäten

Kann der Patient wirklich selbstständig Medikamente einnehmen? Was ist angesichts seiner individuellen beruflichen oder sozialen Situation realistisch? Wie regelmässig lebt, schläft, isst er? Im Zweifel ist ein einfacheres Regime vorzuziehen. Vor allem für Drogenabhängige ist es oft realitätsfern, mehrfach am Tag Tabletten nach einem genauen Protokoll einzunehmen. Doch auch Junkies brauchen Therapien, und so gibt es erfolgreiche Versuche mit Once-Daily-Regimen für Drogenabhängige (Staszewski 2000), die sich zusammen mit der Substitution auch als DOT (Directly Observed Therapy) eignen.

Für viele Patienten sind Pillenzahl oder Auflagen bei der Nahrungsaufnahme entscheidend. Die Bandbreite zugelassener und empfohlener Primärtherapien reicht von 2 bis 13 Pillen pro Tag. Für einige ist es inakzeptabel, Pillen zu bestimmten Zeiten zu fettreicher Nahrung einnehmen zu müssen. Patienten sind heute anspruchsvoller als früher. Zu Recht. Es gibt Alternativen. Sogar Größe oder Konsistenz der Pillen können ein Problem sein. Es ist wichtig, diese Punkte vorweg anzusprechen (gut geeignet: Farbtafeln wie der KIS-Drugfinder).

Begleiterkrankungen

Vor Therapiebeginn müssen Begleiterkrankungen abgeklärt werden (genaue Befragung, Untersuchung). Ihre Kenntnis ist wichtig für die weitere Auswahl der Medikamente (siehe Tabelle 6.2). Beispiele: Einem Patienten mit Diarrhoen sollte man kein Nelfinavir, Fosamprenavir oder Lopinavir geben. Bei einer Pankreatitis-Anamnese ist DDI kontraindiziert. Vorsicht bei Nierenerkrankungen mit Tenofovir oder Indinavir! Bei Polyneuropathien sollten alle D-Medikamente (DDI, D4T) unbedingt vermieden werden, sie haben in der Primärtherapie sowieso nur noch in Ausnahmefällen etwas zu suchen. Ein (noch nicht insulinpflichtiger) Diabetes mellitus kann durch PIs erst insulinpflichtig werden.

Auch Lebererkrankungen bzw. chronische Hepatitiden sollten beachtet werden. Das Risiko einer schweren Hepatotoxizität unter Nevirapin oder Ritonavir ist dann erhöht (Den Brinker 2000, Sulkowski 2000). Auch bei geboosterten PIs ist Vorsicht geboten. Eine Studie an über 1.000 Patienten fand allerdings keinen Unterschied zwischen Lopinavir/Ritonavir und einem ungeboosterten PI wie Nelfinavir bei HCV-Koinfektion (Sulkowski 2004). Bei einer HBV-Koinfektion sollte man die gute HBV-Wirkung von 3TC oder FTC (nicht gleichzeitig!) und möglichst auch Tenofovir nutzen.

 

Interaktionen mit Medikamenten und Drogen

Interaktionen spielen ebenfalls eine wichtige Rolle bei der Auswahl der Kombination. Zu unterscheiden sind Interaktionen der antiretroviralen Substanzen untereinander und Interaktionen mit einer möglichen Begleitmedikation (siehe Kapitel Interaktionen). Dazu ist oft nur wenig bekannt. Wie groß der Forschungsbedarf auf diesem Gebiet ist, mag eine Studie verdeutlichen, in der die Interaktionen von HAART und Statinen untersucht wurden. Bei Messungen an gesunden Probanden erhöhten sich bei gleichzeitiger Gabe von Ritonavir bzw. Saquinavir die Plasmaspiegel von Simvastatin um 3.059 % (Fichtenbaum 2002). Eine tödliche Rhabdomyolyse unter Simvastatin und Nelfinavir wurde berichtet (Hare 2002).

Zahlreiche Substanzen sollten mit antiretroviralen Medikamenten nicht kombiniert werden, weil es zu unkalkulierbaren Interaktionen kommen kann. Dazu zählen übrigens auch bestimmte Kontrazeptiva. Selbst Präparate, bei denen man auf den ersten Blick keine Probleme vermutet hätte, können ungünstig sein: So können die Plasmaspiegel von Saquinavir durch die gleichzeitige Einnahme von Knoblauchkapseln um rund die Hälfte reduziert werden (Piscitelli 2002). Selbst eine scheinbar harmlose Substanz wie Vitamin C kann die Indinavir-Spiegel signifikant senken (Slain 2005). Auch Marcumar kann ein Problem sein; Ritonavir senkt die Spiegel deutlich (Llibre 2002). Typische weitere "Problem"-Medikamente sind außerdem Migränemittel, Prokinetika und Sedativa/Hypnotika. Unter Ergotamin und Ritonavir ist ein Todesfall beschrieben (Pardo 2003). Auch die gleichzeitige Gabe von HAART und PDE-5-Inhibitoren (Sildenafil, Vardenafil, Tadalafil) hat ihre Gefahren, siehe das Kapitel "Sexuelle Dysfunktion".

Drogen oder Alkohol können auch mit HAART interagieren. Für Substituierte kann sich bei bestimmten Substanzen wie zum Beispiel Nevirapin und Efavirenz der Bedarf an Methadon deutlich erhöhen. Dies gilt in schwächerem Maße auch für Ritonavir und Nelfinavir. Für Lopinavir ist die Datenlage uneinheitlich, aber auch hier können Dosisanpassungen erforderlich werden (McCance-Katz 2003, Stevens 2003). Bei Tenofovir scheinen keine relevanten Interaktionen mit Methadon zu bestehen (Smith 2004).

