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HIV-Literatur Die wissenschaftlichen Publikationen der Woche 1. HIV/AIDS 2. ART HIV.NET 2008 812 Seiten, PDF, 5 MB Download HIV-Therapie Medikamente Klinik Mailing-Liste Nachrichten
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>>> 1995-2008: Die HIV.NET-Geschichte
Organtransplantation bei HIV-Infektion
Die Transplantation von Organen bei HIV-Patienten war früher undenkbar. Die wenigen verfügbaren
Organe sollten Menschen gegeben werden, die bessere Überlebenschancen hätten, so der Konsens. Auch
bestand die Sorge, dass eine im Anschluss an die Transplantation erforderliche Immunsuppression den
Verlauf der HIV-Infektion ungünstig beeinflussen würde. Hinzu kamen Vorbehalte der Operateure,
derartige Hochrisikoeingriffe an infektiösen Patienten vorzunehmen.
Durch ART hat sich die Lebenssituation von HIV-Patienten grundlegend gewandelt. Dies hat auch bei
Transplantationen zu einem Umdenken geführt. In einer Umfrage an 87 deutschen
Transplantationszentren lehnten 2004 nur noch 39 % die Transplantation bei HIV-Patienten
grundsätzlich ab (Fruhauf 2004). Nach den Richtlinien der Bundesärztekammer gemäß §16
Transplantationsgesetz vom 28.02.2003 können HIV-positive Patienten "nach Prüfung aller
Einzelumstände" auf Wartelisten aufgenommen werden. Vereinzelt sind in Deutschland in den letzten
Jahren auch schon Organe transplantiert worden (Zimmermann 1999, Schliefer 2000, Bierwirth 2003,
Fruhauf 2004, Vogel 2005, Wojcik 2007). In Zukunft ist damit zu rechnen, dass allein durch die
längere Überlebenszeit mehr HIV-Patienten transplantationsbedürftig werden als früher. Vor allem der
Bedarf an Lebern wird steigen. Von den 40-60.000 HIV-Patienten in Deutschland sind etwa 15 %
HCV-koinfiziert, und rund 10 % sind HBs-Antigen-Träger. In einigen Kohorten ist Leberversagen
inzwischen eine häufigere Todesursache als AIDS.
Nierenerkrankungen wie HIV-assoziierte Nephropathien und Glomerulonephritiden spielen ebenfalls eine
gewisse Rolle - auch bei Nieren ist mit einem steigenden Bedarf zu rechnen. Die Prognose
dialysierter HIV-Patienten ist schlecht und lag in einer älteren Kohorte von 42 Patienten bei nur 11
Monaten (Perinbasekar 1996). Inzwischen zeigte eine kleinere Studie, dass sich die Prognose von
HIV-infizierten Patienten mit Dialyse durch ART etwas verbessert hat (Ahuja 2000).
Im Folgenden wird die aktuelle Datenlage zur Organtransplantation bei HIV-Patienten beschrieben (zur
Stammzelltransplantation siehe Maligne Lymphome, Seite 483).
Download (PDF, 16. Auflage, 812 Seiten, 5.2 MB)
Schlechtere Überlebensraten von HIV-Infizierten?
Ein Argument, das noch immer gegen die Organtransplantation bei HIV-Infizierten ins Feld geführt
wird, sind vermeintlich schlechtere Überlebenschancen nach Transplantation. Dieses Argument ist aus
mindestens zwei Gründen nicht haltbar:
Erstens aus ethischen Erwägungen, weil auch eine theoretisch etwas schlechtere Überlebenschance kein
(absoluter) Ablehnungsgrund sein darf - schon angesichts der vielen älteren Patienten oder auch
Diabetiker, denen ja auch Organe transplantiert werden, obwohl ihre Prognose deutlich schlechter
ist. Oder angesichts der vielen Patienten mit chronischer Hepatitis C, die eine neue Leber bekommen,
obwohl fast sicher ist, dass die neue Leber erneut infiziert wird und viele Patienten dann an einer
Transplantat-Zirrhose sterben werden (oder re-transplantiert werden müssen). Lebertransplanteure
erwarten heute von einem Patienten auf der Warteliste eine von der Lebererkrankung unabhängige
Lebenserwartung von mindestens zehn Jahren (Dr. J. Tepel, Universität Kiel, pers. Mitteilung).
Welchem HIV-Patienten kann man eine solche Zeitspanne heute nicht zusprechen? Die Gesellschaft darf
nicht mit zweierlei Maß messen und bestimmte Patientengruppen transplantieren und andere nicht
(Halpern 2002).
