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Impfungen bei HIV-Patienten

von Dirk Albrecht und Thomas Weitzel

Morbidität und Mortalität vieler impfpräventabler Infektionen sind bei HIV-Patienten erhöht. Allerdings haben HIV-Patienten ein erhöhtes Risiko für Impfnebenwirkungen und Impfversagen. Indikation und Zeitpunkt von Impfungen sind daher ja nach Immunstatus und Expositionsrisiko individuell festzulegen. Je besser der Immunstatus, umso besser die Impfantwort - Impfindikationen sollten deshalb rasch nach der HIV-Diagnose überprüft werden (s. Kapitel "Checkliste: Der neue Patient"). Bei Patienten mit weit fortgeschrittenem Immundefekt sind viele Impfungen wenig erfolgversprechend oder kontraindiziert. Bei diesen Patienten sollte stattdessen der Impfschutz von Kontaktpersonen ggf. komplettiert, über Expositionsmöglichkeiten aufgeklärt und bei manchen Erkrankungen passiv immunisiert werden. Nach Anstieg der CD4+ T-Zellen unter ART müssen Impfindikationen neu überprüft und Impfungen ggf. wiederholt werden.

Abschätzung des möglichen Nutzens einer Impfung

Je schlechter der Immunstatus zum Impfzeitpunkt ist, desto geringer ist die zu erwartende Schutzwirkung. Als Daumenregel gilt:

  • bei CD4+ T-Zellen <300/µl ist die Impfantwort reduziert,
  • bei CD4+ T-Zellen <100/µl ist kein Impferfolg zu erwarten (Rousseau 1999).

Bei einem Anstieg der CD4+ T-Zellen auf >200/µl ist eine Wiederholung von Impfungen sinnvoll. Allerdings haben neben der aktuellen CD4+ T-Zellzahl auch der CD4-Nadir sowie die Höhe der viralen Replikation einen Einfluß auf den Impferfolg (Lederman 2003).

Die Anamnese sollte weitere Faktoren umfassen, die den möglichen Nutzen einer Impfung beeinflussen:

Bisheriger Schutz

Infektionsrisiko

- Durchgemachte Infektionen

- Frühere Impfungen*

- Sexualanamnese

- Kontakte zu Erkrankten

- Kontakte zu Kindern

- Reisen

* Cave: Bei schlechtem Immunstatus schlechtere Impfantwort und rascheres Nachlassen des Immunschutzes; ggf. Titerkontrollen

 

Abschätzung des Risikos einer Impfung

Nach Impfungen wird häufig ein transienter Anstieg der Viruslast beobachtet (u. a. Tetanus, Pneumokokken, Influenza, HBV). Dieses Phänomen ist Ausdruck einer Stimulation des zellulären Immunsystems; es tritt bei Nonrespondern nicht auf. Der Peak der Virusreplikation liegt ein bis drei Wochen nach der Impfung. Daher soll innerhalb von vier Wochen nach Impfungen keine Routine-Viruslast bestimmt werden. Klinisch und immunologisch scheinen diese transienten, impfbedingten Viruslasterhöhungen unbedeutsam zu sein. Allerdings ist aufgrund der aktivierten Replikation das Mutationsrisiko erhöht. So zeigten sich bei 2 von 34 Patienten nach Influenza-Impfung Mutationen im RT- oder Protease-Gen (Kolber 2002). Dies sollte bei Patienten mit limitierten Therapieoptionen berücksichtigt werden. In der Schwangerschaft können Viruslasterhöhungen das Risiko einer maternofetalen Transmission erhöhen.

HIV-Patienten haben bei Anwendung von Totimpfstoffen keine erhöhte Rate an unerwünschten Wirkungen. Dagegen besteht bei Lebendimpfstoffen ein erhöhtes Risiko manifester Impferkrankungen. Schwere Komplikationen wurden bei HIV-Patienten u. a. nach Pocken-, TBC-, Gelbfieber- und Masern-Impfungen beobachtet. Dennoch sind Lebendimpfstoffe bei HIV-Patienten nicht grundsätzlich kontraindiziert.