Andere Interaktionen haben noch weitaus gefährlichere Konsequenzen. So wurden mehrere Todesfälle nach gleichzeitiger Einnahme von Ritonavir und Amphetaminen bzw. MDMA/Ecstasy oder dem gern als Freizeitdroge verwendeten Narkotikum Gammahydroxybutyrat (Samsonit® oder "Liquid Ecstasy") publiziert (Henry 1998, Harrington 1999, Hales 2000). Insbesondere Ritonavir inhibiert den Metabolismus von Amphetaminen (Speed oder MDMA/Ecstasy), Ketaminen oder LSD (Übersicht in: Antoniou 2002). Arzt und Patient sind daher gut beraten, sich vor Therapiebeginn in einem offenen Gespräch auch über Drogen zu unterhalten. Marihuana und THC haben wahrscheinlich nur ein geringes Interaktionspotential (Kosel 2002). Amphetamine sind bei HIV-Patienten offenbar besonders schädlich bzw. neurotoxisch (Langford 2003).

An dieser Stelle kann nicht auf jede Substanz hingewiesen werden. Viele finden sich im Medikamenten-Teil und im Kapitel Interaktionen. Allerdings empfiehlt es sich, immer auch in die Packungsbeilage zu schauen. Sofern bereits Medikamente eingenommen werden, ist der HAART-Beginn in jedem Fall eine gute Gelegenheit, über die bestehende Medikation nachzudenken.

Additive Toxizitäten

Auch potentiell additive Toxizitäten sollten bei der Auswahl der Therapie berücksichtigt werden. Sind gleichzeitig myelotoxische Substanzen (Valganciclovir!) notwendig, sollte man mit AZT vorsichtig sein. Das Gleiche gilt für Dapson und Cotrimoxazol. Bei einer Hepatitis C-Behandlung mit Interferon und Ribavirin ist DDI unbedingt zu vermeiden, nach Möglichkeit auch AZT und D4T. Bei potentiell nephrotoxischen Substanzen ist vor allem bei Tenofovir und Indinavir Vorsicht geboten.

Ungünstig ist schließlich in der Primärtherapie der Beginn mit potentiell allergenen Substanzen, wenn gleichzeitig eine antiinfektiöse Prophylaxe mit Cotrimoxazol oder anderen Sulfonamiden erforderlich geworden ist. Dazu zählen Nevirapin, Efavirenz, Abacavir (und evtl. Fosamprenavir). Auf diese antiretroviralen Substanzen sollte zugunsten einer "ungestörten" Prophylaxe besser verzichtet werden, schließlich hat man die Wahl. Ansonsten kann es schwer werden, bei einem Arzneimittelexanthem das auslösende Agens zweifelsfrei zu identifizieren.

Welche Substanzklassen verwenden?

Die derzeit gängigen Primärtherapien enthalten zwei Nukleosidanaloga plus entweder ein PI oder ein NNRTI. Ein drittes Nukleosidanalogon wird nur noch in Ausnahmefällen eingesetzt. Alle drei Strategien senken das AIDS-Risiko etwa gleich deutlich (Olsen 2005). Andere Kombinationen sind dagegen experimentell und außerhalb von Studien nicht gerechtfertigt. Vorteile und Probleme der drei Strategien sind in Tabelle 6.3 aufgeführt.

Studien, in denen diese Strategien direkt miteinander verglichen wurden, gibt es nur wenige. Die meisten getesteten Kombinationen werden außerdem nicht mehr verwendet, so dass die Aussagekraft dieser Studien begrenzt ist. Dies gilt zum Beispiel für die Atlantic-Studie (van Leeuwen 2003) oder die CLASS-Studie (Bartlett 2004), aber auch einige andere (Gerstoft 2003).

In 2006 wurde mit ACTG 5142 eine randomisierte Studie publiziert, in der mit Lopinavir ein geboosterter PI gegen den NNRTI Efavirenz getestet wurde (Riddler 2006) - zwei der aktuell meistverwendeten Medikamente. In diese dreiarmige US-Studie waren 753 therapienaive Patienten aufgenommen worden. In zwei Armen wurde zu zwei NRTIs (die Auswahl war frei und bestand meist 3TC plus AZT, TDF oder D4T-XR) entweder Lopinavir/r oder Efavirenz gegeben, der dritte Arm erhielt eine NRTI-freie Therapie aus Lopinavir/r und Efavirenz. Für viele Beobachter, die eher ein Kopf-an-Kopf-Rennen erwartet hatten, kamen die Resultate überraschend (Tabelle 6.4.): Efavirenz war effektiver als Lopinavir/r.

Die Unterschiede in der antiviralen Wirksamkeit zwischen EFV+NRTIs und LPV/r+NRTIs waren signifikant, die Rate der Patienten mit unter 50 Kopien/ml nach 96 Wochen unterschied sich immerhin um 12 %. Der NRTI-freie Arm lag in etwa zwischen den anderen beiden. Obwohl im EFV+NRTIs-Arm die Rate virologischen Versagens niedriger war - wenn die Therapie versagte, lagen häufiger Resistenzen vor als in den LPV/r-Armen, zudem stiegen die CD4-Zellen unter LPV/r stärker an als unter EFV. Überraschend war das recht gute Abschneiden des NRTI-freien Armes. Vereinfacht zeigt ACTG 5142, dass NNRTIs möglicherweise etwas effektiver sind, weil sie etwas besser vertragen werden. Resistenzen treten allerdings rascher auf als unter geboosterten PIs.

