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HAART 2007
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12. Kosten, Prävention, Compliance

von Christian Hoffmann

Im Folgenden werden einige Aspekte der HAART diskutiert, die bislang noch nicht zur Sprache gekommen sind.

Kosten

Antiretrovirale Medikamente sind teuer. Die Präparate kosten nach "Rote Liste" zwischen 290 (Epivir®) und fast 2.000 Euro (Fuzeon®) pro Monat. Beachtliche Unterschiede liegen selbst innerhalb der Wirkstoffklassen. So ist der geboosterte PI Crixivan® vergleichsweise billig, Aptivus® rund dreimal so teuer. Für eine Kombinationstherapie kommen monatlich schnell 2.000 Euro zusammen. Es ist deshalb wichtig, als Behandler ein Kostenbewusstsein für die Präparate zu haben.

Die Preispolitik der pharmazeutischen Industrie ist schwer durchschaubar. So kostet Combivir® nicht mehr als AZT und 3TC, Trizivir® dagegen deutlich mehr als die Einzelsubstanzen - der Unterschied liegt bei rund 1.000 Euro/Jahr! Und warum macht bei Videx® der Sprung von 200 auf 250 mg Kapseln 1.500 Euro jährlich aus, der Wechsel von 250 auf 400 mg Kapseln dagegen ganze 73 Euro? Auch warum einige direkt konkurrierende Präparate (Nevirapin und Efavirenz oder 3TC und FTC) fast auf den Cent genau gleich viel kosten, andere Substanzen aus der gleichen Wirkstoffklasse sich dagegen gleich um 300 % unterscheiden, ist durch Entwicklungskosten allein sicher nicht zu begründen.

Keine Frage: es wird viel Geld mit ART verdient, und der Markt ist umkämpft. Ein Beispiel ist die Preispolitik der Firma Abbott um Norvir®. Als sich die Absatzzahlen des Konkurrenz-PIs Reyataz® (der Norvir® als Boosterung benötigt) denen des Abbott-Flagschiffes Kaletra® bedrohlich näherten, erwog man ernsthaft, die Norvir®-Tabletten vom Markt zu nehmen. Erst nach öffentlichen Protesten beließ man es bei einer 400%igen Preiserhöhung…

Bei aller Kritik und Kostendiskussion dürfen zwei Dinge nicht vergessen werden: Erstens die enormen Entwicklungskosten neuer Medikamente, die teilweise eine Milliarde Dollar und mehr betragen. Die weitaus meisten Substanzen schaffen es ohnehin nie auf den Markt. Selbst bei einer zugelassenen Substanz wie T-20 ist fraglich, ob die Entwicklungskosten überhaupt wieder eingespielt werden. Nach Angaben von Roche verschlang die Entwicklung 600 Millionen Dollar. Um dies und die hohen Produktionskosten zu decken, müssten weltweit viele Tausend Patienten über Jahre mit T-20 behandelt werden - ein unrealistisches Szenario.

Zweitens gibt es wohl kaum eine effektivere Therapie als HAART. US-Schätzungen gehen von Kosten zwischen $ 13.000 und $ 23.000 pro gewonnenem QUALY-Jahr aus (quality-adjusted year of life; Freedberg 2001). Im Vergleich zu vielen anderen Therapien ist das billig. Behandlungen opportunistischer Infektionen, Krankenhaus- und Pflegekosten können durch HAART eingespart werden. In der Hannoveraner Kohorte sanken die jährlichen Gesamtkosten pro Patient in den Jahren 1997-2001 von 35.865 auf 24.482 Euro (Stoll 2002). Viele Patienten werden wieder arbeitsfähig, so dass volkswirtschaftlich insgesamt sogar Kosten reduziert werden (Sendi 1999).