Umgebungsimpfung

Besonders bei Patienten mit schlechtem Immunstatus sollte auf einen kompletten Impfschutz von Personen des engeren Umfeldes geachtet werden. Nach einigen Lebendimpfstoffen besteht ein Ansteckungsrisiko für HIV-Patienten. Der orale Polio- und der Pockenimpfstoff dürfen daher im Unfeld von HIV-Patienten nicht angewandt werden. Beim MMR-Impfstoff ist eine Übertragung nicht zu befürchten. Falls nach einer Varizella-Impfung einer Kontaktperson bei dieser Impfvarizellen auftreten, sollten HIV-Infizierte im Umfeld prophylaktisch mit Aciclovir behandelt werden (STIKO 2005).

Impfungen bei HIV-infizierten Kindern

HIV-infizierte Kinder werden mit Ausnahme weniger Besonderheiten entsprechend den in Deutschland geltenden Empfehlungen geimpft (STIKO 2006). Bei Kindern mit schwerem Immundefekt wird die Masern-Mumps-Röteln-Impfung (MMR) nicht durchgeführt. Dies betrifft Kinder mit folgenden CD4+ T-Zellzahlen: 0-12 Monate < 750/µl, 1-5 Jahre < 500/µl, älter 5 Jahre < 200/µl; oder relativ < 15 %. In Deutschland ist die Varizella-Impfung Kindern vorbehalten, deren relative CD4+ T-Zellen über 25 % liegen, die also keinen messbaren Immundefekt haben (STIKO 2005). Dagegen wird in den USA seit kurzem analog zur MMR-Impfung auch eine Impfung von Kindern mit leicht eingeschränktem Immundefekt (CD4+ T-Zellen > 15 %) empfohlen (Kroger 2006). Wird auf eine der obigen Lebendimpfungen verzichtet, sollten Familienangehörige, insbesondere Geschwister, geimpft werden, falls sie nicht bereits die Infektionen durchgemacht haben.

Um unnötige Risiken der Lebendimpfstoffe MMR und Varizella zu vermeiden, kann man die Wahrscheinlichkeit des Impferfolges durch eine Titerbestimmung nach Tetanus- und Diphtherie-Impfung abschätzen. Bleibt nach einem Booster mit DT-Impfstoff ein meßbarer Impferfolg aus, kann evtl. auch bei CD4+ T-Zellen oberhalb der oben genannten Grenzen auf eine MMR- und Varizella-Impfung verzichtet werden. Stattdessen sollte dann eine Immunglobulinsubstitution erwogen werden (Tim Niehues, persönliche Mitteilung).

Die Pneumokokken-Impfung erfolgt bei Kindern unter zwei Jahren mit dem Konjugatimpfstoff. Zwischen dem zweiten und fünften Lebensjahr wird der Impfschutz durch Gabe des Polysaccharidimpfstoffes ergänzt, wobei der Impfabstand zwischen Konjugat- und Polysaccharidimpfstoff mindestens 2 Monate betragen soll (Mofenson 2005, STIKO 2006).

Postexpositionelle Prophylaxe

Bei einigen Infektionskrankheiten kann nach Exposition eines ungeimpften oder unzureichend geschützten Patienten das Risiko eines Erkrankungsausbruches verhindert oder zumindest der Verlauf abgemildert werden. In Betracht kommen postexpositionelle aktive Immunisierungen, passive Immunisierung durch Gabe von Immunglobulinen sowie Chemoprophylaxen (s. Tab. 2).

Praktisches Vorgehen

Aufklärung

Potentielle Impflinge müssen über die Gefährdung durch die jeweilige Erkrankung, das Ausmaß der Schutzwirkung sowie die Risiken und Nebenwirkungen der Impfung vor dem Hintergrund der HIV-Infektion aufgeklärt werden (STIKO 2004).