So wird auch ACTG 5142 als bislang jüngste Studie dieser Art keine endgültige Antwort geben können, es bleiben Pros und Contras für einzelne Strategien - die Kontroverse um die beste Primärtherapie dauert an.

Im Folgenden werden verschiedene Strategien in der Primärtherapie genauer besprochen. Dazu zählen:

  1. Zwei NRTIs plus ein NNRTI
  2. Zwei NRTIs plus ein Proteasehemmer
  3. Drei NRTIs ("Triple Nuke")
  4. Once-Daily-Kombinationen
  5. Experimentelle Kombinationen ("Nuke Sparing", intensivere Ansätze)
  6. Problematische Primärtherapien, die in jedem Fall vermieden werden sollten

 

1. Zwei NRTIs plus ein NNRTI

NNRTI-haltige Regime sind in ihrer antiviralen Potenz den PI-Kombinationen mindestens gleichwertig und vermutlich sogar besser. In zahlreichen randomisierten Studien schnitten die NNRTIs gut ab: So haben sich Efavirenz-basierte Regime in Studien wie 006, ACTG 384, ACTG 5095 oder CLASS gegenüber Indinavir, Nelfinavir, Amprenavir/r oder Triple-Nuke als überlegen erwiesen (Staszewski 1999, Robbins 2003, Gulick 2004, Bartlett 2004).

Neuere Studien wie ACTG 5142 (siehe oben) oder FIRST scheinen die Überlegenheit der NNRTIs noch zu untermauern (MacArthur 2006, Riddler 2006). Nevirapin-basierte Regime waren in Combine oder Atlantic mindestens gleichwertig mit Nelfinavir, Indinavir und besser als Triple-Nuke (Podzamczer 2002, van Leeuwen 2003). Im der 2NN-Studie gab es zwischen Efavirenz und Nevirapin keine entscheidenden Unterschiede (van Leth 2004).

Vorteile der NNRTI-Kombinationen sind zudem eine niedrige Pillenzahl und die gute Verträglichkeit. Im Gegensatz zu den PIs gibt es allerdings keine Studien zu klinischen Endpunkten. Ebenso fehlen Langzeitdaten zu stark immunsupprimierten Patienten. Nachteile der NNRTI-Kombination sind zudem die raschen Kreuzresistenzen. Theoretisch könnte sich daraus ein Nachteil bei hochvirämischen Patienten ergeben - bewiesen wurde dies bislang jedoch von keiner Studie. Nicht selten sind außerdem Allergien gegenüber den NNRTIs. Nevirapin muss unbedingt eingeschlichen werden, bei Efavirenz sind die ZNS-Störungen zu erwähnen.

TDF+3TC/FTC plus Efavirenz (oder Nevirapin): ist derzeit eine der aus unserer Sicht besten Kombinationen. In der doppelblind randomisierten Gilead 903-Studie war sie virologisch genauso effektiv wie D4T+3TC (plus Efavirenz), allerdings deutlich verträglicher, vor allem hinsichtlich Polyneuropathie und Lipodystrophie (Gallant 2004). In der 934-Studie waren TDF+FTC plus Efavirenz effektiver, weil verträglicher als AZT+3TC plus Efavirenz (Gallant 2006, Pozniak 2006). Zu Nevirapin gibt es bislang wenig Daten in der Kombination mit TDF+3TC/FTC, ein wesentlicher Unterschied scheint jedoch eher unwahrscheinlich. Allerdings wurde unlängst in der kleinen Daufin-Studie unter einer Once-Daily-Kombination aus TDF+3TC+Nevirapin vermehrt Therapieversagen beobachtet (Rey 2007).

AZT+3TC plus Efavirenz oder Nevirapin: diese Regime zählten lange zu den am häufigsten verwendeten Kombinationen und sind in vielen großen Meilenstein-Studien untersucht worden (006, Combine, ACTG 384, 5095, 934). Zu beachten sind Nebenwirkungen in den ersten Wochen, die meist auf AZT zurückzuführen sind. In der 934-Studie traten zum Teil erhebliche Anämien und gastrointestinale Probleme auf, die Wirkung von AZT+3TC wurde dadurch gegenüber TDF+FTC deutlich kompromittiert (Gallant 2006, Pozniak 2006). Wenn die ersten Wochen einmal überstanden sind, ist eine Kombination aus AZT+3TC plus Nevirapin oder Efavirenz oft ein langjähriger "Selbstgänger". Ein immer wichtigeres Argument gegen diese Kombination ist die Tatsache, dass AZT zweimal täglich eingenommen werden muss - Once-Daily ist nicht möglich.

D4T+3TC plus Efavirenz oder Nevirapin: Für D4T+3TC ist es nach der 903-Studie (siehe oben) und nach der ABCDE-Studie (Podzamczer 2006) eng geworden. Diese Kombination bietet sich nur noch an, wenn bereits zu Therapiebeginn Probleme mit Niere und Blutbildung (Anämie oder Thrombozytopenie) bestehen. In Frage kommen zum Beispiel Patienten unter Chemotherapie oder Ganciclovir. In 2NN waren D4T+3TC+Efavirenz und D4T+3TC+Nevirapin in etwa gleichwertig (Van Leth 2004).