Dies sollte man sich vergegenwärtigen, wenn es darum geht, sich gegen Krankenkassen zur Wehr zu setzen. Dort wird nämlich inzwischen nicht nur genauer hingeschaut, sondern es werden teilweise absurde Rückfragen auf die HIV-Ärzte losgelassen. Auch durch Versuche der Krankenkassen, im Zuge des GKV-Modernisierungsgesetzes antiretrovirale Medikamente als Me-too-Präparate zu disqualifizieren, sollte man sich nicht unter Druck setzen lassen. Für jedes antiretrovirale Medikament gibt es gute Gründe. Allerdings ist man gut beraten, einen Einsatz außerhalb der bestehenden Indikationen gut begründen zu können.

Dennoch bleibt unterm Strich die Tatsache: HAART ist teuer. Es ist einem Patienten deshalb zuzumuten, Vorräte und Packungen noch aufzubrauchen, wenn nur aus Gründen der Pillenreduktion oder aus Sorge vor Langzeittoxizitäten umgestellt werden soll. Privatpatienten merken sie sowieso selbst, aber auch Kassenpatienten können durchaus auf die Kosten der Medikamente aufmerksam gemacht werden - nicht um Schuldgefühle zu verursachen und die Unzulänglichkeiten des Gesundheitssystems auf den Patienten abzuwälzen, sondern um ein Bewusstsein für den Wert dieser Therapie zu schaffen.

Es sollte vor allem am Anfang jeweils nur eine Packung verschrieben werden, auch wenn Retrovir® in der Standarddosis 250 mg zum Beispiel - fast 20 Jahre nach Einführung! - noch immer nur für 20 Tage reicht. Nur so kann vermieden werden, dass man bei Unverträglichkeiten auf Pillenbergen sitzen bleibt. Die Verschreibung von mehr als drei Monatspackungen sollte vermieden werden. Aufgrund der Zuzahlungspflicht für jede Packung winken da viele Patienten sowieso ab.

Es wird sicherlich in Zukunft immer wichtiger, sich kontinuierlich über die Kosten der HAART zu informieren. Nicht nur das AZT-Patent fällt - auch den Patenten für DDI, 3TC, D4T und Abacavir wird es noch in diesem Jahrzehnt an den Kragen gehen. Man darf gespannt sein, wie sich die Preise entwickeln werden. Bis zum Ende des Patentschutzes für den ersten PI ist übrigens noch etwas Zeit: Saquinavir wird erst 2010 freigegeben.



Prävention

Im Folgenden soll der präventive Effekt von HAART auf die AIDS-Epidemie, aber auch andere medizinische Präventionsstrategien abseits der von der Politik allseits propagierten ABC-Regel (abstinence, be faithful, condom use) diskutiert werden.

HAART - ist ein außerordentlich wichtiger Beitrag zur Prävention, der meist unterschätzt wird (Hosseinipour 2002). Je niedriger die Viruslast, desto geringer die Infektiosität. In einer prospektiven Studie an 415 HIV-diskordanten Paaren in Uganda, in der über einen Zeitraum von 30 Monaten 90 Neuinfektionen diagnostiziert wurden, gab es keine Infektion durch infizierte Partner mit einer Viruslast unterhalb von 1.500 Kopien/ml. Mit jeder Logstufe erhöhte sich das Infektionsrisiko um den Faktor 2,45 (Quinn 2000). In einer thailändischen Studie an 493 Paaren lag der Faktor bei 1,81. Es wurde keine einzige Infektion unterhalb von 1.094 Kopien/ml beobachtet (Tovanabutra 2002). In der San-Francisco-Kohorte sank die Infektiosität, gemessen an der Wahrscheinlichkeit der Transmission pro Partnerschaft, im HAART-Zeitalter um ca. 60 % (Porco 2004), eine Studie aus Spanien an heterosexuellen Paaren kam sogar auf 80 % (Castilla 2005).

