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Systemische Non-Hodgkin-Lymphome (NHL)
Die enge Assoziation zwischen systemischen NHL und HIV ist lange bekannt - nur rund ein Jahr nach der AIDS-Erstbeschreibung wurden bereits die ersten Fälle publiziert (Ziegler 1982). Bereits seit 1985 sind hochmaligne B-Zell-NHL AIDS-definierend. Ihr Einfluss auf die Mortalität ist auch heute noch groß: So bestand unter den 221 HIV-Patienten, die in Frankreich zwischen Januar und Juni 2000 an AIDS starben, immerhin bei 50 Patienten (23 %) ein NHL (Lewden 2002). HIV-assoziierte NHL haben zu über 90 % B-Zellen als Ursprungszelle. Sie sind fast immer hochmaligne. Im wesentlichen dominieren zwei histologische Typen: Nach der WHO-Klassifikation sind dies zum einen Burkitt-Lymphome, die etwa 30-40 % der Fälle ausmachen, zum anderen in 40-60 % diffus-großzellige B-Zell-Lymphome. Unter den diffus-großzelligen NHL werden die centroblastischen und immunoblastischen Lymphome zusammengefasst. Ein relativ großer Teil HIV-assoziierter Lymphome (bis zu 30 %) kann allerdings auch von Referenzlaboren nicht weiter klassifiziert werden. Ein kleiner Teil der NHL (1-3 %) wird als Primary Effusion- oder Body-Cavity-Lymphom bezeichnet und bildet eine weitgehend eigenständige Entität (s.u.). Die Prognose von Patienten mit NHL war in der Prä-HAART-Ära schlecht und betrug, je nach Studie, zwischen 6 und 9 Monaten (Levine 2000). Im Zeitalter von HAART scheint sich dies zu ändern. Ob sich auch das klinische bzw. pathologische Spektrum der NHL wandelt, wird derzeit noch kontrovers diskutiert. Klinik
Leitsymptom sind Lymphknotenschwellungen. Die Lymphome sind
derb, nicht oder schwer verschieblich und indolent. Ein großer Teil der Patienten befindet
sich zum Zeitpunkt der Diagnose in fortgeschrittenen Stadien der Lymphomerkrankung. Ann
Arbor-Stadien III-IV sind fast die Regel, und eine B-Symptomatik mit Fieber, Nachtschweiß
und/oder Gewichtsabnahme liegt in der Mehrzahl der Fälle (60-80 %) vor. Allgemeine
Schwäche, ein deutliches Krankheitsgefühl und ein rascher körperlicher Verfall sind
ebenfalls häufig zu beobachten. Neben den Lymphomen liegt oft auch ein extranodaler Befall vor,
der nicht selten groteske Ausmaße annimmt. In unserer eigenen Kohorte von 203 Patienten hatten
81 % der Patienten mindestens einen extranodalen Focus. Ob Orbita, Hoden, Herz, Mammae, Blase,
Niere, Muskulatur, Knochen - alle Organe und Körperregionen können betroffen sein.
Magen-Darm-Trakt, Leber, Knochenmark und der HNO-Bereich sind allerdings besonders häufig
befallen. Auch ein sekundärer ZNS-Befall kommt oft vor. Bei einem extranodalen Befall treten
zusätzlich Symptome in Abhängigkeit von der Lokalisation auf. Dieses sind z. B.
abdominelle Schmerzen durch eine Vergrößerung von Leber und Milz, Blutungen oder
Ileus-Symptomatik bei Darmbefall, Knochenschmerzen durch eine Infiltrationen des Skeletts oder
Kopfschmerzen bei Hirnbefall.