Zweitens ist die Situation heute eine andere als früher. Die Erfahrungen in der "prä-HAART-Ära"
waren zweifellos schlecht: In einer Analyse aller Nierentransplantationen 1987-1997 in den USA waren
32 von 63.210 Patienten HIV-infiziert (Swanson 2002). Obwohl jünger, mit jüngeren Spendern und
besserem HLA-Matching in die Transplantation gegangen, war das Drei-Jahres-Überleben reduziert. In
einer multivariaten Analyse war HIV unabhängig assoziiert mit erhöhter Mortalität und reduziertem
Transplantat-Überleben. Schlechte Erfahrungen wurden auch mit Lebertransplantationen gemacht
(Bouscarat 1994), die überdies ungünstig den Verlauf der HIV-Infektion beeinflussten (Erice 1991).
Wie sieht es heute aus? Bislang gibt es eine Reihe von Kohortenstudien mit meist guten Erfahrungen
(Tabelle 1). Ausschlusskriterien sind in den meisten Ländern CD4-Zellzahlen unter 200/µl bei Nieren-
bzw. unter 100/µl bei Lebertransplantation sowie eine nicht kontrollierte Viruslast.
AIDS-Erkrankungen gelten, abgesehen von einer PML, meist nicht als Ausschlusskriterium.
Reinfektion des Transplantats bei HBV und HCV
Ein Problem - nicht nur bei HIV-infizierten Patienten - ist die Reinfektion der transplantierten
Organe, vor allem bei Hepatitis C und B. Bei Hepatitis C ist die Reinfektion unausweichlich, meist
wird mit Interferon und Ribavirin behandelt. Dies kann durchaus erfolgreich sein (Wojcik 2007).
Dennoch ist HCV ein unabhängiger Faktor für ein schlechteres Überleben bei HIV-infizierten Patienten
nach Lebertransplantation (Ragni 2003, Vitecoq 2003, Norris 2004, Miro 2006, de Vera 2006,
Mindikoglu 2008). Bei HBV wird meist mit Immunglobulinen und 3TC behandelt. In der Regel kann eine
Reinfektion verhindert werden. Etwaige 3TC-Resistenzen können durch neue Nukleosidanaloga wie
Adefovir, Tenofovir oder Entecavir meist suffizient behandelt werden (Übersicht über
HBV-Problematik: Terrault 2006).
Tabelle 1: Ausgewählte Studien zur Organtransplation von HIV-infizierten Patienten
Quelle N Verlauf, wesentliche Beobachtung
Roland 2002
(USA) 26 N
19 L Medianes FU 314 Tage. 1-J-ÜLZ von Patient und Transplantat für Niere 91 % und 71 %, für
Leber 92 % und 79 % - keine Unterschiede zur UNOS Database HIV-negativer Personen
Mindikoglu 2008 (USA) 138 L 2-J-ÜLZ 70 % (versus 81 % bei HIV-negativen Patienten). Schlechtere
Prognose nur bei HCV-koninfizierten Patienten
Duclos 2008 (Frankreich) 35 L 2-J-ÜLZ 73 % bei HIV+HCV+ (versus 91 % bei HCV+Patienten) In
multivariater Analyse war Überleben nur mit schlechtem MELD Score assoziiert (Leberinsuffizienz bei
HIV weiter fortgeschritten)
Miro 2006 (Spanien) 50 L ÜLZ 85 %, 75 % und 66 % nach 12, 24 und 36 Monaten, 5/10 Todesfälle
HCV-assoziiert
Vogel 2005
(D, Bonn) 7 L 6/7 leben nach medianem FU von 24 Mo. 1 Todesfall nach 3 Mo (intrathorakale
Blutungen), 1 neues KS
Kumar 2005 (USA) 40 N 2-J-ÜLZ von Patient und Transplantat 82 % und 71%
Qui 2006 (USA) 38 N 5-J-ÜLZ von Transplantat und Patient bei HIV tendentiell (nicht
signifikant) sogar besser als bei negativen Kontrollen (76 % versus 65 % und 91 % versus 87 %)
Tabelle: Kohortenstudien zu Transplantation in der "HAART-Ära".
FU = Follow-up, Mo = Monate, N = Niere, L = Leber. ÜLZ = Überlebenszeit. Teilweise wurden Patienten
mehrfach ausgewertet (Roland 2003, Neff 2003, Ragni 2003)
Verschlechtern Immunsuppressiva die Immunlage?