Was die meisten Patienten mehr beschäftigt als solche Statistiken, ist die Frage: Muss ich noch ein Kondom benutzen? Die Antwort lautet: Ja. Obwohl einige Studien zeigten, dass der Abfall der Viruslast in Plasma und Spermaflüssigkeit in etwa parallel geht und nach mehreren Monaten meist ein Abfall von mehreren Logstufen auch im Sperma zu beobachten ist (Liuzzi 1999), und obwohl dies auch für die vaginale und anorektale Schleimhaut zu gelten scheint (Cu-Uvin 2000), bleibt ein individuell schwer zu schätzendes Risiko. Nicht immer verhalten sich die Virusmengen in Blut und Körperflüssigkeiten parallel. Selbst wenn beide Partner infiziert sind, ist Safer Sex ratsam. HIV-infizierte Patienten sind nicht vor Superinfektionen mit neuen Virusstämmen geschützt, und Infektionen mit mehreren Subtypen sind oft mit einer sehr raschen Krankheitsprogression assoziiert (Gottlieb 2004). Auch die Übertragung von resistenten Viren ist möglich (Yang 2005).

Hinzu kommt die Sorge, dass den präventiven Effekten von HAART eine erhöhte Risikobereitschaft der Betroffenen entgegen steht. In mathematischen Modellen wurde errechnet, dass schon ein um 10 % erhöhtes Risikoverhalten die HAART-Effekte wieder "wettmachen" dürfte (Blower 2001, Law 2001). Eine Metaanalyse kam allerdings zu dem Schluss, dass HAART die Risikobereitschaft der Patienten nicht erhöht, selbst wenn die Viruslast unter der Nachweisgrenze liegt (Crepaz 2004). Das gern kolportierte Szenario der unverantwortlichen HIV-Patienten, die ihren Lüsten im HAART-Zeitalter wieder freien Lauf lassen und arglose Mitmenschen gefährden, ist ein Gerücht.

Andererseits ist mit abnehmendem Interesse der Medien und der Politik an AIDS auch ein sinkendes Bewusstsein um die Gefahren zu beobachten. In der französischen PRIMO-Kohorte stiegen so genannte Risikokontakte zwischen 1998 und 2001 von 5 % auf 21 % (Desquilbet 2002). Bei homosexuellen Männern stiegen 2005 in Deutschland die Neuinfektionen um 20 % - ein Allzeithoch. Nahezu aus jeder größeren Stadt in den USA oder Europa werden kleine Syphilis-Endemien unter HIV-Infizierten gemeldet. Auch machen Berichte von Transmissionen multiresistenter Viren Sorgen. Ein Fall wie der des New Yorker Patienten, der sich mit einem MDR-Virus infizierte und eine rasche Progression innerhalb weniger Monate entwickelte (Markowitz 2005), hat, so kontrovers er auch diskutiert wurde, wenigstens gezeigt, das Prävention ein wichtiges Feld bleibt.

Zirkumzision - durch die Beschneidung der männlichen Vorhaut wird das Infektionsrisiko für diverse Erreger bei ungeschütztem Geschlechtsverkehr reduziert (Übersicht: Weiss 2006). Dass dies auch für HIV gilt, ist wahrscheinlich (Siegfried 2006). Eine randomisierte, kontrollierte Studie an 3274 Männern in Südafrika brachte ein beachtliches Ergebnis (Auvert 2005). Nach 18 Monaten Beobachtung waren in der Zirkumzisions-Gruppe 20 Infektionen (0,85 Infektionen auf 100 Personenjahre) aufgetreten, gegenüber 49 in der Kontrollgruppe (2.1/100). Dies entsprach einer Reduktion des Transmissionsisikos um 61 %. Auch in einer großen randomisierten Studie in Uganda an 4996 Männern wurde das Risiko einer HIV-Infektion von 1,33 auf 0,66/100 Personenjahre reduziert (Gray 2007).

Erklärt wird der Effekt durch den Umstand, dass in der männlichen Vorhaut CD4-positive Langerhans-Zellen vorhanden sind, die als primäre Targetzellen die HIV-Infektion ermöglichen. Es wurde geschätzt, dass allein in Afrika durch die Zirkumzision rund 2 Millionen HIV-Infektionen in den nächsten Jahren verhindert werden könnten (Williams 2006). Die Resultate dieser Pilotstudie müssen allerdings noch bestätigt werden, es bleiben Fragen. Das Sexualverhalten nach Zirkumzision, chirurgische Komplikationen, ethische und logistische Probleme sind nur einige Aspekte (Lie 2006). Weitere große, randomisierte Studien laufen derzeit. Klar ist auch, dass die Zirkumzision kein Ersatz für Safer Sex sein darf - ein Risiko besteht weiterhin.