Impfzeitpunkt

Während eines mittelschweren oder schweren akuten Infektes soll nicht geimpft werden; ein leichter Infekt ohne Fieber ist kein Hindernis. Lebendimpfstoffe wie MMR-, Varizella- und Gelbfieber-Vakzine müssen am gleichen Tag oder mit einem Abstand von mindestens vier Wochen appliziert werden. Nach Gabe von Immunglobulinen sollte man drei Monate warten. Impfungen kurz vor Viruslastbestimmungen sind zu vermeiden.

Auffrischungen vs. erneute Grundimmunisierungen

Eine Grundimmunisierung ist nur notwendig, wenn keine Impfungen dokumentiert oder der Anamnese zu entnehmen sind. Eine begonnene Grundimmunisierung wird auch zu einem späteren Zeitpunkt vervollständigt (Motto: Jede Impfung zählt).

Applikationsort

Fast alle Impfstoffe werden intramuskulär in den M. deltoideus, bei Säuglingen und Kleinkindern auch in den anterolateralen M. vastus lateralis appliziert. Die gluteale Applikation ist obsolet. Viele Impfstoffe können auch subkutan verabreicht werden (s. jeweilige Produktinformation), zum Beispiel bei hämophilen Patienten. Bei anschließender Kompression (> 2 Min.) wird so die Gabe von Gerinnungsfaktoren überflüssig.

Wenige Vakzine müssen obligat subkutan appliziert werden. Zu diesen gehören der Meningokokken-Polysaccharid-, der Japan-B-Enzephalitis- und der Varizellen-Impfstoff. Auch bei Gelbfieber-Impfstoffen wird die subkutane Gabe bevorzugt.

Intradermale Tollwut-Impfschemata, die in Deutschland nicht zugelassen sind, sollten aufgrund potentiell reduzierter Immunogenität bei HIV-Patienten nicht angewandt werden (Tantawichien 2001).

Impfungen im Einzelnen

Tetanus/Diphtherie/Pertussis: Nach Grundimmunisierung im Kindesalter sollte auch bei HIV-Patienten lebenslang Boosterimpfungen erfolgen. Nach einer dänischen Studie (Kurtzhals 1992) und eigenen Beobachtungen in Deutschland haben erwachsene HIV-Patienten besonders beim Diphtherie-Impfschutz häufig Lücken. HIV-Patienten haben abhängig von ihrer CD4+ T-Zellzahl nach der Impfung einen reduzierten Titeranstieg sowie einen beschleunigten Titerabfall (Moss 2003). Ein Kombinationsimpfstoff mit Polio und/oder Pertussis ist verfügbar und für HIV-Patienten geeignet. Vor dem Hintergrund einer zunehmenden Inzidenz von Pertussis im Erwachsenenalter wird derzeit eine Pertussis-Auffrischimpfung für Jugendliche (STIKO 2006) bzw. in den USA auch für Erwachsene (Kretsinger 2006) empfohlen. Für diese Patientengruppen ist jedoch momentan eine solche Auffrischung nur mittels der o.g. Kombinationsimpfstoffe möglich, so dass vor jedem Tetanus/Diphtherie-Booster eine mögliche Pertussis-Impfindikation überprüft werden sollte.

Pneumokokken: Auch unter ART haben HIV-Patienten ein erhöhtes Risiko für invasive Pneumokokkeninfektionen (Barry 2006), welches sich durch eine Impfung reduzieren lässt (Breiman 2000, Grau 2005). Allerdings ist die Impfantwort nach Pneumokokken-Polysaccharid-Impfstoff bei Patienten mit CD4+ T-Zellzahlen < 500/µl reduziert (Weiss 1995) und auch durch eine Re-Impfung in doppelter Dosis nicht zu steigern (Rodriguez-Barradas 1996). Ähnliches gilt für den Konjugat-Impfstoff bei HIV-infizierten Erwachsenen und Kindern (Ahmed 1996, Mahdi 2005).