Häufig wird auf die Gefahr der Verschlechterung der HIV-Infektion durch die immunsuppressive
Therapie hingewiesen. Die Befürchtungen richten sich besonders auf Herpesviren (CMV, EBV, HSV,
HHV-8), da diese Erreger bzw. ihre Reaktivierungen sowohl HIV-Patienten als auch transplantierten
Patienten gefährlich werden können (Fishman 2001). In den neueren Kohorten wurde dies bislang nicht
bestätigt. Kaum ein Patient erkrankte an AIDS und/oder schwer an Herpesviren. In einer großen
US-Kohorte gab es lediglich zwei schwere Infektionen (1 x CMV, 1 x Soor-Ösophagitis). Bei den
meisten Patienten blieb die CD4-Zellzahl stabil. In der deutschen Untersuchung (Vogel 2003)
entwickelte ein Patient ein Kaposi-Sarkom, das sich unter Reduktion der Immunsuppressiva
zurückbildete.
Laboruntersuchungen zeigen, dass Immunsuppressiva von HIV-infizierten Patienten gut toleriert
werden. In einer plazebo-kontrollierten Studie mit niedrig-dosiertem Cyclosporin A (2 x 2 mg/kg
CsA/die) an asymptomatischen HIV-Patienten zeigte sich kein negativer Einfluss auf CD4- und
CD8-Zellen sowie antigenspezifische Immunantworten (Calabrese 2002). Auch bei neun
nierentransplantierten HIV-Patienten wurde, abgesehen von einem passageren Abfall der naiven
CD4-Zellen, kein wesentlicher Einfluss auf Aktivierungsmarker im Verlauf eines Jahres beobachtet
(Roland 2003). Mycophenol (Cellcept®), das ebenfalls bei Patienten mit Nieren-, Herz- oder
Lebertransplantation eingesetzt wird, wurde aufgrund seiner Hemmung der Lymphozyten-Proliferation
sogar schon als Therapieoption bei HIV-Patienten ohne Transplantation getestet, weil man sich
dadurch eine Reduktion von Zielzellen und eine Hemmung der viralen Replikation erhofft. Erste
Berichte an wenigen Patienten scheinen einen Effekt auf die Viruslast zumindest in einigen Fällen zu
belegen (Margolis 2002, Press 2002). Sicher zu sein scheint jedenfalls, dass Mycophenol auch von
HIV-Patienten gut vertragen wird.
Kommt es zu einer Abstoßungsreaktion, kann wie bei HIV-negativen Patienten auch Thymoglobulin
versucht werden, um die Reaktion zu unterdrücken. Allerdings kommt es unter Thymoglobulin zu
deutlichen und lang anhaltenden CD4-Zell-Abfällen, die in einer kleinen Studie zu vermehrten
Infektionen führten (Carter 2006).
Immunsuppressiva und ART - cave Interaktionen?
Ein wichtiges, aber beherrschbares Problem sind die Interaktionen zwischen Immunsuppressiva und
antiretroviraler Therapie. Die Calcineurin-Inhibitoren Cyclosporin und Tacrolimus werden über das
Cytochrom-p450-Enzym CYP3A4 metabolisiert (Sheikh 1999), weshalb in Kombination mit ART erhebliche
Spiegeländerungen möglich sind. Man kann nur raten, engmaschig Spiegel sowohl der Immunsuppressiva
als auch der antiretroviralen Substanzen zu bestimmen.
Vor allem Tacrolimus muss reduziert werden: Bei sechs lebertransplantierten Patienten mit PIs (5
Nelfinavir, 1 Indinavir) lag die durchschnittliche Tacrolimusdosis bei 0,6 mg/die und damit 16 Mal
niedriger als bei HIV-negativen Kontrollen. In weiteren, kleinen Studien mit Lopinavir/r waren die
Tacrolimus-Spiegel um das 10-100-fache erhöht - die Dosis der Patienten musste jeweils auf einen
Bruchteil (teilweise um 99 %) reduziert werden (Jain 2003, Teicher 2008). Mit NNRTIs kann Tacrolimus
dagegen wohl normal dosiert werden (Jain 2002, Teicher 2008).
Auch Cyclosporin muss angepasst werden, vor allem bei Kombination mit Ritonavir. In einer Studie
wurden 25 %ige Dosisreduktionen unter PI-Gabe notwendig (Stock 2003), in einer anderen Studie wurde
Cyclosporin sogar auf 5-25 % der Ausgangsdosis reduziert (Vogel 2004). Bei Fosamprenavir war eine
Reduktion um das 12-fache nötig, wenn es geboostert wurde, ohne Boosterung nur um das 3,5 fache
(Guaraldi 2006). NNRTIs und Cyclosporin beeinflussen sich vermutlich weniger, aber auch unter
Efavirenz ist mitunter eine Dosisreduktion von Cyclosporin erforderlich (Tseng 2002, Frassetto
2007). In einer longitudinalen Studie nahm die orale Bioverfügbarkeit von Cyclosporin über 24 Monate
linear zu und führte so zu einer progressiven Dosisreduktion - die Autoren vermuteten vor allem eine
intestinale Interaktion (Frassetto 2003). In einem anderen Fall verdreifachten sich die
Cyclosporin-Spiegel nach Beginn mit Saquinavir (Brinkman 1998). Möglicherweise werden PI selber,
wenn mit Cyclosporin A oder Tacrolimus kombiniert, in ihren Spiegeln verändert (Frassetto 2003,
Guaraldi 2005).