2. Zwei NRTIs plus ein Proteasehemmer

Diese Kombination ist die einzige HAART, für die in randomisierten Studien ein Effekt anhand klinischer Endpunkte nachgewiesen wurde (Hammer 1997, Cameron 1998, Stellbrink 2000). Auch gibt es Erfahrungen über längere Zeiträume, einige Studien laufen über fünf Jahre und mehr (Gulick 2003, Hicks 2003). Viele Experten setzen diese Kombinationen auch heute noch gerne ein, vor allem bei AIDS-Patienten mit hoher Viruslast, denn ein weiterer Vorteil ist die Robustheit geboosterter PIs für virale Resistenzen. Ob das in der Primärtherapie tatsächlich einen Vorteil hat, ist allerdings nicht bewiesen. Nachteile der PI-haltigen Primärtherapie sind die oft höheren Pillenzahlen und häufig auch Nebenwirkungen - beides erschwert die Compliance. Zu den gängigsten Kombinationen:

Zwei NRTIs plus Lopinavir/r: Werden in vielen Leitlinien als eine Kombination eingestuft, die vorzugsweise eingesetzt werden sollte. Die Langzeitwirkung scheint gut zu sein (Hicks 2003). Bislang wurden so gut wie keine Resistenzen unter einer solchen Primärtherapie beschrieben. Die Kombination D4T+3TC+Lopinavir/r hat sich in der bislang einzigen vergleichenden Studie als effektiver erwiesen als D4T+3TC+Nelfinavir. Nach 48 Wochen hatten 67 % versus 52  % der Patienten eine Viruslast unter 50 Kopien/ml (Walmsley 2002). Nach KLEAN und Gemini sieht es allerdings so aus, als wäre Lopinavir/r in der Primärtherapie nicht effektiver ist als andere geboosterte PIs (Eron 2006, Slim 2006). Nach ACTG 5142 könnte es Efavirenz sogar unterlegen sein (Riddler 2006, siehe oben). Als Nuke-Backbone wird in den meisten Studien zurzeit TDF+FTC verwendet (Johnson 2006).

ABC+3TC plus Fosamprenavir/r: ABC+3TC, kombinierbar als Kivexa®, haben sich in den NEAT- und SOLO-Studien als gut wirksam in Kombination mit Fosamprenavir erwiesen (Gathe 2004, Rodriguez-French 2004). In der KLEAN-Studie waren unter Fosamprenavir/r keinerlei Unterschiede gegenüber Lopinavir zusehen, auch nicht hinsichtlich der Verträglichkeit. Schwere Diarrhoen oder Cholesterinerhöhungen waren nicht seltener (Eron 2006). Wir würden bei Fosamprenavir/r am ehesten einen Backbone aus ABC+3TC empfehlen, da die Datenlage dazu am besten ist. Wahrscheinlich sind aber auch andere Nukes möglich. In der ALERT-Studie war Fosamprenavir/r in etwa so effektiv wie Atazanavir/r, bei einem Backbone aus TDF+FTC (Smith 2006).

Zwei NRTIs plus Saquinavir/r: AZT+DDC+Saquinavir war die erste PI-Kombination, für die ein Überlebensvorteil gezeigt wurde (Stellbrink 2000). Allerdings wird Saquinavir heute mit anderen NRTIs als mit AZT+DDC und, wichtiger noch, nur noch geboostert gegeben (Saquinavir/r, 1000/100 BID). Die Verträglichkeit ist wahrscheinlich besser als von Indinavir/r (Dragstedt 2003). Zu AZT-haltigen Nuke-Backbones gibt es mehr Daten als zu TDF-haltigen. In der relativ kleinen GEMINI-Studie scheint Saquinavir/r bei einem Backbone aus TDF+FTC allerdings nicht wesentlich schlechter als Lopinavir zu sein (Slim 2006).

Zwei NRTIs plus Nelfinavir: gehörten früher zu den meistverwendeten ART-Regimen. In den Zulassungsstudien wurde Nelfinavir vor allem mit AZT+3TC kombiniert (Saag 2001, Gartland 2001). In Combine war Nelfinavir im Trend etwas schwächer als Nevirapin (Podczamczer 2002), in INITIO klar schwächer als Efavirenz (Yeni 2006). Auch im Vergleich zu geboosterten PIs wie Lopinavir/r oder Fosamprenavir/r ist Nelfinavir schwächer (Walmsley 2002, Gathe 2004, Rodriguez-French 2004). Aufgrund der hohen Pillenzahl und den oft erheblichen Diarrhoen ist Nelfinavir in der Primärtherapie heute nicht mehr zu empfehlen. Ausnahme ist eine Schwangerschaft, wo sich Nelfinavir als sicher erwiesen hat.

3. Drei NRTIs - "Triple-Nuke"

Triple-Nuke-Therapien haben Vorteile: Wenig Pillen, wenig Interaktionen, keine PI- oder NNRTI-typischen Nebenwirkungen und die Tatsache, dass alle anderen Substanzklassen für später aufgespart werden. Entscheidender Nachteil ist, dass Triple-Nuke wohl virologisch schwächer ist als divergente Kombinationen aus mehreren Substanzklassen. Mit wachsendem Wissen um die mitochondriale Toxizität der NRTIs hat dieser Ansatz zudem an Attraktivität verloren.

AZT+3TC+ABC: Diese Kombination in einer Tablette Trizivir® (zweimal täglich) ist die klassische Triple-Nuke-Therapie. Trizivir® ist nicht so potent wie divergente Kombinationen. Zwar konnte es noch einigermaßen mit zwei NRTIs plus jeweils ungeboosterten PIs wie Nelfinavir, Atazanavir (Matheron 2003, Kumar 2006) oder Indinavir (Staszewski 2001, Vibhagool 2004) mithalten, doch spätestens seit ACTG 5095 gilt Trizivir® nicht mehr als gleichberechtigte Primärtherapie (Gulick 2004). In dieser doppelblind randomisierten Studie erhielten 1.147 therapienaive Patienten entweder AZT+3TC+ABC, AZT+3TC plus Efavirenz oder AZT+3TC+ABC plus Efavirenz. Endpunkt war eine Viruslast > 200 Kopien/ml, was nach 32 Studienwochen bei 21 % im Trizivir®-Arm der Fall war, gegenüber nur 11 % in den beiden anderen Armen. Diese Unterschiede waren signifikant, der Triple-Nuke-Arm mit AZT+3TC+ABC wurde abgebrochen.