Diagnostik
Wichtig ist die zügige histologische Diagnostik. Sofern
nicht eine Knochenmarksstanze die Diagnose sichert, sollte ein Lymphknoten (zum Beispiel
axillär oder inguinal) exstirpiert werden. Die bloße Punktion eines Lymphknotens reicht
oft nicht aus, um die Entität zu sichern. Wichtig ist, dass das Material an ein pathologisches
Labor mit besonderer Erfahrung (am besten Referenzlabor) geschickt wird. Alle Patienten mit Verdacht
auf NHL sollten außerdem zügig ein "Staging" im Sinne der Ann-Arbor-Klassifikation
erfahren (Tabelle 2a,b).
Zur Basisdiagnostik bzw. Staging zählen Röntgen-Thorax, Abdomen-Sonographie, Knochenmarks-Stanze (eine Punktion alleine genügt nicht!) und CTs von Hals, Thorax und Abdomen. Neben aktuellem Immunstatus und Viruslast sollten mindestens Blutbild, BSG, CRP, Harnsäure, LDH, Leber- und Nierenwerte sowie die Elektrolyte bestimmt werden. EKG und Echokardiographie sind vorab ebenfalls wichtige Untersuchungen. Nur so ist im weiteren Verlauf die Objektivierung möglicher Kardiotoxizität der Chemotherapie (Anthracycline!) möglich. Vor Bleomycin-haltigen Regimen sollte eine Lungenfunktions-Untersuchung veranlasst werden. Nach zwei Zyklen Chemotherapie sollte ein Restaging erfolgen, um den Therapieerfolg zu objektivieren. Das Restaging sollte sich an der initialen Lymphom-Lokalisation orientieren. Nach Abschluss des Protokolls ist ein komplettes Restaging mit Knochenmarksstanze (wenn initial Befall) und allen CTs notwendig. Bei Vollremission sind zunächst in dreimonatigen Abständen Restaging-Untersuchungen zu empfehlen. Die Intervalle können nach einem Jahr auf sechs Monate und nach zwei Jahren auf zwölf Monate ausgedehnt werden. Rezidive nach mehr als drei Jahren sind selten. In fortgeschrittenen Stadien (Ann Arbor III-IV) und besonders bei HNO-Lokalisation sollte vor Beginn der systemischen Chemotherapie noch eine diagnostische Liquorpunktion zum Ausschluss einer meningealen Beteiligung durchgeführt werden. Hierbei sind prophylaktisch 15 mg Methotrexat intrathekal zu applizieren. Therapie
Wegen der überaus raschen Generalisation sind auch
"frühe Stadien" selten wirklich begrenzt. Das tatsächliche Stadium wird hier meist eher
unterschätzt - jedes aggressive HIV-assoziierte Lymphom sollte daher unter kurativem Ansatz und
primär systemisch mit einer Chemotherapie behandelt werden. Eine alleinige Operation, aber auch
eine Radiatio reichen nicht aus. Wegen der Aggressivität der Lymphome sollte mit der Therapie
zügig begonnen werden. Gerade mit dem Staging darf man keine Zeit vertrödeln. Die
notwendigen Untersuchungen sollten nach einer Woche abgeschlossen sein.
In Deutschland wird seit vielen Jahren bei diffus-großzelligen NHL
vorwiegend das CHOP-Regime (meist 4-6 Zyklen, siehe Tabelle) verwendet. CHOP ist die Abkürzung
für eine Polychemotherapie mit den Zytostatika Cyclophosphamid, Adriamycin
(Hydroxydaunorubicin), Vincristin (Oncovin®) und Prednisolon.
Bislang gibt es kein anderes Chemotherapie-Regime, das wirklich einen überzeugenden Vorteil
gegenüber CHOP gezeigt hat. CHOP kann ambulant verabreicht werden und wird recht gut vertragen.
Gegeben werden sollten mindestens 4 Zyklen, möglichst 2 Zyklen über das Erreichen der
Vollremission.