Fazit: Die Datenlage ist begrenzt, jeder Patient muss individuell eingestellt werden. Ein Ab-, Um-
oder Wiederansetzen einer ART darf nur unter engmaschigen Spiegelkontrollen geschehen! Eine
interdisziplinäre Zusammenarbeit ist wichtig.
Andere Organe als Leber, Niere: Herz, Pankreas, Cornea
Im Juni 2003 sorgte ein Artikel im New England Journal of Medicine für Aufsehen (Calabrese 2003).
Ungewöhnlich war die Autorenliste: als Letztautor fungierte Dr. Zackin, der mit einem Ärzteteam aus
Cleveland/USA die erste erfolgreiche Herztransplantation der Welt bei einem AIDS-Patienten
beschrieb, nämlich seine eigene. Zackins HIV-Infektion war seit 1992 bekannt, und im Rahmen eines
massiven Immundefekts war es bei dem Havard-Forscher zu mehreren AIDS-Erkrankungen gekommen,
darunter eine PCP, MAC und eine CMV-Colitis. Im Zuge einer Kaposisarkom-Therapie mit Anthrazyklinen
entwickelte sich schließlich eine schwere Herzinsuffizienz mit einer Auswurffraktion von zuletzt nur
noch 10 %. Zackin bedurfte ständiger Katecholamine, schließlich sogar einer intraaortalen
Ballonpumpe. Die HIV-Infektion war derweil unter Kontrolle, die CD4-Zellen lagen unter ART über
350/µl, die Viruslast unter der Nachweisgrenze. Angesichts der iatrogenen Myokardschädigung
entschloss man sich schließlich, den Patienten auf die Warteliste zu setzen, und im April 2001
folgte die Transplantation. Seitdem kam es zwar zu mehreren Abstoßungs-episoden, die durch eine
kurzfristige Steigerung der Steroiddosis beherrschbar waren, jedoch ansonsten zu keiner wesentlichen
Komplikation. Ein weiterer erfolgreicher Fall (ebenfalls Überleben von mehr als zwei Jahren) wurde
publik (Morgan 2003). Ansonsten gibt es nur wenige Fallberichte. Es existiert allerdings der Fall
eines perioperativ infizierten Patienten, der nach 6 Jahren an AIDS verstarb (Calabrese 1998). Auch
Corneatransplantationen (Vincenti 2002) oder sogar eine kombinierte Nieren-Pankreas-Transplantation
wurde berichtet (Toso 2003). Auch dieser Patient überlebte bislang mehr als 2 Jahre, war allerdings
zuvor asymptomatisch hinsichtlich der HIV-Infektion und benötigte keine ART.
Transplantation praktisch
Man kann HIV-Behandlern nur raten, sich nachdrücklich für die Patienten, die ein Organ benötigen,
einzusetzen. Von allein passiert meist nichts. Bewährt hat sich die direkte Kontaktaufnahme zu einem
größeren Transplantationszentrum. Dort rennt man allerdings nicht immer offene Türen ein, denn aus
verständlichen Gründen sind Transplanteure nur selten begeistert von der Aussicht, derartige
Hochrisikoeingriffe an infektiösen Patienten vorzunehmen. Diese Vorbehalte sollten ernst genommen
werden, schließlich ist der Operateur einem zwar niedrigen, aber eben auch nicht zu
vernachlässigenden Risiko ausgesetzt. Hauptaufgabe des HIV-Behandlers ist es daher, dafür zu sorgen,
dass die Viruslast des Patienten unter der Nachweisgrenze ist und somit das Infektionsrisiko zu
minimieren. Es gilt aber auch: Nicht abwimmeln lassen, feste Ansprechpartner suchen, nachhaken,
informieren! Bisweilen sind Transplanteure über den letzten Stand der Fortschritte in der
HIV-Therapie nicht im Bilde (was auch nicht erwartet werden kann). Im Bedarfsfall ist die Deutsche
Transplantationsgesellschaft behilflich, Kontakt über http://www.d-t-g-online.de/.
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