Mikrobizide sind chemische Substanzen, die, meist topisch als vaginale Gels appliziert, HIV und andere Erreger abtöten oder immobilisieren. Es werden derzeit sehr heterogene Mechanismen untersucht. Dazu gehören inaktivierende Stoffe, die virale Strukturen zerstören, aber auch Substanzen, die das Andocken an die Zielzelle hemmen oder antiretrovirale Medikamente wie Tenofovir oder das Nukleosidanalogon Stampidine (Übersicht: Stone 2006). Wünschenswert wären Mikrobizide, die auch gegen andere Geschlechtskrankheiten aktiv sind, da diese das Risiko für die HIV-Transmission deutlich erhöhen (Schwebke 2005).

Festzuhalten ist, dass kein Mikrobizid bisher in klinischen Studien einen protektiven Effekt hat beweisen können. Auch gab es immer wieder Untersuchungen, in denen das HIV-Transmissionsrisiko durch Mikrobizide wie zum Beispiel Nonoxynol-9 sogar stieg (Van Damme 2002). Im Januar 2007 gab es erneut einen herben Rückschlag. In einer randomisierten Studie des Contraceptive Research and Development Programme (CONRAD), einer Non-Profit-Forschungsorganisation, hatten 1333 Frauen in Südafrika, Benin, Uganda entweder ein Plazebopräparat oder ein Mikrobizid aus Zellulosesulfat-Gel erhalten. Dies lokal zu applizierende Gel (Ushercell®) der Firma Polydex Pharmaceuticals, Toronto, hatte sich in früheren Studien als recht vielversprechend erwiesen (El-Sadr 2006). Bei einer Zwischenauswertung des CONRAD-Trails zeigte sich unter den Anwenderinnen von Zellulosesulfat ein erhöhtes HIV-Übertragungsrisiko, so dass die Studie vorzeitig beendet wurde (http://www.conrad.org). Obwohl die Gründe für das erhöhte Risiko noch unklar sind, wurde sicherheitshalber gleich eine weitere große Studie zu Zellulosesulfat in Nigeria abgebrochen. Ob es mit den Mikrobiziden wirklich weiter geht, scheint nach diesen verheerenden Resultaten zumindest fraglich. Methodische und ethische Probleme randomisierter Studien erschweren die Entwicklung wirksamer Mikrobizide zudem erheblich.

PREP (Pre-exposure prophylaxis) - darunter wird die prophylaktische Einnahme antiretroviraler Medikamente verstanden. PREP-Ansätze in Hochrisikogruppen (vor allem Sexarbeiter) werden vor allem mit Tenofovir verfolgt, teilweise auch mit Tenofovir und Emtricitabin. Allerdings sind derartige Studien nicht ohne Kritik geblieben. Auf Druck von Aktivisten und diversen Organisationen wurde in 2004 ein vom NIH und der Gates Foundation gesponserter Trial an kambodschanischen Prostituierten gestoppt, ebenso in 2005 Studien in Kamerun und Nigeria (Cohen 2004, Sing 2005). Meist wird den beteiligten Forschern und Firmen vorgeworfen, die Aufklärung der Studienteilnehmer zu vernachlässigen und den infizierten Patienten im Anschluss an die Studie keine medizinische Versorgung zukommen zu lassen. Ungeklärte Langzeitnebenwirkungen, Interaktionen, mögliche Resistenzen und auch ein vermehrter Druck auf die Prostituierten, auf Kondome zu verzichten - die ethischen und politischen Probleme dieser PREP-Ansätze sind beachtlich.