Das dreiwöchige CHOP-Standardschema ("CHOP 21") ist in der Tabelle 3
abgebildet. Angesichts der Erfolge mit "CHOP 14" bei älteren HIV-negativen Patienten (bessere
Verträglichkeit!) kann "CHOP 21" auch gestrafft werden: Bei "CHOP 14" wird durch den Einsatz
des Wachstumsfaktors G-CSF (zum Beispiel Filgastrim 30-48 Mio. Einheiten bzw.
Neupogen® Als adjuvante Therapie empfehlen wir - unabhängig von der CD4-Zellzahl -
Cotrimoxazol bis einen Monat nach Ende der Chemotherapie (960 mg dreimal pro Woche). Die
Mundschleimhaut sollte mit Mundspüllösungen und antimykotisch mit Amphotericin-Topika (zum
Beispiel Ampho-Moronal®-Lutschtabletten) behandelt werden. Wichtig ist hier die
Compliance der Patienten. Während der Chemotherapie sind mindestens zweimal pro Woche
Kontrollen von Patientenstatus, Blutbild, Leber- und Nierenwerten erforderlich. Die Therapie wird
entsprechend dem Zeitplan in voller Dosis fortgesetzt, wenn am Tag der geplanten Therapiefortsetzung
die Leukozyten nach Durchschreiten des Nadirs wieder über 3.000/µl und die Thrombozyten
über 80.000/µl betragen. Die Patienten sollten gut aufgeklärt sein, täglich
Temperatur messen und angehalten werden, sich vor allem bei Fieber umgehend vorzustellen.
* Tabelle 3. Standard-CHOP-Schema ("CHOP 21"). Eine Wiederholung ist am Tag 22 vorgesehen. Alternativ kommt eine Verkürzung ("CHOP 14") in Frage. Hier werden unter Hinzugabe von G-CSF die Zyklen gestrafft (siehe Text). Rituximab bei HIV-Infektion?
Die Einführung des monoklonalen CD20-Antikörper
Rituximab (MabThera®) war einer der größten Fortschritte in der Onkologie
in den letzten Jahren. Bei zahlreichen Lymphomen hat dieser Antikörper, der hochspezifisch an
CD20-positive B-Zellen bindet (CD20 wird auf den meisten Lymphom-Zellen exprimiert), das Ansprechen
und die Response-Dauer konventioneller Chemotherapien erheblich verbessert. Eine Kombination aus
CHOP und Rituximab ("R-CHOP") ist inzwischen bei vielen Lymphomen Standard
(Übersicht: Kneba 2001). Gewöhnlich wird Rituximab gut vertragen, allerdings kommt es
meist zu einer länger andauernden B-Zell-Depletion, gelegentlich auch zu schweren Neutropenien
(Voog 2003).
Ob Rituximab bei HIV-Patienten einen ähnlich großen Benefit
ermöglicht wie bei HIV-negativen Patienten mit B-Zell-Lymphomen, ist nicht geklärt. Die
Resultate von AMC 010, einer multizentrischen, prospektiven und randomisierten US-Studie an
Patienten mit CD20-positivem AIDS-NHL haben zumindest Zweifel aufkommen lassen (Kaplan 2003). Hier
wurden insgesamt 143 Patienten auf CHOP oder auf R-CHOP (Rituximab in der üblichen Dosis von
375 mg/m2 zum Tag 1 mit einer monatlichen Erhaltungstherapie für drei Monate im
Anschluss an die Chemotherapie) randomisiert. Alle Patienten erhielten G-CSF, eine
Cotrimoxazol-Prophylaxe sowie eine AZT-freie HAART zeitgleich zur Chemotherapie. Beide Gruppen
unterschieden sich zur Baseline allenfalls geringfügig. In der Rituximab-Grupppe lagen die
CD4-Zellen etwas, aber nicht signifikant niedriger (128 versus 158 CD4-Zellen/µl). Hinsichtlich
anderer Parameter wie Histologie, Stadien usw. gab es keine nennenswerten Unterschiede. Auch die
geplanten CHOP-Zyklen wurden in beiden Gruppen mit gleicher Intensität durchgezogen, in beiden
Gruppen waren nur geringe Dosisreduktionen notwendig.