Trizivir® wird meist gut vertragen, allerdings ist eine Aufklärung über die Abacavir-Hypersensitivitätsreaktion erforderlich. Für die AZT-Dosis in Trizivir® gilt das Gleiche wie für Combivir® - sie kann für einige Patienten zu hoch sein.

TDF+3TC+ABC/DDI: sollten vermieden werden (Jemsek 2004, Gallant 2005, Khanlou 2005). In bis zu 49 % droht ein frühes virologisches Therapieversagen, wahrscheinlich aufgrund niedriger genetischer Resistenzbarrieren (Landman 2005). Dies gilt auch für vorbehandelte Patienten, die HAART mit diesen Kombinationen "vereinfachen" (Hoogewerf 2003, Perez-Elias 2005).

TDF+AZT+3TC(+ABC): Wir selbst haben retrospektiv gute Erfahrungen mit TDF+AZT+3TC gemacht (Mauss 2005). Offenbar ist das Thymidin-Analogon AZT aufgrund der unterschiedlichen Resistenzpfade protektiv für Tenofovir-assoziierte Mutationen (Rey 2006, siehe auch Kapitel Resistenzen). Pilotstudien berichtete zudem von niedrigen virologischen Versagerraten unter einer Quadruple-Nuke-Therapie mit TDF+AZT+3TC+ABC (Moyle 2006, Elion 2006), über deren Langzeittoxizität und -wirksamkeit allerdings noch nichts bekannt ist.

Abseits von Trizivir® und Tenofovir wurde eine Reihe Triple-Nuke-Therapien getestet, meist mit D4T und DDI (Gerstoft 2003, Van Leeuwen 2003, Bartlett 2004). Sie spielen in der Praxis heute keine Rolle mehr.

Fazit: Es fällt schwer, für Triple-Nuke in der Primärtherapie noch die Fahne hoch zu halten. Abgesehen von den miserablen Ergebnissen von einigen TDF-haltigen Therapien ist Triple-Nuke insgesamt etwas schlechter als divergente Therapien. Für diese Option kommen nur noch Patienten mit Compliance-Problemen oder mit interaktionsträchtiger Komedikation (Tuberkulostase, MAC-Therapie, Marcumar) und niedriger Viruslast in Frage. Als Erhaltungstherapie ist Triple-Nuke allerdings noch nicht vom Tisch (siehe folgende Kapitel).

4. Once-Daily-Kombinationen

In den letzten Jahren sind viele Medikamente für die einmal tägliche Gabe ("Once Daily", OD) zugelassen worden (siehe Tabelle 6.5.). Viele OD-Optionen für die Primärtherapie sind so entstanden, wie zum Beispiel TDF+FTC(3TC)+EFV (Saag 2004, Gallant 2006), ABC+3TC+EFV (Moyle 2005) und TDF+FTC+LPV/r (Johnson 2006).

Theoretisch wird von einigen Experten befürchtet, dass OD-Regime hinsichtlich der Resistenzentwicklung ungünstig sind. Wird die Einnahme vergessen, ist gleich ein ganzer Tag verloren. Möglicherweise sind OD-Regime deshalb gerade bei Patienten mit schlechter Compliance problematisch. Sofern sie im Rahmen von DOT-Programmen (directly observed therapy) überwacht werden, können OD-Regime gerade bei diesen Patienten jedoch sehr hilfreich sein (Staszewski 2000, Mitty 2005+2006). In der ACTG 5073-Studie brachte eine DOT mit einer Kombination aus Lopinavir/r+FTC+D4T-XR allerdings keinen Vorteil, die Einmalgabe täglich war zudem etwas weniger effektiv (Mildvan 2007).

Ob Once-Daily abseits solcher Programme die Compliance per se verbessern, ist nicht geklärt. Nach unserer Erfahrung ist es ein größerer Schritt von drei auf zwei Gaben als von zwei auf eine. Einer Metaanalyse (Claxton 2001) zufolge ist die Compliance bei Once-Daily besser als bei einer dreimal oder viermal täglichen Gabe, nicht jedoch als bei der Zweifachgabe ("BID" im englischen Sprachraum). Zwischen OD und BID scheint es keinen Unterschied zu geben, wenn die BID-Regime einfach sind und gut vertragen werden (Stone 2004). Patienten wünschen sich zwar oft Once-Daily - aber nur wenn es keine Nahrungsvorschriften gibt und die Pillenzahl klein ist (Moyle 2003). Schon aufgrund der Pillenzahl werden sich daher OD-PI-Kombinationen mit Saquinavir/r oder Lopinavir/r trotz recht guter Daten wohl nicht durchsetzen (Eron 2004, Ananworanich 2005, Johnson 2006).

Durch die höheren Maximalspiegel könnte außerdem die Verträglichkeit einiger Substanzen schlechter werden. So führte OD-Lopinavir in der 418-Studie zu mehr Diarrhoen als die zweimalige Gabe (Johnson 2006). Once-Daily hat aber nicht nur auf die Maximalspiegel einen Einfluß - die längeren Intervalle zwischen den Einnahmen haben auch zur Folge, dass die Talspiegel sinken, vor allem bei geboosterten PIs. Dies kann bei vorbehandelten Patienten relevant sein (Elston 2004, la Porte 2005), dürfte aber in der Primärtherapie keine große Rolle spielen.