Angesichts der katastrophalen Zahl an Neuinfektionen weltweit bleiben sie jedoch ein Ansatz, den es weiterhin zu verfolgen gilt. Auf der Welt-AIDS-Konferenz in Toronto wurden erstmals die Ergebnisse einer großen PREP-Studie vorgestellt (Petersen 2006). Rund 1200 Frauen mit hohem HIV-Risiko in Ghana, Kamerun und Nigeria hatten täglich Plazebo oder Tenofovir erhalten. Nach einem Jahr Beobachtung waren 6 versus 2 Serokonversionen zu beobachten. Obwohl dieser Unterschied nicht signifikant war, konnte in dieser Studie zumindest die Sicherheit der PREP gezeigt werden. Derzeit laufen mehrere plazebokontrollierte CDC-Studien in den USA, Botswana und Thailand.



Compliance

Die Compliance ist die Achillesferse der antiretroviralen Therapie - eine schlechte Compliance ist ein wesentlicher, wahrscheinlich sogar der wichtigste Faktor für die Resistenzentwicklung und damit für das Therapieversagen (Review: Turner 2002). Durch eine nur partielle Virussuppression und die gleichzeitig vorhandenen, aber insuffizienten Medikamentenspiegel werden Resistenzen geradezu gezüchtet. Keine Frage - die HAART muss konsequent eingenommen werden. Ganz oder gar nicht: Im Hinblick auf die Resistenzbildung ist es immer noch besser, keine Therapie zu nehmen. Die Einnahme von entweder mehr als 90 % oder weniger als 69 % der Pillen war mit einem reduzierten Resistenzrisiko verbunden (Sethi 2003). Unter Compliance versteht man das Einwilligen und Akzeptieren einer Therapie durch den Patienten. Mitte der 90er Jahre wehte aus dem angloamerikanischen Sprachraum der Begriff "Adherence" herüber. Seither wird auch hierzulande, politically correct, mehr vom Begriff der Adhärenz gesprochen. Dieser Begriff meint die Einhaltung der gemeinsam von Arzt und Patient erarbeiteten Vorgaben und soll den Aspekt hervorheben, dass nicht nur der Patient am Therapieversagen schuld ist. Adhärenz beinhaltet sämtliche Faktoren, die eine "Therapietreue" beeinflussen, im Sinne einer "Akzeptierbarkeit". Welchen Begriff man auch immer anwendet: der Duden kennt keinen der beiden Begriffe, weder Compliance noch Adhärenz, aber Tatsache bleiben drei Dinge:

  1. Wenn man nur 5 % der Pillen nicht nimmt, gerät der Therapieerfolg in Gefahr
  2. Ärzte überschätzen grundsätzlich die Compliance ihrer Patienten
  3. Je komplexer die Therapie, umso schlechter die Compliance

"Risikopatienten" für eine schlechte Compliance sind nicht nur Drogenkonsumenten, Alkoholkranke oder Patienten mit Nebenwirkungen. Auch depressive, allein lebende und jüngere Patienten sind in vielen Studien als Problemgruppen identifiziert worden (Murri 2001, Frank 2002, Glass 2006). Günstig sind dagegen die Erfahrung des Arztes, der Glauben des Patienten an HAART sowie die soziale Unterstützung. Keine Rolle scheinen Rasse, Geschlecht oder das Stadium der Erkrankung zu spielen. Weitere Faktoren liegen in dem individuellen Weltbild von Krankheit und Gesundheit, in der Akzeptanz der Schulmedizin oder in der Angst vor Nebenwirkungen. Allerdings besteht eine große Varianz, und letztlich kann die Compliance im Einzelfall nur schlecht vorausgesagt werden (Lerner 1998). Erfahrung und Intuition des Behandlers bleiben gefragt.