International wird der Polysaccharid-Impfstoff für HIV-Patienten mit einer CD4+ T-Zellzahl > 200µl zu einem möglichst frühen Zeitpunkt nach Diagnosestellung empfohlen (Benson 2004, Kroger 2006, DH 2006, STIKO 2006); unterhalb 200/µl ist ein Nutzen der Impfung zwar nicht bewiesen, dennoch sollte sie erwogen werden. Bei einem späteren CD4+ T-Zellanstieg auf über 200/µl ist eine Impfwiederholung sinnvoll. Kinder unter zwei Jahren sollten ab dem 3. Lebensmonat mit dem Pneumokokken-Konjugatimpfstoff geimpft werden (s.o).

Irritierende Ergebnisse erbrachte eine randomisierte Studie mit 1.392 HIV-Infizierten in Uganda, die eine erhöhte Inzidenz von Pneumokokkeninfektionen in der Impfgruppe vorwies (French 2000). Eine Verlaufsbeobachtung des Studienkollektivs zeigte jedoch eine reduzierte Mortalität in der Impfgruppe, so dass die Wirksamkeit einer Pneumokokkenimpfung in diesem Setting weiterhin unklar ist (Watera 2004).

Influenza: HIV-Patienten haben ein höheres Risiko für Komplikationen und schwere Verläufe und somit eine erhöhte Influenza-assoziierte Mortalität (Lin 2001). Die Impfung ist bei HIV-Patienten wirksam und sicher (Yamanaka 2005) und sollte ab dem 6. Lebensmonat jährlich zu Beginn der Influenzasaison verabreicht werden (STIKO 2006, Smith 2006). Bei Kindern unter 10 Jahren sollten bei der ersten Impfung zwei Dosen im Abstand von vier Wochen gegeben werden. Liegen die CD4+ T-Zellzahlen unter 100/µl, ist ein messbarer Impferfolg selten und der Kosten-Nutzen-Effekt fraglich (Rose 1993). Ein in den USA verfügbarer intranasaler Influenza-Lebendimpfstoff ist für HIV-Infizierte nicht zugelassen.

Hepatitis B: Jeder HIV-Patient mit negativer HBV-Serologie sollte geimpft werden. Vor einer Heptitis B-Impfung sollte immer auch die Impfindikation bezüglich Hepatitis A geprüft und ggf. kombiniert geimpft werden, da der Kombinationsimpfstoff in Bezug auf Preis und evtl. auch Immunogenität gegenüber dem Einzelimpfstoff Vorteile bietet (Van der Wielen 2006).

Bei niedrigen CD4+ T-Zellen sind Wirksamkeit und Schutzdauer der HBV-Impfung vermindert, weshalb möglichst früh nach Diagnose der HIV-Infektion geimpft werden sollte (Laurence 2005). Nach Immunrekonstitution durch ART steigt die Wahrscheinlichkeit eines Impferfolgs (Wonk 1996), auch eine suffiziente Suppression der Viruslast korreliert mit besserem Ansprechen (Overton 2005). Anti-HBs sollte ein bis zwei Monate nach kompletter Impfung kontrolliert werden. Anschließend empfiehlt sich folgendes Vorgehen (STIKO 2006):

  • Anti-HBs > 100 IE/l: Nachimpfung in 10 Jahren
  • Anti-HBs < 100 IE/l: sofortige Nachimpfungen und erneute Titerkontrolle

  • Der Impferfolg lässt sich durch häufigeres Impfen, Impfen mit erhöhten Dosen sowie Adjuvantien steigern (Cooper 2005, Brook 2006). Die für Dialysepatienten und andere Immunsupprimierte empfohlenen Impfstoffe mit höherer Antigenmenge haben auch bei HIV-Patienten eine geringere Versagerquote (Fonseca 2005). Sie sollten bei fehlender Impfantwort trotz wiederholter Impfungen (Anti-HBs < 10 IE/l) zum Einsatz kommen (z. B. Gen H-B-Vax® D).
  • Bei isoliertem Anti-HBc, einer bei HIV nicht seltenen serologischen Konstellation, empfiehlt sich eine Grundimmunisierung (Ghandi 2005). Nachweisbares Anti-HBs nach der ersten Dosis spricht für eine durchgemachte Hepatitis B; der Impfzyklus braucht dann nicht komplettiert zu werden.

