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Klinik

Medikamente

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zur Einleitung
Epidemiologie 2006
von
Bernd Sebastian Kamps
180-Tage-Literatur
Die AIDS-Epidemie dramatischen Ausmaßes (Tabelle 3), die Mitte der 80er Jahre befürchtet
wurde, hat in Deutschland bisher nicht stattgefunden. Die Zahl der jährlichen Neuinfektionen
ist 2006 zwar auf 2.700 angestiegen - kaum mehr als die Zahl der Kinder, die weltweit täglich
mit HIV infiziert werden.
Wem haben wir das zu verdanken? Den Aufklärungskampagnen nach 1985? Haben
wir weniger Drogenabhängige in Deutschland? Oder haben die Deutschen weniger Sex? Angesichts
der globalen epidemiologischen AIDS-Daten nehmen sich die Verhältnisse in Mittel- und
Nordeuropa tatsächlich wie eine Anomalie aus.
Die epidemiologischen Daten zu AIDS bieten zudem immer wieder
Überraschungen. Nachdem AIDS als Virusinfektion erkannt war, hätte man zunächst
annehmen können, dass sich die Epidemie zwar unterschiedlich schnell, aber relativ
gleichförmig ausbreiten würde. Stattdessen war AIDS in zahlreichen Ländern jahrelang
praktisch kein Thema, ohne dass man genau wusste, warum. Zwischen dem Beginn der Epidemie in den USA
und in anderen Ländern lagen bis zu 20 Jahre. Einige Startpunkte sind in Tabelle 4
aufgeführt.
Das ist die erste schlechte Nachricht zur globalen AIDS-Epidemie: Kein Land
bleibt verschont. Die zweite schlechte Nachricht: Ein Land bleibt möglicherweise auch dann
nicht verschont, wenn es zunächst so aussieht. In einigen westafrikanischen Ländern wie
Kamerun lag die HIV-Prävalenz über einen Zeitraum von 5 bis 8 Jahren relativ stabil um 5
%. Heute liegt sie bei schwangeren Frauen um 10 %.
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Table 3. HIV-Infektionen, nach Weltregionen* |
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HIV-infizierte Erwachsene und Kinder |
Prävalenz von HIV unter Erwa-chsenen**
(%) |
Tägliche Neuinfektionen |
Tägliche Todesfälle durch AIDS |
|
Afrika südlich der Sahara |
24.700.000 |
5.9 |
7700 |
5700 |
|
Süd- und Südostasien |
7.800.000 |
0.6 |
2400 |
1600 |
|
Osteuropa und Zentralasien |
1.700.000 |
0.9 |
740 |
230 |
|
Lateinamerika |
1.700.000 |
0.5 |
550 |
180 |
|
Ost-Asien |
750.000 |
0.1 |
270 |
120 |
|
Nordafrika und Naher Osten |
460.000 |
0.2 |
180 |
100 |
|
Nordamerika |
1.400.000 |
0.8 |
120 |
50 |
|
Karibik |
250.000 |
1.2 |
70 |
50 |
|
West- und
Zentraleuropa |
740.000 |
0.3 |
60 |
30 |
|
Australien, Neusee-land und Pazifik |
81.000 |
0.4 |
20 |
10 |
|
Gesamt |
39.900.000 |
1.1 |
12090 |
8070 |
* Angepasst von WHO: AIDS Epidemic Update 2006,
http://hiv.net/link.php?id=227
** 15 bis 49 Jahre
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Tabelle 4: Zeitlich versetzter Beginn der HIV-Epidemie |
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Beginn |
Region |
|
Ende der 80er |
Südostasien |
|
1995 |
Ukraine, Weißrussland |
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1996 |
China (Guangxi, Guangzhou) |
|
1996 |
Moldawien |
|
1997 |
Djakarta |
|
1998 |
Russland |
|
1999 |
Lettland |
|
1999 |
Litauen |
|
1999 |
Kasachstan |
|
2000 |
Usbekistan |
Die dritte und schlechteste Nachricht: Die Epidemie kennt nach oben keine
Grenzen. Man hatte gehofft, dass in Ländern mit einer bereits sehr hohen Prävalenz die
HIV-Infektion eine Art Plateau erreicht hätte. Dies scheint nicht der Fall zu sein. In Botswana
stieg die HIV-Prävalenz unter schwangeren Frauen in den städtischen Zentren in den 4
Jahren nach 1997 von 39 % weiter auf 45 %. Bei den 25- bis 29-jährigen Schwangeren lag die
Prävalenz bei 56 %! (UNAIDS 2002, http://hiv.net/link.php?id=170)
Die gute Nachricht: In Uganda lag die HIV-Prävalenz in der
Gesamtbevölkerung in den frühen 90er Jahren etwa 13 %, heute nur noch um 4 %.