Wie wichtig die regelmäßige Einnahme der Medikamente ist, haben unzählige Studien gezeigt. Einige der wichtigsten sollen herausgegriffen werden: In einer Untersuchung an 99 Patienten, bei denen die Compliance mittels eines elektronischen Monitoringsystems überwacht wurde, lagen die Raten eines virologischen Therapieversagens bei einer mindestens 95 %igen Compliance (95 % der Dosen eingenommen) bei nur 22 %. Bei Patienten mit 80-94 % bzw. < 80 % Compliance lagen die Versagerraten schon bei 61 % bzw. sogar bei 80 % (Paterson 2000). Zu beachten ist allerdings, dass diese vielzitierte Studie schon relativ alt ist. Neuere Substanzen mit längerer Halbwertszeit, einer höheren Resistenzbarriere und insgesamt günstigerer Pharmakokinetik "verzeihen" möglicherweise etwas mehr "Incompliance". In der oben genannten Studie wurden immerhin 41 % der Patienten hinsichtlich ihrer Compliance von ihren Ärzten falsch eingeschätzt. Krankenschwestern hatten offenbar einen besseren Zugang zu den Patienten - die Rate der Fehleinschätzungen lag bei ihnen bei lediglich 30 % (Paterson 2000). Auch in anderen Studien wurde die Compliance eher überschätzt (Miller 2002).

Wie wichtig die Compliance ist, zeigen auch die spektakulären Erfolge bei Patienten mit Directly-Observed-Therapy (DOT), wie sie in einigen Gefängnissen in den USA praktiziert wird. In Floridas Strafanstalten erreichten 100 % der Teilnehmer einer DOT-Studie eine Viruslast von unter 400 Kopien/ml nach 48 Wochen, verglichen mit 81 % bei einer Kontrollgruppe draußen und ohne Überwachung (Fischl 2001).

Eine schlechte Compliance bedeutet nicht nur virologisches Versagen. Sie hat auch immunologische Konsequenzen. In einer Analyse von zwei prospektiven Studien hatten Patienten mit einer Compliance von 100 %, 80-99 % und 0-79 % die Viruslast nach einem Jahr um 2,77, 2,33 und 0,67 Logstufen gesenkt. Zeitgleich waren die CD4-Zellen um 179, 159 und 53 CD4-Zellen angestiegen (Mannheimer 2002). Eine schlechte Compliance zeigt über die Surrogatmarker hinaus auch klinisch Wirkung. Patienten, die mehr als 10 % ihrer Medikamente nicht einnehmen, hatten in einer spanischen Untersuchung ein fast um den Faktor 4 erhöhtes Mortalitätsrisiko (Garcia 2002). Dieses wurde auch in anderen Studien festgestellt (Maher 1999, Hogg 2000, Wood 2004). Auch Krankenhausaufenthalte sind bei Patienten mit hoher Compliance seltener (Paterson 2000). Es ist außerdem damit zu rechnen, dass durch nicht compliante Patienten das Risiko steigt, dass primär resistente Viren übertragen werden.

Den Patienten sollten zumindest die Grundzüge der Resistenzentwicklung erklärt werden. Wichtig ist der Hinweis, dass einmal generierte Resistenzen nicht verschwinden, sondern bestehen bleiben, und dass in diesem Punkt ein wichtiger Unterschied zu anderen chronischen Erkrankungen besteht. Bewährt hat sich das Beispiel des Diabetes oder der Hypertonie: Während es bei diesen Erkrankungen verzeihlich ist, mal eine Tablette wegzulassen, verhält es sich bei HIV anders. Blutzucker oder Blutdruck lassen sich am nächsten Tag wieder gut senken, bei HIV ist das nicht sicher. Schon kurzfristiges Schludern kann irreversible Folgen haben, und mit jeder Resistenz wird die Therapie komplizierter und schwieriger. Patienten müssen auf diese Gefahren hingewiesen werden. Dies sollte von Zeit zu Zeit wiederholt werden und ein Bestandteil der Routinebetreuung sein.

Darüberhinaus sind sehr unterschiedliche compliance-fördernde Strategien untersucht worden. Sie reichen vom Einsatz zusätzlicher Krankenschwestern bis hin zu regelmäßigen Anrufen bei den Patienten. Zumindest regelmäßige telefonische Erinnerungen scheinen keinen Effekt zu haben (Collier 2005).