Zu den wesentlichen Resultaten: Beide Gruppen unterschieden sich weder
hinsichtlich der Dauer der Response noch hinsichtlich des ereignisfreien oder des
Gesamt-Überlebens. Aber: Neutropenien und Infektionsereignisse, insbesondere schwere, waren in
der Rituximab-Gruppe signifikant häufiger. Von insgesamt 15 Patienten, die an einer Infektion
verstarben, hatten 14 Patienten Rituximab erhalten. Die Todesursachen waren meist Septikämien
mit unterschiedlichen Keimen - sowohl gramnegative als auch grampositive Bakterien wurden
nachgewiesen. Die Todesfälle traten zum großen Teil (8/15) während der ersten beiden
Zyklen auf, allerdings gab es immerhin 6 Fälle während der Rituximab-Erhaltungstherapie im
Anschluss an die Chemotherapie. Die Todesfälle traten in allen Zentren auf, waren also nicht
auf eines mit einer möglicherweise geringeren Expertise beschränkt. Als ein weiterer
Risikofaktor für "Tod durch Infektion" wurden niedrige CD4-Zellen zur Baseline ermittelt - 8/13
Patienten hatten weniger als 50 CD4-Zellen/µl. Die Ursache für die hohe Rate an schweren
Infektionen ist bislang unklar. Pathophysiologisch scheint zumindest denkbar, dass sich bei
bestehendem T-Zell-Defekt, wie er bei HIV-Patienten ja meist zu finden ist, sich eine
B-Zell-Depletion durch Rituximab besonders ungünstig auswirkt.
Nach diesen Daten (die sicherlich überprüft werden müssen) scheint
Rituximab zumindest auf den ersten Blick keinen signifikanten Wirkungsvorteil bei HIV-Patienten mit
aggressiven Lymphomen zu haben, und wenn es doch einen gibt, wird dieser durch eine erhöhte
Infektionsgefahr wieder aufgehoben. Dass zum Beispiel in Frankreich oder Italien keine schlechten
Erfahrungen mit Rituximab gemacht wurden (Boue 2002, Spina 2003), könnte an der besseren
Immunlage der Patienten in den dortigen (unkontrollierten!) Studien liegen. Denn: Vor allem
Patienten mit erheblicher Immunsuppression scheinen betroffen zu sein.
Eine italienische Arbeitsgruppe testet seit einiger Zeit eine Kombination aus CDE
(Cyclophosphamid, Doxorubicin, Etoposid) und Rituximab. Die letzte Auswertung von 64 Patienten ergab
eine Vollremission bei immerhin 71 % und eine Zweijahres-Überlebensrate von 65 % (Tirelli 2002,
Spina 2003). Obgleich hier in 25 % der Patienten bakterielle Infektionen auftraten, ist CDE plus
Rituximab nach Auffassung dieser Arbeitsgruppe sicher. Nachteil von CDE ist allerdings, dass jeweils
über mehrere Tage CDE als Infusion gegeben werden muß - eine ambulante Gabe wie bei CHOP
ist nicht möglich.
Zusammenfassend sollte Rituximab bei HIV-Patienten mit Lymphomen derzeit
möglichst nur innerhalb von Studien oder nur bei wenig oder kaum immunsupprimierten
HIV-Patienten verwendet werden.
Intensivere Chemotherapien
Nachdem frühere Studien für intensive Chemotherapien
ein unverhältnismäßig hohes Risiko infektiöser bzw. toxischer Komplikationen
gezeigt hatten (Kaplan 1997), wurden HIV-Patienten lange eher zurückhaltend und oft mit
dosisreduzierten Schemata therapiert. Im HAART-Zeitalter scheint sich das zu ändern. In einer
prospektiven Studie zeigte sich, dass bei verschiedenen Regimen die Tolerabilität der
Chemotherapie durch HAART verbessert wird (Powles 2002).