Der Schlüssel zum Erfolg? HIV-Tests, deren Ergebnisse noch am gleichen Tag bekannt gegeben
wurden; flächendeckende Kampagne zur Steigerung der Akzeptanz von Kondomen;
Selbstbehandlungs-Kits für sexuelle übertragbare Krankheiten; landesweite Einführung
von Sexualunterricht. Man muss es offensichtlich nur wollen und dem Willen die finanziellen Mittel
geben (UNAIDS 2002, http://hiv.net/link.php?id=170).
Auch unter schwangeren Frauen wurde seit Mitte der 90er Jahre in Uganda ein
Rückgang der HIV-Prävalenz beobachtet. Eine ähnlich positive Entwicklung scheint auch
in Kenia begonnen zu haben. In einigen Städten ist die Prävalenz unter Schwangeren von 28
% auf 9 % gesunken. Zunehmender Kondomgebrauch und eine Änderung im Umgang mit Sex (weniger
Partner) werden für diese Entwicklung als Gründe genannt.
Deutschland
Nach Schätzung des Robert-Koch-Institutes lebten Ende 2006 in
Deutschland etwa 56.000 HIV-infizierte Menschen (siehe Tabelle 5) (RKI 2006b). Die Zahl der
Neu-Infektionen steigt in Deutschland weiter an (2006: 2.700).
Die
globale Epidemie
Dies ist nicht der Ort für eine detaillierte Schilderung der
HIV-Epidemie. Eine aktuelle und ausführliche Übersicht über die globale Epidemie
wurde Ende 2006 von UNAIDS veröffentlicht (siehe http://hiv.net/link.php?id=227). In der Folge
seien einige Aussagen stichpunktartig aufgelistet.
Erde
Etwa 40 Millionen Menschen sind HIV-infiziert (siehe
Tabelle 3). Die Zahl der Neuinfektionen wurde für 2006 auf 4,3 Millionen geschätzt;
530.000 davon waren Kinder. Seit Beginn der AIDS-Epidemie sind etwa 25 Millionen Menschen an
HIV/AIDS verstorben.
Intravenöser Drogenabusus ist der Motor der HIV-Epidemie in Ländern
wie Indien, Indonesien, Iran, Libyen, Pakistan, Spanien, Italien, Ukraine, Uruguay und Viet Nam. Die
Kombination von Drogenabusus und Prostitution macht die lokalen Epidemien in diesen Ländern
besonders dynamisch.
Es wird geschätzt, dass weltweit nur 10 % der mit HIV infizierten
Menschen getestet worden sind und von ihrer Infektion wissen.
Etwa 10 Millionen Menschen leben weltweit in Gefängnissen. Die
Infektionsrate unter Gefängnisinsassen ist in vielen Ländern deutlich höher als unter
der der Allgemeinbevölkerung.
Die antiretrovirale Therapie ist nicht mehr ein Privileg der reichen
Industrieländer. In Argentinien, Brasilien, Chile und Kuba werden mittlerweile mehr als
80 % der behandlungsbedürftien Patienten behandelt. Die Behandlungssituation ist nach wie
vor katastrophal in den ärmeren Ländern in Lateinamerika und Osteuropa, in den meisten
asiatischen und in fast allen afrikanischen Ländern. In Afrika liegt die Behandlungsrate kaum
über 10 %.
Afrika
Afrika ist der bei weitem am stärksten
betroffene Kontinent: 25 Millionen Menschen sind mit HIV infiziert, 2,8 Millionen infizierten sich
2006 und 2,1 Millionen starben an AIDS.
- In Swasiland stieg die HIV-Prävalenz unter Schwangeren zwischen 2000 und
2004 von 34 auf 43 % (bis 56 % in der Altergruppe 25 bis 29 Jahre).
- In Südafrika waren 2004 fast 30 % der schwangeren Frauen HIV-positiv.
Die Prävalenz war am höchsten unter Frauen zwischen 25 und 34 Jahren.