Fazit: Es besteht keineswegs eine Notwendigkeit, Patienten auf OD-Regime einzustellen. Allerdings sollte der Wunsch des Patienten berücksichtigt werden. Gerade bei Berufstätigkeit mit wechselnden Einsatzzeiten oder unregelmäßiger Lebensführung kann es schwierig werden, zweimal am Tag zu festen Zeitpunkten Medikamente einzunehmen. Aber auch diese Patienten müssen wissen, dass es bei Once-Daily genauso darauf ankommt, die Medikamente pünktlich zu nehmen.

5. Experimentelle Kombinationen

HAART muss einfacher und verträglicher werden. Allerdings drängt die Zeit, und es kann nicht nur auf neue Substanzen gewartet werden. An zwei Ansätzen wird derzeit gearbeitet: Kombinationen, die auf NRTIs verzichten (Nuke-Sparing), und so genannte Induktionstherapien, also intensive Kombinationen mit mehr als drei wirksamen Substanzen oder mit Substanzen aus drei Wirkstoffklassen.

"Nuke-Sparing"

Klassische HAART-Regime enthalten als "Rückgrat" jeweils zwei NRTIs ("Nuke-Backbone"). Dies ist vor allem historisch begründet: NRTIs waren die ersten Medikamente auf dem Markt, und als die NNRTIs und PIs entwickelt wurden, war die Gabe von zwei NRTIs als Standard etabliert. Mit wachsendem Wissen um die mitochondriale Toxizität der NRTIs wird "Nuke-Sparing", also der Verzicht auf NRTIs, auch in der Primärtherapie zunehmend untersucht (siehe Tabelle 6.6). Einige Studien an vorbehandelten Patienten haben Nuke-Sparing bereits mit Erfolg getestet (siehe "Wann eine HAART umstellen"), und auch in der Salvage-Therapie werden Doppel-PI-Kombinationen untersucht.

Aber in der Primärtherapie? Nachdem in der 006-Studie eine NRTI-freie Kombination aus Indinavir+Efavirenz relativ schlecht abschnitt (Staszewski 1999), schien Nuke-Sparing vorerst passé. Doch der Druck auf NRTIs nimmt zu. Die erste große Studie, die überzeugende Daten zum Nuke-Sparing brachte, war ACTG 5142 (Riddler 2006, siehe oben). Sie zeigte, dass eine Kombination aus Lopinavir/r und Efavirenz nicht schlechter ist als Lopinavir/r oder Efavirenz plus jeweils zwei NRTIs. ACTG 5142 wird sicher zu weiteren Studien führen und mittelfristig Nuke-Sparing in der Primärtherapie möglicherweise mehr etablieren als bisher.

Randomisierte Studien abseits von ACTG 5142 und 006 gibt es bislang nur wenige. In EASIER erhielten die Patienten neben Indinavir/r und Efavirenz entweder D4T oder nicht. Nach 48 Wochen zeigten sich vergleichbare Effekte hinsichtlich der Surrogatmarker - D4T brachte keinen zusätzlichen Effekt. Allerdings war der Wert dieser Studie durch eine relativ hohe Abbruchrate gemindert (Stek 2003). Zwei kleine, randomisierte Studien fanden ebenfalls keine signifikanten Unterschiede von Nuke-Sparing zu Standard-Regimen (Harris 2005, Cameron 2005).

Unklar ist noch, ob Nebenwirkungen durch Nuke-Sparing tatsächlich reduziert werden. In HIVNAT009 wurde berichtet, dass sich die Lipoatrophie zurückbildet (Boyd 2005), in CTN 177 hatte Nuke-Sparing günstige Effekte auf das Laktat (Harris 2005). In ACTG 5142 war die Lipoatrophierate vermindert, die Verträglichkeit ansonsten jedoch nicht besser als unter konventionellen Regimen. Dyslipidämien wurden sogar häufiger beobachtet (Riddler 2006, Haubrich 2007). Angesichts der aktuellen Datenlage ist es noch zu früh, um Nuke-Sparing als gleichberechtigten Ansatz empfehlen zu können.

 

Monotherapien, alternierende Therapien

Geht es noch einfacher? Im Sommer 2003 wurde ein avantgardistisches Konzept vorgestellt: Monotherapie mit geboosterten PIs. Angesichts der hohen Resistenzbarrieren geboosterter PIs war der Erfolg zum Teil beachtlich (siehe Kapitel "Womit umstellen?"). In der Primärtherapie fällt es angesichts der immer größeren Auswahl gut verträglicher Substanzen allerdings schwer, vernünftige Gründe für die Monotherapie zu finden.

Ein weiterer Ansatz sind alternierende Therapien. In der SWATCH-Studie wurden 161 Patienten auf D4T+DDI+Efavirenz oder AZT+3TC+Nelfinavir randomisiert (Martinez-Picado 2003). Ein dritter Arm wechselte alle drei Monate zwischen beiden Regimen, sobald die Viruslast unter der Nachweisgrenze lag. Nach 48 Wochen war das virologische Versagen im alternierenden Arm signifikant reduziert. Hinsichtlich anderer Parameter (CD4-Zellen, Nebenwirkungen) ergaben sich keine Unterschiede. Angesichts der guten Verträglichkeit vieler Therapien haben solchen alternierenden Strategien, die die Patienten durchaus durcheinander bringen können, jedoch an Bedeutung verloren.