Bewährt hat sich dagegen die Kooperation mit speziellen Therapie-Sprechstunden, wie sie von einigen AIDS-Hilfen angeboten wird. Als besonders positives Beispiel sei die unermüdliche Arbeit der Münchner "Therapie-Hotline" herausgehoben: http://www.muenchner-aidshilfe.de/index.php?ord=beratung&dat=hiv

 

Zwölf Dinge, durch die die Compliance verbessert wird

  1. Jeder Patient sollte einen schriftlichen (lesbaren!) Therapieplan bekommen, der gemeinsam am Ende des Gespräches noch einmal genau durchgegangen werden sollte. Auf dem Plan sollte eine Telefonnummer für Probleme/Rückfragen stehen.
  2. Patient und Arzt sollten sich über den Therapieplan einig sein. Vorbehalte und skeptische Fragen seitens des Patienten sollten diskutiert worden sein.
  3. Der Patient sollte das Gefühl haben, dass die Therapie nicht beliebig ausgewählt, sondern auf seine Bedürfnisse hin zugeschnitten wurde.
  4. Eine neue Therapie oder eine Umstellung zu erklären erfordert Zeit und geht nicht zwischen Tür und Angel - alle Fragen sollten beantwortet sein.
  5. Dem Patienten sollte in groben Zügen erklärt werden, warum Compliance wichtig ist. Es macht Sinn, solche Gespräche zu wiederholen - sie sollten nicht nur bei Therapie-Start oder -Wechsel geführt werden, sondern Teil der Routinebetreuung sein.
  6. Es sollte erklärt werden, mit welchen Nebenwirkungen zu rechnen ist und was man dagegen tun kann.
  7. Support Groups und andere Angebote sollten erwähnt bzw. vermittelt werden.
  8. Wichtig ist der Hinweis, dass der Patient sofort kommen kann und soll, wenn es Probleme mit der HAART gibt - lieber gemeinsam ändern, als den Patienten zu Hause werkeln lassen.
  9. Der Patient sollte wissen, dass die Therapie auf keinen Fall partiell reduziert werden darf ("die großen Pillen habe ich dann den letzten Monat weggelassen...")
  10. Das Ausstellen von Rezepten sollte notiert werden, damit die Einnahme wenigstens grob überprüft werden kann. Falls Unregelmäßigkeiten auffallen, sollten diese offen angesprochen werden.
  11. Gerade am Anfang, wenn die Viruslast sinkt und die CD4-Zellen steigen, sollte der Erfolg dem Patienten mitgeteilt werden.
  12. Depressionen behandeln!

 

Wenn die Compliance schlecht bleibt

Trotz aller Mühen wird es bei einigen Patienten nicht gelingen, die Compliance zu verbessern. Ärzte und Behandler sind gut beraten, eine schlechte Compliance nicht als Affront gegen sich selbst zu werten. Man sollte nicht beleidigt sein, wenn der Patient nicht an den Fortschritten der Medizin teilhaben möchte. Wenngleich es manchmal schwierig ist, andere Vorstellungen von Leben, Krankheit und Therapie zu akzeptieren - Toleranz und Akzeptanz sollten das ärztliche Handeln bestimmen. Manche Behandler, vor allem aus universitären Zentren, die oft ein selektiertes Patientenkollektiv betreuen, verkennen gelegentlich die Behandlungsrealität im niedergelassenen Bereich. Das Beharren auf schulmedizinischen Prinzipien bringt meist nichts. Den Patienten unter Druck zu setzen, bringt noch weniger. Wichtig ist, dass die eigenen Standpunkte deutlich vertreten und gut begründet werden.

Die Frage, ob incompliante Patienten weiter antiretroviral behandelt werden sollen, ist nicht immer leicht zu beantworten. Auf der einen Seite gibt es Patienten, die auch von einer schlechten Therapie profitieren; andererseits sind die Medikamente sehr teuer und sollten nicht leichtfertig verschrieben werden. Wenn eine schlechte Compliance schon beim ersten Gespräch offensichtlich wird, ist erst einmal Zurückhaltung geboten.