Hepatitis A: Diese Virusinfektion hat bei HIV-Patienten eine hohe Prävalenz (Fonquernie 2001). In Deutschland ist eine Impfung bei chronischen Lebererkrankungen oder erhöhtem Expositionsrisiko indiziert. Dies betrifft u. a. homosexuell aktive Männer, Hämophile und Reisende in Regionen mit hoher Prävalenz (STIKO 2006). In den USA werden seit kurzem alle Kinder gegen Hepatitis A geimpft. Eine serologische Vortestung (HAV-IgG) gilt bei Personen, die vor 1950 geboren wurden oder längere Zeit in Endemiegebieten gelebt haben, als kosteneffektiv. Eine Kombinationsimpfung mit Hepatitis B ist empfehlenswert (s.o.).

Masern: Da Masern bei HIV-Patienten oft schwer verlaufen (Kaplan 1992), sollten möglichst alle Patienten ohne zurückliegende Masernimpfung oder –infektion geimpft werden. Eine Überprüfung des Impfschutzes ist auch bei Reisen in Masern-Endemiegebiete von Bedeutung (siehe Kapitel "HIV und Reisen"). Falls nicht zwei Impfungen dokumentiert sind, ist eine serologische Diagnostik notwendig. In den USA wird bei Patienten, die vor 1957 geboren wurden, von einer Immunität ausgegangen. Geimpft werden sollen asymptomatische HIV-Patienten mit CD4+ T-Zellen > 200/µl (abweichende Werte bei Kindern) bzw. > 15 %. Auch bei gutem Immunstatus kann eine Impfung erwogen werden (Kroger 2006). Postexpositionell und – je nach Risiko – auch präexpositionell sind Immunglobuline indiziert.

Gelbfieber: Bezüglich Wirksamkeit und Sicherheit bei erwachsenen HIV-Infizierten liegen Daten von weniger als 50 Patienten, alle mit CD4+ T-Zellzahlen > 200/µl, vor (Goujon 1995, Receveur 2000, Tattevin 2004). Diese sprechen für eine gute Verträglichkeit bei reduzierter Serokonversionsrate. Bei einem Patienten mit fortgeschrittener HIV-Infektion wurde eine fatale Impfkomplikation beschrieben (Kengsakul 2002). HIV-positive Reisende können geimpft werden, wenn sie asymptomatisch sind, einen guten Immunstatus haben und sich ein Expositionsrisiko nicht vermeiden lässt (Cetron 2002). In der Praxis wird oft eine CD4+ T-Zellzahl > 200/µl als Grenze angenommen (Schuhwerk 2006). Wegen des reduzierten Ansprechens werden Titerkontrollen empfohlen. Aussagekräftiger erscheint uns die Dokumentation einer Serokonversion mittels serologischer Untersuchung vor und 2-3 Wochen nach Impfung. Falls eine Impfung nicht möglich ist, sollte bei geplanter Einreise in Länder mit obligatorischer Impfung ein ärztliches Attest (medical waiver) ausgestellt werden. Für die Bevölkerung in Gelbfieber-Endemiegebieten empfiehlt die WHO die Anwendung der Gelbfieberimpfung auch bei hoher HIV-Prävalenz (Moss 2003).

Humane Papillomaviren (HPV): Ein HPV-Todimpfstoff (Gardasil®) zur Anwendung bei Mädchen und jungen Frauen ist seit 2006 in den USA zugelassen (ACIP 2006). Wegen des erhöhten Risikos für HPV-assoziierte maligne Tumoren im Anal–, Genital– und Oralbereich könnte dieser Impfstoff in Zukunft auch für HIV-Patienten wichtig sein. Bezüglich der Anwendung besteht für HIV-Patienten keine Kontraindikation; allerdings fehlen bislang Daten.