Intensivere (Induktions-) Behandlung mit 4-5 Medikamenten

Immer wieder wird die Frage aufgeworfen, ob nicht bei Patienten mit hoher Viruslast intensivere Ansätze als konventionelle Dreifachkombinationen nötig sind. Aus Sorge um schnell auftretende Resistenzen beginnen einige Behandler bei diesen Patienten mit einer "Induktion" aus vier oder gar fünf Medikamenten, die dann bei guter Virussuppression auf eine Dreifachkombination vereinfacht wird. Validiert ist dieses Konzept nicht, das auf theoretischen Überlegungen oder kleinen Modellstudien basiert, denen zufolge die Viruslast unter intensiveren Kombinationen rascher sinkt als unter Standardtherapien (Ramratnam 2004). Zu unterscheiden sind Ansätze, in denen mehr Einzelsubstanzen gegeben werden, von Ansätzen, in denen drei statt zwei Wirkstoffklassen verwendet werden.

Mehr Einzelsubstanzen: bringen wohl keine Vorteile. Jeweils zwei PIs statt nur einem PI oder zwei statt einem NNRTI hatten sogar eher negative Folgen (Moyle 2000, Katzenstein 2000, van Leth 2004). Auch für drei statt zwei NRTIs gibt es kein Argument (Staszewski 2003, Orkin 2005). ACTG 5095 zeigte bei 765 Patienten keinerlei Unterschiede zwischen Combivir®+Efavirenz und Trizivir®+Efavirenz, auch nicht bei hochvirämischen Patienten (Gulick 2005).

Mehr Wirkstoffklassen: Bei der Frage, ob man drei statt zwei Wirkstoffklassen einsetzen soll, ist die Datenlage nicht ganz so eindeutig.

  • ACTG 388: 517 relativ weit fortgeschrittene HIV-Patienten erhielten zu AZT+3TC entweder Indinavir, Indinavir+Efavirenz oder Indinavir+Nelfinavir (Fischl 2003). Nach zwei Jahren war das virologische Versagen unter Indinavir+Efavirenz niedriger als in den anderen Armen. Am schlechtesten schnitten Indinavir+Nelfinavir ab. ACTG 388 zeigte somit einen Vorteil einer Drei- gegenüber einer Zwei-Klassen-Therapie mit Indinavir. Allerdings waren einige Patienten vorbehandelt, rund 10 % hatten bereits zur Baseline Resistenzen.
  • ACTG 384: 980 Patienten wurden auf sechs Arme verteilt (Robbins 2003, Shafer 2003) - jeweils AZT+3TC oder D4T+DDI mit entweder Efavirenz, Nelfinavir oder Efavirenz+Nelfinavir. Die NRTIs wurden verblindet, der Rest offen gegeben. Die Daten nach einem Follow-up von 28 Monaten bleiben verwirrend: AZT+3TC waren besser als D4T+DDI, aber nur, wenn mit Efavirenz kombiniert wurde - mit Nelfinavir galt dies nicht. Umgekehrt war Efavirenz besser als Nelfinavir, aber nur mit AZT+3TC als Backbone. Die Vierfacharme liefen besser als alle Dreifacharme zusammen, aber nicht im Vergleich zu dem besten Einzelarm AZT+3TC+Efavirenz.
  • INITIO: 911 Patienten erhielten in einem offenen Design zu D4T+DDI entweder Efavirenz, Nelfinavir oder Efavirenz+Nelfinavir. Es zeigten sich keine Unterschiede zwischen Vierfach- und Dreifacharmen (Yeni 2006). Wesentliches Problem dieser auf eine mehrjährige Laufzeit angelegten Studie war, dass die Therapieregime inzwischen von der Realität überholt wurden und die Aussteigerraten dementsprechend hoch waren.
  • ANRS 081: Testete ein Drei-Klassen-Regime aus D4T+Nevirapin+Indinavir gegen ein herkömmliches Regime aus D4T+3TC+Indinavir an 145 entweder therapienaiven oder kaum vorbehandelten Patienten. Der Drei-Klassen-Arm lief schlechter: Zu Woche 72 hatten 52 % versus 79 % eine Viruslast unter 20 Kopien/ml, 43 % hatten die Nevirapin-Therapie abgebrochen (Launay 2002).
  • FIRST (CPCRA 058): 1.397 Patienten erhielten zu zwei NRTIs entweder einen PI, einen NNRTI, oder einen PI plus einen NNRTI. Da die Studie bereits vor mehr als fünf Jahren begann, war der häufigste PI Nelfinavir, geboosterte PI-Regime selten. Trotz dadurch begrenzter Aussagekraft zeigte sich: am besten waren die NNRTIs, die Dreiklassen-Therapie war nicht besser (MacArthur 2006).

Fazit: In den erwähnten Studien standen einer vermeintlich besseren Wirksamkeit (die meist gar nicht gezeigt werden konnte), stärkere Nebenwirkungen gegenüber. Es besteht die Gefahr, dass Patienten durch die höhere Pillenzahl und durch Nebenwirkungen geradezu "abgeschreckt" werden. Außerdem fällt auf, wie wenig Daten es zu den Patienten gibt, die erst in fortgeschrittenen Stadien mit HAART anfangen ("Late Presenters"). Zum jetzigen Zeitpunkt ist deshalb weder klar, ob und bei welchen Patienten eine intensive Therapie sinnvoll ist, noch welche Substanzen gewählt werden sollen.