Auf der Hut sein sollte man vor kriminellen Machenschaften - es gibt immer wieder Berichte von Patienten, die sich über Deals mit Apothekern (Schwarze Schafe gibt es überall!) andere Medikamente (Methadon usw.) oder Geld verschafften. Ausgestellte Rezepte sollten möglichst in der Kurve vermerkt werden. Bei begründeten Zweifeln an der Compliance oder an der Ehrlichkeit des Patienten kann man auch die Messung von Plasmaspiegeln veranlassen (möglichst ohne Ankündigung).

Die Duesberg-Sekte

Ein Sonderfall sind Patienten, die die antiretrovirale Therapie aus Prinzip ablehnen. Oft sind diese Patienten in Behandlung bei jenen (fürchterlich fehlgeleiteten) Ärzten, die sich als sogenannte "Duesbergianer" verstehen (nach Peter Duesberg, einem US-Virologen und AIDS-Dissidenten, der einen Zusammenhang von HIV und Krankheit leugnet). Für Behandler kann es mitunter sehr schwierig sein, die Patienten sehenden Auges in ihr Verderben laufen zu sehen, ohne etwas tun zu können. Aufklärungsgespräche sollten möglichst ausführlich sein und schriftlich niedergelegt werden. Dazu ein Beispiel aus der Behandlungsrealität:

Ca. 40-jähriger Patient mit langjährig bekannter, bislang nicht behandelter HIV-Infektion, 30 CD4-Zellen/µl und einer zerebralen Toxoplasmose, die sich nach vier Wochen Akutbehandlung nun deutlich zurückgebildet hat (im letzten MRT sind noch vereinzelte Läsionen nachweisbar). Der Patient stellt sich in der HIV-Ambulanz vor. Klinisch in recht gutem Zustand und geistig voll orientiert, soll er heute entlassen werden. In einem Gespräch lehnt es der Patient kategorisch ab, mit der dringlich empfohlenen antiretroviralen Therapie zu beginnen. Sein Hausarzt hätte ihm von einer HIV-Therapie grundsätzlich abgeraten ("an AZT kann man sterben, die anderen Medikamente sind auch nicht viel besser"), und Antibiotika lehne er ohnehin ab. Die Toxoplasmose-Erhaltungstherapie könne er deswegen wohl auch nicht weiternehmen, zumal er seit dem ersten Tag im Krankenhaus an Durchfällen (Anmerkung: vielleicht Kryptosporidien?), Hautproblemen (seborrhoische Dermatitis, Soor?) und außerdem an starker Gewichtsabnahme (MAC?) leide. Er müsse sich nun vor allem erst einmal in Ruhe erholen.

In Fällen wie diesen haben wir uns Aufklärungsgespräche schon vom Patienten unterschreiben lassen. Jeder Patient darf und soll über sich selbst entscheiden (wenn er voll orientiert ist) - er muss nur wissen bzw. hinreichend aufgeklärt sein über das, was er tut. Wichtig ist die Botschaft an den Patienten: Wenn er es sich anders überlegt (und natürlich, ohne bei obigem Beispiel sarkastisch zu werden: wenn das Toxoplasmose-Rezidiv da ist), darf er wiederkommen! Eine inhaltliche Auseinandersetzung mit ärztlichen Duesbergianern führt nach unserer Erfahrung zu nichts (siehe auch: http://hiv.net/2010/news2001/n1219.htm). Das Weltbild dieser Sektierer ist geschlossen. Eine Diskussion gegen die gebetsmühlenartig wiederholten Uralt-Argumente bindet und vergeudet nur Kräfte.

Zum Glück sind solche Fälle seltener geworden. Die anfänglich recht verbreitete Skepsis gegenüber HAART hat angesichts der überwältigenden Erfolge der letzten Jahre deutlich abgenommen. Und: Um Peter Duesberg ist es (gottlob) auch ruhiger geworden, zumindest was seine HIV-Aktivitäten angeht. Die Sekte schrumpft.

Literatur zu Kosten, Prävention, Compliance,

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