Auch sprechen die beeindruckenden Ergebnisse zur autologen
Stammzelltransplantation bei HIV-Patienten mit NHL- oder MH-Rezidiven - ein noch vor wenigen
Jahren fast undenkbares Szenario - für sich. Hier wurden sehr hohe, myeloablative
Chemotherapie-Dosen in Kombination mit HAART erstaunlich gut toleriert (Gabarre 2000+2001, Kang
2002, Krishnan 2003, Re 2003). Auch bei HIV-Patienten mit Burkitt-Lymphomen wurden bei HIV-negativen
Patienten entwickelte, intensivere Protokolle erfolgreich angewendet (s. unten).
HAART und die klassischen Risikofaktoren
Der Effekt von HAART auf die Prognose HIV-assoziierter NHL ist
auf den ersten Blick widersprüchlich. Mindestens vier große Kohortenstudien (Conti 2000,
Levine 2000, Matthews 2000, Chow 2001) führten zu ernüchternden Resultaten. Diesen Daten
widerspricht eine Vielzahl meist kleiner, dafür detailliert analysierter und teilweise
prospektiver Studien. Sie zeigten ausnahmslos eine deutlich verbesserte Prognose durch HAART
(Thiessard 2000, Antinori 2001, Besson 2001, Ratner 2001, Powles 2002, Vilchez 2002, Navarro 2003,
Vaccher 2003). Neben der Überlebenszeit waren in einigen Studien auch das krankheitsfreie
Überleben, die Ansprechraten und sogar die Verträglichkeit der Chemotherapie verbessert.
Während bei HIV-Patienten die für das Überleben "klassischen"
NHL-Risikofaktoren (u.a. Ann Arbor Stadium, LDH, Lebensalter, Karnofsky-Index) in der
prä-HAART-Ära ohnehin schon weniger Bedeutung hatten als die HIV-relevanten Faktoren
(CD4-Zellen, AIDS in der Vorgeschichte), verlieren auch letztere vermutlich an Bedeutung. In unserer
eigenen multizentrischen Kohorte mit über 200 Patienten war der immunologisch-virologische
HAART-Erfolg ein ganz wesentlicher und unabhängiger Faktor für die Prognose der Patienten
(Hoffmann 2003). Dieses galt auch für Patienten mit noch recht gu Entscheidend scheint daher heute zu sein, was zum Zeitpunkt der NHL-Diagnose an
Immunrekonstitution und Virussuppression durch HAART noch möglich ist. Praktisch bedeutet dies
zum Beispiel: Bei einem ART-naiven Patienten müssen die Heilungschancen auch bei einer sonst
ungünstigen Ausgangslage (Lymphom und/oder HIV weit fortgeschritten) nicht unbedingt schlecht
sein. Wann immer die Chance zur Immunrekonstitution durch HAART besteht und es der Allgemeinzustand
des Patienten erlaubt, sollte mit einer HAART möglichst rasch begonnen werden. Auch bei
mäßigem Immundefekt sollte eine maximale Immunrekonstruktion das wesentliche Ziel jeder
Behandlung sein. Es sollte eine Chemotherapie mit kurativem Ansatz gewählt und die Dosen
sollten nach Möglichkeit nicht reduziert werden.
Welche HAART wann?
Bei bereits laufender, suffizienter HAART sollte diese
während der Chemotherapie möglichst beibehalten werden. Bei bislang ART-naiven Patienten
kann während des ersten oder der ersten beiden CHOP-Zyklen noch mit HAART gewartet werden. Es
gibt auch Behandler, die aus Sorge um Interaktionen und kumulative Toxizitäten lieber alle
sechs Zyklen abwarten (Little 2003). Nach unserer Meinung ist dies nicht unbedingt erforderlich. Die
richtige Auswahl der antiretroviralen Substanzen ist allerdings nicht einfach. D4T, DDC und DDI
bergen ein hohes Risiko einer Polyneuropathie (Vincristin!), sind dafür weniger myelotoxisch
als AZT. Über die möglichen Interaktionen von PIs und NNRTIs mit CHOP und ihrem Einfluss
auf den Metabolismus von Cyclophosphamid und Anthrazyklinen ist nur wenig bekannt.