- Das Außergewöhnliche der südafrikanischen Epidemie ist die
Schnelligkeit, mit der sich HIV ausgebreitet hat: von unter 1 % Prävalenz im Jahre 1990 auf
fast 25 % innerhalb von 10 Jahren.
- In den letzten Jahren hat in Südafrika der Anteil der Todesfälle in
der Gruppe der 25- bis 44-Jährigen deutlich zugenommen. Zuletzt traten über ein Drittel
aller weiblichen Todesfälle in dieser Altersklasse auf.
- In einigen westafrikanischen Ländern mit anfänglich relativ
niedriger HIV-Prävalenz liegt diese jetzt über 5 %: Kamerun (11,8 %),
Zentralafrikanische Republik (12,9 %), Elfenbeinküste (9,7 %) und Nigeria (5,8 %).
- In Uganda beträgt die Behandlungsrate - also die Zahl der antiretroviral
behandelten Patienten bezogen auf die Gesamtzahl derer, bei denen eine Behandlung indiziert
wäre - über 30 %. Damit liegt Uganda zusammen mit Botswana an der Spitze der afrikanischen
Länder südlich der Sahara. In Kamerun, Elfenbeinküste, Kenia, Malawi und Sambia liegt
dieser Anteil zwischen 10 und 20 %. In allen anderen afrikanischen Ländern südlich der
Sahara lag Mitte 2005 der Anteil der behandelten Patienten unter 10 %.
Europa
In Europa sind Portugal, Spanien, Italien, Frankreich
und die Schweiz die Länder mit der höchsten HIV-Prävalenz.
Sex wird unsafer. Beweis sind die allerorten wieder ansteigenden Inzidenzen
von sexuell übertragbaren Infektionen.
HIV-Infektionen durch heterosexuelle Übertragung - Hauptvektor in Afrika
- werden nun auch in den Industrieländern häufiger.
USA
HIV wird zunehmend zu einer Erkrankung junger und
sozial schwacher Menschen.
Etwa 1,4 Millionen Menschen sind mit HIV infiziert. 25 % wissen
vermutlich nichts von ihrer Infektion. Jährlich infizieren sich etwa 18.000 Menschen
neu.
Hauptrisikofaktor für viele Frauen ist ein männlicher Partner, der
Risikokontakte oder Drogenabusus verschweigt.
Im Vergleich zu HIV-negativen Frauen sind HIV-infizierte Frauen häufiger
ohne Arbeit, benötigen staatliche Unterstützung oder tauschen Sex gegen Geld oder
Geschenke.
Obwohl Afroamerikaner nur 12,5 % der Bevölkerung stellen, treten 48 %
der Neuinfektionen bei ihnen auf.
Afroamerikanische Frauen werden 12 mal häufiger mit HIV infiziert als
weiße Frauen. In der Alterklasse 25-34 Jahre ist AIDS die häufigste
Todesursache.
Karibik
In der Karibik ist AIDS häufigste Todesursache
in der Altersklasse 15-44 Jahre.
Die HIV-Prävalenz liegt über 1 % in Barbados, der Dominikanischen
Republik, Jamaica und Surinam; über 2 % auf den Bahamas, in Guyana und Trinidad/Tobago; und
über 3 % auf Haiti.
Ausnahme Kuba: <0,2 %.
Lateinamerika
In Brasilien lebt etwa ein Drittel der 1,7 Millionen
HIV-infizierten Menschen Lateinamerikas. Die Länder mit der höchste Prävalenz - etwa
1 % - sind jedoch kleinere Länder wie Belize, Guatemala und Honduras.
Nordafrika und Naher Osten
Die Epidemie in Algerien, Libyen, Marokko und Somalia
weitet sich langsam aus. Wichtigster Übertragungsmodus ist Sex; intravenöser Drogenabusus
nimmt zu.
In Libyen sind offiziell mehr als 10.000 HIV-Infektionen erfasst.
Hauptübertragungsweg: Drogenabusus.
Im Iran ist HIV vor allem unter intravenös Drogenabhängigen
verbreitet - deren Anzahl wird auf 200.000 geschätzt. Im Iran kostet eine Dosis Heroin weniger
als eine Dose Cola (Decamps 2005).
Im Iran scheint Gefängnisaufenthalt einer der größten
Risikofaktoren für eine HIV-Infektion zu sein.