Rotavirus: Seit 2006 sind zwei Lebendimpfstoffe für Säuglinge verfügbar, aber noch nicht allgemein empfohlen (Rotarix®, RotaTeq®). Da bei Kindern mit Immundefekten schwerere und chronische Rotavirus-Infektionen vorkommen, kann laut amerikanischen Empfehlungen die Impfung erwogen werden (Parashar 2006). Weitere Studien zur Sicherheit und Wirksamkeit diesen Lebendimpfstoffes bei HIV-infizierten Kindern sollten unseres Erachtens abgewartet werden.

Die folgenden Tabellen geben eine Übersicht über die aktuellen Empfehlungen. Die Großbuchstaben in der rechten Spalte von Tabelle 1 stehen für

  • A: bei HIV empfohlen
  • B: bei HIV unabhängig vom Immunstatus anwendbar
  • C: bei HIV abhängig vom Immunstatus anwendbar
  • D: bei HIV kontraindiziert

Tabelle 2 listet postexpositionelle Impfungen und Prophylaxen auf.

Tabelle 1: Impfungen bei HIV-infizierten Patienten

Impfung1

Impfstoff-Art

Indikationen2

HIV-spez. Empfehlung3

Bemerkungen

Cholera

I. Inaktiviert + Toxoid (Dukoral®)

II. Lebend4 (Orochol®)

Risikoaufenthalte in Endemiegebieten

I. B

II. D

Dukoral® schützt auch gegen manche Formen der "Reisediarrhö"

Diphtherie

Toxoid

Allgemein empfohlen

B

Ab 6. Lebensjahr reduzierte Dosis

FSME
(Frühsommer-
meningo-
enzephalitis)

Inaktiviert

Aufenthalte in FSME-Risikogebieten

Berufliche Exposition (z. B. Forstarbeiter, Landwirtschaft, exponiertes Laborpersonal)

B

Deutsche und europäische FSME-Risikogebiete: s. Epidemiologisches Bulletin 17/2006 und 16/2005

Gelbfieber

Lebend

Bei Reisen in Endemiegebiete bzw. nach Anforderungen der Ziel- oder Transitländer

C

Impfung nur durch autorisierte Impfstellen

Haemophilus influenzae Typ b (HiB)

Poly-saccharid

Kinder: allgemein empfohlen

Asplenie

B

Evtl. bei ungeimpften HIV- Pat. (Kroger 2006)

Hepatitis A

Inaktiviert

Chronische Lebererkrankung, Hämophilie, Personen mit erhöhtem Risiko: homosexuelle Männer, Reisen in Endemiegebiete, u.a.

B

Hepatitis B

Rekomb. Antigen

Kinder: allgemein empfohlen

Chron. Krankheiten, Personen mit erhöhtem Risiko: u.a. Tätigkeit im Gesundheitsbe-reich, homosexuelle Männer, Drogenabhängige, längere Reisen in Endemiegebiete

A

Influenza

I. Inaktiviert/ frakt.Anti-gen

II. Lebend (intranasal)4

Chronische Krankheiten, Lebensalter > 60 Jahre, u.a.

I. B

II. D

Jährlich neue Antigenkombination

Japanische Enzephalitis

Inaktiviert4

Risikoreisen in Endemiegebiete

B

Masern

Lebend

Kinder: allgemein empfohlen

Empfängliche Reisende5 in Endemiegebiete, u.a.

C

Empfängliche HIV-Patienten5

Meningokok-ken
(Gruppen A, C,
W135, Y)

I. 2-/4-val. Polysacch.
II. 1-/4-val. Konjugat4

Kinder: allgemein empfohlen

Komplementdefekt, Hypogammaglobulinämie, Asplenie, Reisende in Endemiegebiete, u.a.

B

Evtl. bei ungeimpften HIV- Pat. (STIKO 2005)

Mumps

 

Lebend

Kinder: allgemein empfohlen

Empfängliche Personen5 mit häufigem Kontakt zu Kindern

C (analog Masern, s.o.)