Bei ART-naiven Patienten ist eine Kombination aus Abacavir oder Tenofovir, 3TC
und einem NNRTI denkbar. Bei hoher Viruslast können jedoch rasch Resistenzen auftreten, die
zukünftige Optionen verbauen. Hier empfehlen wir deshalb eher den primären Einsatz von
PI-haltigen Kombinationen mit regelmäßigen Plasmaspiegelmessungen.
Besondere Entitäten
Burkitt- oder Burkitt-like-Lymphome: Die besonders hohe
Proliferationskinetik bzw. Aggressivität der Burkitt-Lymphome ist auch bei HIV-negativen
Patienten ein Problem. Hier reicht das CHOP-Regime nicht aus (Trümper 2001). Obwohl unklar ist,
ob sich diese Erfahrungen auf HIV-Patienten mit Burkitt-Lymphomen übertragen lassen, sind viele
Kliniken seit Jahren dazu übergegangen, diese Patienten intensiver zu behandeln.
Meist wurde hierbei ein modifiziertes, dosisadaptiertes Protokoll der Deutschen
ALL-Studiengruppe (GMALL) zur Behandlung von Burkitt-NHL/B-ALL (B-ALL-Protokoll) eingesetzt. Dieses
besteht aus einer Vorphase mit Cyclophosphamid und Dexamethason, gefolgt von jeweils dreimaliger
Gabe des Blocks A (MTX, Vincristin, Ifosfamid, Teniposid, Ara-C, intrathekale Gabe von MTX,
Dexamethason und Ara-C) und des Blocks B (MTX, Vincristin, Cyclophosphamid, Doxorubicin).
Vorläufige Daten zeigen eine bessere Ansprechrate als durch CHOP (Hoffmann 2003) und
vergleichbare Raten wie bei HIV-negativen Patienten (Oriol 2003). Allerdings handelt es sich bei dem
B-ALL-Protokoll um eine sehr intensives Chemotherapie, die nicht ambulant verabreicht werden kann.
Eine mehrtägige stationäre Aufnahme mit einer konsequenten, engmaschigen Überwachung
der Patienten ist extrem wichtig. Zentren ohne Erfahrung mit dem B-ALL-Protokoll sollten es auch bei
HIV-Patienten nicht anwenden.
Neben dem B-ALL-Protokoll ist noch von einigen anderen intensiven Therapien
berichtet worden, die in Deutschland allerdings kaum angewendet werden (Fieschi 2001, Cortes 2002,
Lichtman 2003, Wang 2003). Wesentliches Problem der meisten der derzeit vorliegenden Studien ist,
dass eine Kontrollgruppe fehlt. Eine randomisierte Studie gibt es nicht. Ob Burkitt-Lymphome bei
HIV-Patienten tatsächlich immer intensiv behandelt werden müssen, kann deshalb derzeit
nicht abschließend beurteilt werden.
Plasmablastische Lymphome: Sind eine relativ neue Entität bei
HIV-Patienten. Plasmablastische Lymphome gehören zu den diffus großzelligen NHL, haben
jedoch einen ganz eigenen Immunphänotyp - Marker für das B-Zell-Antigen CD20 sind meist
negativ, der Plasmazell-reaktive Antikörper VS38c und auch CD138 sind hingegen positiv (Brown
1998). Die Mundhöhle gilt als Prädilektionsstelle (Flaitz 2002, Gaidano 2002). Allerdings
kommen auch extraorale Manifestationen vor (Chetty 2003). Plasmablastische Lymphome haben wie die
Burkitt-Lymphome eine sehr hohe Proliferationsrate und wachsen hochaggressiv. Wir sind dazu
übergegangen, diese Lymphome intensiv und nach dem B-ALL-Protokoll zu behandeln (siehe oben).