6. Ungünstige Primärtherapien

Zu den ungünstigen Kombinationen zählen alle Arten von Mono- und Zweifachtherapien, insbesondere zwei NRTIs. Auch ein NRTI plus ein NNRTI ist schlecht, wie zum Beispiel der INCAS-Trial zeigte (Montaner 1998). Bei den NRTIs sollte darauf geachtet werden, dass sie nicht um die gleichen Basen konkurrieren. Eine Kombination der Thymidin-Analoga (AZT+D4T) bzw. Cytidin-Analoga (FTC+3TC) macht keinen Sinn. Die Thymidin-Analoga AZT+D4T wirken sogar antagonistisch (Havlir 2000, Pollard 2002). Verzichtet werden sollte auf DDC (HIVID®), Saquinavir-SGC (Fortovase®) und Amprenavir (Agenerase®), die teilweise inzwischen vom Markt genommen wurden. T-20, Darunavir und Tipranavir, aber auch Delavirdin und Atazanavir sind für die Primärtherapie nicht zugelassen. Ritonavir ist in voller Dosis (nicht als Boosterung!) abzulehnen, da es einfach zu schlecht vertragen wird. Dies gilt aufgrund der mitochondrialen Toxizität auch für die früher viel verwendete Kombination D4T+DDI.

Abacavir plus NNRTIs gleichzeitig: eine neue ABC-haltige Kombination sollte nicht zusätzlich noch einen neuen NNRTI beinhalten. Beide können Allergien verursachen, die oft nur schlecht voneinander unterscheidbar sind. Für Abacavir ist schon bei Verdacht auf eine Allergie eine Re-Exposition ausgeschlossen, so dass ein wichtiges Medikament unnötigerweise und auf immer verloren gehen kann. In CNA30024 entwickelten immerhin 9 % unter ABC+3TC+Efavirenz eine Hypersensitivitätsreaktion (DeJesus 2004). Es sollte daher ein Abstand von 4-6 Wochen eingehalten werden, wenn Abacavir und NNRTIs in eine neue Kombination integriert werden sollen.

NNRTI-Kombinationen: wirken nicht-kompetitiv am gleichen Ansatzpunkt, alle können überdies ein Exanthem verursachen, bei dem die Differentialdiagnose schwierig wird. Die Efavirenz-Spiegel scheinen durch Nevirapin relevant zu sinken (Veldkamp 2001). Nach der 2NN-Studie scheint die Kombination aus Nevirapin und Efavirenz endgültig vom Tisch. Der Kombinationsarm schnitt vor allem aus Toxizitätsgründen schlechter ab als die Vergleichsarme (Van Leth 2004).

TDF-Triple-Nuke: Tenofovir sollte nicht im Rahmen einer Triple-Nuke-Therapie gegeben werden. Zu viele Studien haben von einem schlechten Ansprechen, insbesondere in Kombination mit ABC+3TC berichtet (Hoogewerf 2003, Jemsek 2004, Khanlou 2005, Gallant 2005). Siehe dazu das Kapitel Triple-Nuke.

TDF+DDI: Wohl selten ist eine Kombination innerhalb weniger Monate durch eine solche Datenfülle begraben worden: Wenigstens fünf Studien, in denen TDF+DDI plus ein NNRTI getestet wurden, ergaben ein hohes virologisches Therapieversagen, sie wurden teilweise vorzeitig abgebrochen (Leon 2005, Podzamczer 2005, Maitland 2005, van Lunzen 2005, Torti 2005). Die schlechte Effektivität wurde vor allem bei Patienten mit deutlichem Immundefekt und hoher Viruslast beobachtet. Die Firma BMS verschickte sogar einen Warnbrief zu TDF+DDI. Auch gibt es inzwischen Berichte zu ungünstigen Auswirkungen auf die CD4-Zellen, selbst wenn eine gute virologische Wirkung erreicht wird (Kakuda 2004, Barrios 2005). Die Gründe dafür werden noch diskutiert, liegen aber möglicherweise in ungünstigen Interaktionen zwischen TDF+DDI. Dazu kommen noch Berichte über eine gesteigerte Toxizität und insbesondere Pankreatitiden (Blanchard 2003, Martinez 2004, Masia 2005, Crane 2006) - die Kombination TDF+DDI hat in der antiretroviralen Therapie keinen Platz mehr.

Langsames Steigern: Alle Medikamente sollten gleichzeitig begonnen werden. In mehreren Studien bestanden signifikante Unterschiede zwischen Patienten, die entweder gleich drei oder zunächst nur zwei Substanzen erhalten hatten (Gulick 1998, Ait-Khaled 2002). Das Risiko eines virologischen Therapieversagens ist noch nach Jahren verdoppelt, wenn nur wenige Wochen eine Duotherapie gegeben wird (Phillips 2002). Kein Zweifel: Das sich "Herantasten", wie es bisweilen aus Sorge um Nebenwirkungen praktiziert wird, ist unnötig und gefährlich. Dies gilt auch für die Dosierungen - es sollte (Ausnahme: Nevirapin!; siehe dort) immer mit den vollen Dosen begonnen werden.

Vermeidbare Fehler: Was in der Primärtherapie nichts zu suchen hat

  • Mono- oder Duotherapien (außerhalb von Studien), aber auch ein "langsames Steigern - stattdessen: immer mit der ganzen HAART anfangen!
  • Ein Einschleichen der Dosis (bis auf Nevirapin!)
  • T-20, Atazanavir, Delavirdin, Tipranavir (für Primärtherapie nicht zugelassen)
  • DDC (HIVID®), SQV-SGC (Fortovase®), Amprenavir (Agenerase®) - der Vertrieb wurde teilweise eingestellt
  • Ritonavir (unverträglich - nur als Boosterung zu verwenden)
  • AZT+D4T und 3TC+FTC (antagonistische Wirkung)
  • TDF+DDI (diverse Gründe), D4T+DDI (zu toxisch)
  • TDF im Rahmen von Triple-Nuke (vor allem ohne Thymidinanaloga)
  • Gleichzeitiger Beginn von ABC und NNRTIs (Allergiepotential)
  • Efavirenz+Nevirapin (zu toxisch)

 

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