Pertussis

Azelluläre Antigene

Kinder: allgemein empfohlen

Jugendliche: Auffrischung

Erwachsene: Auffrischung bei Kinderwunsch, häufiger Kinderkontakt (USA: allgemein empfohlen)

B

Kein monovalenter Auffrischungsimpfstoff verfügbar (nur Kombinationsimpfstoff)

Pneumo-kokken

I. 23-valent Polysaccha-rid

II. 7-valent Konjugat

Chron. Krankheiten, Immundefekte, Lebensalter > 60 Jahre

A

I. Ab vollendetem 2. Lebensjahr

II. 2. Lebensmonat bis 5. Lebensjahr

Poliomyelitis


I. Inaktiviert
(IPV)

II. Lebend (OPV)4

Kinder: allgemein empfohlen

Auffrischung: Reisende in Endemiegebiete

I. B

II. D

Röteln

Lebend

Kinder: allgemein empfohlen

Empfängliche Frauen5 mit Kinderwunsch, empfängliche Personen5 mit häufiger Kinderkontakt

C (analog Masern, s.o.)

Tetanus

Toxoid

Allgemein empfohlen

B

Tollwut


Inaktiviert

Häufige Tierkontakte in Endemiegebieten, Risikoreisende in Endemiegebiete

B

Bei HIV oft schlechtes Ansprechen, Titerkontrolle, keine intrakutan-Schemata

Tuberkulose

Lebend4

In Deutschland generell nicht empfohlen

D

Typhus

I. Polysaccha-rid

II. Lebend

Risikoeisende in Endemiegebiete

I. B

II. D

Varizellen

Lebend

Kinder: allgemein empfohlen

Empfängliche Frauen5 mit Kinderwunsch, empfängliche Personen5 mit häufigem Kontakt zu Kindern und Immunsupprimierten, vor immunsuppressiver Therapie

C

        1. Soweit verfügbar, sollten Kombinationsimpfstoffe eingesetzt werden
        2. Vollständige Auflistung aller Indikationen: STIKO 2006
        3. A = bei HIV empfohlen, B = bei HIV unabhängig vom Immunstatus anwendbar, C = bei HIV abhängig vom Immunstatus anwendbar, D = bei HIV kontraindiziert
        4. In Deutschland nicht verfügbar
        5. Empfänglich: Anamnestisch weder Erkrankung noch Impfung und serologisch ohne Nachweis spezifischer Antikörper

Tabelle 2: Postexpositionelle Impfungen und Prophylaxen bei HIV-infizierten Patienten

Erkrankung

Art der
Prophylaxe

Indikation

Bemerkungen

Diphtherie

I. Aktive Immunisierung

II. Chemo-Prophylaxe

Nach engem Kontakt zu Erkrankten (face to face)

I. Falls letzte Impfung vor mehr als 5 Jahren

II. Impfstatus-unabhängig

II. z. B. Erythromycin
4 x 500 mg für 7-10 Tage

Haemophilus influenzae b

Chemo-Prophylaxe

Pat. mit Immundefekt oder Pers. aus deren engem Umfeld nach engem Kontakt mit invasiv Erkrankten

Rifampicin 1 x 600 mg für 4 Tage

Hepatitis A

I. Aktive Immunisierung

II. Simultan Immunglobulin

I. Exposition einer empfänglichen Person1

II. Bei Risiko für schweren Verlauf (z. B. HBV- oder HCV-Infektion)

 

Hepatitis B

I. Aktive Immunisierung

II. Simultan Immunglobulin2

Abhängig von Impfschutz (siehe STIKO 2006)

 

Influenza

I. Aktive Immunisierung
II. Chemo-Prophylaxe

I. Ungeimpfte HIV-Pat. bei Exposition bzw. Ausbruch in Umgebung

II. Exposition von

ungeimpften/ unzurei-chend geschützten HIV-Patienten

evtl. Ungeimpften im engem Umfeld

II. Influenza A oder B:

Oseltamivir (Tamiflu®) 1 x 75 mg/d x 10 d

Alternativ (in Deutschl. zur prophyl. nicht zugelassen):