Primary-Effusion-Lymphome (PEL): Ebenfalls ein therapeutisches Problem ist
die relativ seltene Entität der so genannten Primary-Effusion-Lymphome, auch
Body-Cavity-Lymphome genannt (Carbone 1997+2000). Diese Lymphome sind oft histologisch nur sehr
schwer zu diagnostizieren. Eine sichtbare Tumormasse fehlt fast immer, so dass die malignen Zellen
nur in Körperhöhlen wie Pleura- oder Perikard-Spalt oder peritoneal zu finden sind.
Histologisch bestehen Ähnlichkeiten mit immunoblastischen und anaplastischen Zellen mit einem
Non-B-Non-T-Phänotyp. Jeder Pleura- oder Perikarderguß eines HIV-Patienten, in dem sich
maligne Zellen finden, ist verdächtig auf ein PEL! Dem beteiligten Pathologen sollte der
Verdacht auf ein PEL unbedingt mitgeteilt werden. Charakteristisch ist die enge Assoziation mit dem
Herpesvirus HHV-8, das in den Zellen nachweisbar ist.
Das Ansprechen auf CHOP ist meist schlecht und die Prognose im Vergleich zu
centroblastischen NHL ungünstig (Simonelli 2003). Therapien mit Foscavir oder Cidofovir sind
experimentell. Fallbeispiele mit Vollremission unter alleiniger HAART wurden beschrieben (Boulanger
2001, Hocqueloux 2001). Wir haben allerdings zwei PEL-Patienten gesehen, die auch trotz HAART und
CHOP nach nur wenigen Monaten im Progress verstarben. Kürzlich wurde über eine kombinierte
Chemotherapie mit Hochdosis-Methotrexat berichtet, mit der immerhin bei 3/7 Patienten eine
offensichtlich dauerhafte Vollremission erzielt werden konnte - angesichts der sonst schlechten
Prognose ein beachtliches Ergebnis und ein Ansatz, der weiter verfolgt werden sollte (Boulanger
2003).
Rezidivtherapie
Derzeit können keine allgemeinen Empfehlungen zur
Rezidivtherapie bei NHL ausgesprochen werden. Die Prognose bei rezidiviertem NHL ist jedoch
insgesamt schlecht. Eine Arbeitsgruppe aus den USA berichtete über recht gute Erfahrungen mit
dem ESHAP-Protokoll (Etoposid, Methylprednisolon, Ara-C, und Cisplatin) - DHAP scheint hingegen
wirkungslos zu sein (Bi 2001). Möglicherweise ist auch das EPOCH-Regime wirksam.
Salvage-Monotherapien mit Mitoguazon oder liposomalen Daunorubicin sind zwar gut verträglich,
aber rein palliativ (Levine 1997, Tulpule 2001).
Geprüft werden sollte auch, ob die betroffenen Patienten mit einem
Lymphom-Rezidiv prinzipiell für eine Stammzelltransplantation in Frage kommen. Weltweit sind
bislang über 50 Fälle beschrieben worden (Gabarre 2000+2001, Berenguer 2003, Ellent 2003,
Krishnan 2003, Re 2003), darunter sogar einige allogene Stammzelltransplantationen (Kang 2002). Auch
in Deutschland gibt mit autologen Stammzelltransplantationen bei HIV-Patienten ganz vereinzelt
Erfahrungen. Allerdings sind derzeit - meist aus logistischen Gründen - nur sehr wenige Zentren
bereit, HIV-infizierte Patienten zu transplantieren, wie zum Beispiel in Hamburg, Allgemeines
Krankenhaus St. Georg (Vermittlung via Literatur
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Wichtiger Hinweis für die Leser
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