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HAART 2007 zur Übersicht
Neue Nukes
Nach dem Ende von DAPD und Dexelvucitabine (Reverset) gibt es in dieser Wirkstoffklasse momentan
nicht mehr viele Substanzen, die realistische Chancen haben. Keine ist in der Entwicklung zurzeit
weiter als in Phase IIa - es scheint schwierig zu sein, NRTIs zu finden, die bei fehlender
mitochondrialer Toxizität eine Wirkung gegen resistente Viren haben. Apricitabine (AVX-754, früher SPD-754) ist ein heterozyklisches
Cytidin-Analogon, das Anfang 2005 von Shire Biochem an die australische Firma Avexa verkauft wurde.
In vitro behält Apricitabine, die chemisch 3TC ähnelt, seine Wirksamkeit gegenüber
einem breiten Spektrum von TAMs. Sogar bis zu 5 NRTI-Mutationen können die Effektivität
nicht wesentlich beeinträchtigen (Bethell 2005, Gu 2006). In einer plazebokontrollierten Studie
sank die Viruslast unter zehntägiger Monotherapie um 1,2-1,4 Logstufen - für ein NRTI eine
gute Wirkung (Cahn 2006). Apricitabine wurde bislang gut vertragen und ist gut oral
bioverfügbar (Francis 2003). Was ist mit Langzeittoxizitäten? In Affen zeigten sich nach
einer Exposition von 52 Wochen geringe Hautprobleme, meist eine Hyperpigmentation. Apricitabine war
damit wesentlich geringer toxisch als sein Razemat BCH-10652, unter dem Affen an einer schweren,
degenerativen Dermatopathie erkrankten (Locas 2004). Durch 3TC und FTC sinken die
intrazellulären Spiegel von Apricitabine, die Kombination mit anderen Cytidin-Analoga ist daher
problematisch. Die Firma Avexa plant derzeit Phase-IIb-Studien. Man hat sich vorgenommen, mit
Apricitabine bis zum Jahr 2009 auf den Markt zu kommen. Dioxolanthymidin (DOT) ist ein neues Thymidin-Analogon - in dieser
Untergruppe eine der wenigen neuen Substanzen. In präklinischen Versuchen sah Dioxolane relativ
gut aus (Chung 2005, Liang 2006) - nun müssen klinische Studien zeigen, was mit DOT
möglich ist. Phase-I-Studien sind im Gange. Elvucitabine (oder ACH-126,443) ist ein Cytidinanalogon der Firma
Achillion Pharmaceuticals. Es ist ein Enantiomer von Dexelvucitabine (Reverset) mit dem chemischen
Namen beta-L-D4FC und besitzt ebenfalls eine Wirksamkeit gegen HIV und HBV. In vitro-Studien zeigten
eine Wirksamkeit gegen zahlreiche NRTI-Resistenzen, es werden Viren mit ganz eigenen Resistenzen wie
M184I oder die bislang ganz unbekannte Mutante D237E selektiert (Fabrycki 2003). Interessant scheint
zudem die offenbar geringe mitochondriale Toxizität zu sein, ferner die extrem lange
Halbwertszeit von 150 Stunden (Dunkle 2001, Colucci 2005). Derzeit laufen Phase II-Studien bei
HIV und HBV. Bei HIV-Patienten mit der M184V-Mutation zeigte sich in einer kleinen, doppelblinden
Studie ein Abfall der Viruslast um 0,7-0,8 Logstufen nach 28 Tagen. Die Studie wurde allerdings
abgebrochen, da unter 100 mg Elvucitabine bei 6/56 Patienten Leukopenien auftraten (Dunkle 2003).