Zanamivir (Relenza®) 1 x 10 mg/kg x 10 d

Masern

I. Aktive Immunisierung

II. Immunglobulin

I. Exposition einer empfänglichen Person1

II. Exposition einer immungeschwächten empfänglichen Person1, wenn aktiven Impfung kontraindiziert oder Erfolg unwahrscheinlich

I. Bis 72 h nach Exposition, Kontraindikationen beachten (Tab. 1)

Zusätzliche Informationen: Epidemiologisches Bulletin 29/2001

Meningo-kokken

I. Aktive Immunisierung

II. Chemo-Prophylaxe

 

 

 

Nach Indexfall:

I. Nach Maßgabe der Gesundheitsbehörden

II. Haushaltsmitglieder; nach Kontakt mit oropha-ryngealen Sekreten; eng-er Kontakt in Gemein-schaftseinrichtungen

II. Möglichst innerhalb von 24 h, evtl. bis 14 d nach Exposition (Indexperson bereits 7 Tage vor Erkrankung infektiös!)

Rifampicin 2 x 600 mg x 
2 d oder

Ciprofloxacin 500 mg 1 x oder

Ceftriaxon 250 mg i.m. 1x

Mumps

Aktive Immunisierung

Exposition einer empfänglichen Persons1

Bis 3 d (evtl. 5 d) nach Exposition, Cave Kon-traindikationen (Tab. 1)

Pertussis

I. Aktive Immunisierung

II. Chemo-Prophylaxe

I. Exposition bei unvollst. Grundimmunisierung

II. Enge Kontakte, z. B. Haushaltskontakte

II. Bis 7 d nach Exposition

Makrolide, z. B. Clarithromycin 2 x 500mg/d x 7 d

Polio

Aktive Immunisierung

Jede Exposition unabh. vom Impfstatus

Ohne Zeitverzug!

Röteln

Aktive Immunisierung

Exposition einer empfänglichen Person1

Bis 5 d nach Exposition, Kontraindikationen beachten (Tab. 1)

Tetanus

I. Aktive Immunisierung
II. Simultan Immunglobulin2

Abhängig von Impfschutz und Wunde (siehe STIKO 2006)

 

Tollwut

I. Aktive Immunisierung

II. Simultan Immunglobulin2

Abhängig von Impfschutz und Exposition (siehe STIKO 2006)

HIV-Patienten:

I. Gabe der doppelten Impfstoff-Dosis an Tag 0

II. Auch bei Expositionsgrad II

Tuberkulose

Chemo-Prophylaxe

HIV-Patienten nach engem Kontakt mit offener Tuberkulose

Analog zur Therapie der latenten Tuberkulose (s. Kapitel "Tuberkulose")

Varizellen

I. Aktive Immunisierung
II. Immunglobulin2
III. Chemo-Prophylaxe

I. Erwägen bei VZV-Exposition3 einer empfänglichen Person1

II./III. VZV-Exposition3 bei immundefizienten Pat. mit fehlender oder unbekannter Varizellen-Immunität

I. Bis 5 d nach Exposition Kontraindikationen beachten (Tab.1), nicht zusammen mit II./III.

II./III. < 96 h nach Exposition erwägen

III. > 96 h nach Exposition erwägen (z. B. Aciclovir 4 x 800 mg x 5 d)

  1. "Empfänglich": anamnestisch weder Erkrankung noch Impfung, serologisch ohne Nachweis spezifischer Antikörper
  2. Spezifisches Hyperimmunglobulin verfügbar
  3. Windpocken: Aufenthalt > 1 Stunde im gleichen Raum, face-to-face-Kontakt, Haushaltskontakt; Herpes zoster: direkter Kontakt mit Hautläsionen bzw. Bläscheninhalt, aber Indikation zu Postexpositionsprophylaxe umstritten (keine Daten)

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