Einige Patienten entwickelten außerdem Hautausschläge. Pankreatitiden wie unter
Dexelvucitabine scheinen dagegen nicht aufzutreten. In vitro ist die mitochondriale Toxizität
geringer als unter Dexelvucitabine, allerdings möglicherweise auch die Bindungsaffinität
zur Reversen Transkriptase resistenter Viren (Murakami 2004). Geht die bessere Verträglichkeit
auf Kosten der Wirkung? Im Moment laufen Studien mit niedrigen Dosen (10 mg) an Patienten mit der
M184V-Mutation. Fosalvudine ist ein NRTI der Firma Heidelberg Pharma, der aus einer an ein
Trägermolekül gekoppelten Zwischenstufe (= "Enhanced Pro-Drug-Prinzip") des
Fluorothymidins Alovudine besteht. Erst nach enzymatischer Spaltung im Gewebe wird der aktive Teil
freigesetzt. Man erhofft sich, dass die bei Fluorothymidinen üblichen Toxizitäten so
reduziert werden. Derzeit ist Fosalvudine in Phase I/II-Studien. Fozivudine ist ein ebenfalls nach dem "Enhanced Pro-Drug-Prinzip" von
Heidelberg Pharma entwickeltes AZT. In Phase-I/II-Studien (Bogner 1997, Girard 2000) war Fozivudine
gut verträglich, allerdings nur moderat virologisch wirksam - nach 4 Wochen wurde ein
Viruslastabfall in der höchsten Dosis von knapp 0,7 Logstufen erreicht (Girard 2000). Nach
Firmenangaben ist man auf derzeit auf Partnersuche, um Phase-IIb- und -III-Studien angehen zu
können. KP-1461 von Koronis ist eine orale Vorstufe von KP-1212, einem NRTI, das
offenbar bei zahlreichen NRTI-Resistenzen effektiv bleibt. Der Wirkmechanismus (selektive virale
Mutagenese) unterscheidet sich von klassischen NRTIs, die einen Kettenabbruch induzieren (Harris
2005). Es gibt keine Kreuzresistenzen zu anderen NRTIs und wohl auch keine mitochondriale
Toxizität. In Phase Ia-Studien wurde diese spannende Substanz von gesunden Probanden gut
vertragen, Ende 2006 wurde eine erste Phase-Ib-Studie an HIV-infizierten Patienten
abgeschlossen. MIV-210 ist eine Vorstufe des Guanosinalogons FLG von Medivir, das auch
eine HBV-Wirkung hat und in vitro gegen diverse NRTI-Resistenzen (multiple TAMs, aber auch
T69-Insertionen) seine Wirkung behält (Zhang 2002). 2003 wurde eine Kollaboration von Medivir
mit GSK vereinbart, von der sich GSK inzwischen jedoch wieder zurückzog - die Entwicklung von
MIV-210 soll trotzdem weiter gehen. Im September 2005 begann eine Phase IIa-Studie bei
HIV-infizierten Patienten. Da ähnliche (fluorierte) Substanzen wie Lodenosin vor allem
hepatotoxisch waren, liegt ein Hauptaugenmerk zunächst auf der Verträglichkeit. Phosphazid (Nicavir) ist ein in Russland entwickeltes (und
inzwischen auch schon vermarktetes) Nukleosidanalogon, das AZT sehr ähnlich ist. Nach 12 Wochen
Monotherapie mit 400 mg Phosphazid sank die Viruslast im Median um 0,7 Logstufen. Da Phosphazid eine
Prodrug von AZT ist, ist ein zusätzlicher Aktivierungsschritt notwendig. Die D67N-Mutation
scheint die Wirksamkeit zu reduzieren (Machado 1999). Weitere Studien zeigten die Wirksamkeit in
Kombination mit DDI und Nevirapin (Kravtchenko 2000) bzw. Saquinavir (Sitdykova 2003). Es fällt
allerdings schwer, einen Vorteil gegenüber AZT zu entdecken - eine vermutete bessere
Verträglichkeit ist bislang nicht erwiesen. Racivir ist ein Cytidin-Analogon der Firma Pharmasset. Die Substanz ist
eine Mischung aus FTC und seinem Enantiomer. Für beide Enantiomere exististieren
möglicherweise unterschiedliche Resistenzpfade, wodurch theoretisch die Resistenzbildung
erschwert sein könnte (Hurwitz 2005). Kombiniert mit D4T und Efavirenz zeigte sich ein guter
antiviraler Effekt nach zwei Wochen (Herzmann 2005). Eine doppelblind randomisierte Studie an 42
Patienten mit der M184V-Mutation zeigte nach 28 Tagen noch eine Wirkung von 0,4 Logstufen (Cahn
2007). Stampidin ist ein Nukleosidanalogon, das von der amerikanischen Firma
Parker Hughes Institute entwickelt wurde. Es ähnelt D4T und soll in vitro angeblich rund
100-fach effektiver sein als AZT (Uckun 2002). Zusätzlich besteht eine Wirksamkeit gegen
HIV-Mutanten mit bis zu 5 TAMs (Uckun 2006). Auch als potentielles Mikrobizid käme es
möglicherweise in Frage (D’Cruz 2004). Studien an HIV-Patienten sind schon länger
angekündigt, Daten stehen noch aus. Aus den Augen, aus dem Sinn - folgende NRTIs wurden wieder verworfen: Literatur zu neuen NRTIs
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