Asien
7,8 Millionen Menschen leben mit HIV.
Der Motor der asiatischen HIV-Epidemie ist die Kombination von
intravenösem Drogengebrauch und ungeschütztem und zum großen Teil käuflichem
Sex. Die "Initialzündung" war in vielen Ländern Drogenabusus. Nach Erreichen
einer kritischen Masse breitet sich die Epidemie danach im Prostitutions-Milieu und von dort in die
Allgemeinbevölkerung aus. Indonesien, Vietnam und China sind Beispiele für dieses
Szenario.
- Die höchsten Prävalenzen werden aus Kambodscha, Myanmar (Burma) und
Thailand gemeldet. Das Beispiel Thailand zeigt allerdings, dass Präventionskampagnen eine
Epidemie weitgehend kontrollieren können.
- Bis 2010 wird mit 10 Millionen HIV-Infektionen in China
gerechnet.
- In Indien ist die Prävalenz zwar niedrig; wegen der hohen
Bevölkerungszahl ist Indien aber das Land mit den meisten HIV-Infektionen: über 5
Millionen. Zahlreiche Neuinfektionen bei verheirateten Frauen, die von ihren Männern infiziert
wurden, die sich bei Prostituierten angesteckt haben. In einigen Provinzen liegt die Prävalenz
in der Schwangerschaftsvorsorge über 1 %.
- In Indonesien war intravenöser Drogengebrauch bis vor 10 Jahren eine
Rarität. Dies hat sich vor allem in den Städten geändert: In Jakarta stieg die
HIV-Prävalenz unter intravenös Drogenabhängigen zwischen 1997 und 2001 von 0 %
auf 47 %. In den überfüllten Gefängnissen der Stadt stieg die Prävalenz zwischen
1999 und 2002 von 0 auf 25 %.
- Drogenabusus und Prostitution scheinen auch in Pakistan die Verbreitung von
HIV zu begünstigen. Unter Drogenabhängigen in Karachi wurde eine Prävalenz von 23 %
gefunden - nur 7 Monate zuvor war in der gleichen Gruppe eine einzige Probe positiv getestet worden.
Ebenfalls in Karachi konnten 20 % der Prostituierten ein Kondom nicht als solches erkennen.
- In Myanmar bemühte man sich bislang kaum um Prävention. Resultat:
HIV-Prävalenz von 1,8 % unter schwangeren Frauen. Infektionsweg: Ehemänner, die sich
über intravenösen Drogenkonsum oder käuflichen Sex ansteckten.
- Noch niedrige HIV-Prävalenzen in Bangladesh
, Ost-Timor und auf den Philippinen.
2006 waren in Asien vermutlich 1,2 Millionen
HIV-infizierte Menschen behandlungsbedürftig. Nur etwa 150.000 erhielten eine Behandlung. Die
Länder mit den besten Behandlungsprogrammen waren Thailand und China.
Osteuropa
und Zentralasien
Die Zahl der HIV-Infizierten in Osteuropa und
Zentralasien wird auf 1.7 Millionen geschätzt - zwanzig Mal soviel wie vor 10 Jahren. 75 %
der Infizierten sind jünger als 30 % (zum Vergleich: Westeuropa: 33 %).
Die meisten Betroffenen - knapp unter einer Million - leben in der Russischen
Föderation. Ausgangspunkt der Epidemie ist eine für westeuropäische Verhältnisse
immense Zahl von Drogenabhängigen. Offizielle Zahlen liegen zwar nur bei 350.000, doch wird
geschätzt, dass die tatsächliche Zahl zwischen 1,3 und 3,4 Millionen liegen könnte. 5
bis 8 % aller Männer unter 30 Jahren sollen Drogen intravenös appliziert haben (Molotilov
2003).
Mittlerweile wird auch die russische Epidemie "heterosexueller": im
Jahre 2001 gingen 6 % der gemeldeten Neuinfektionen auf heterosexuelle Kontakte zurück;
2004 waren es 25 %.
- In der Ukraine wird die HIV-Prävalenz auf über 1,5 % geschätzt
- die Ukraine ist damit das in Europa am stärksten betroffene Land. Mehr als 10.000
Neuinfektionen wurden im letzten Jahr gemeldet, etwa ein Drittel durch heterosexuelle
Übertragung. In Odessa und Simferopol sind etwa 60 % der Drogenabhängigen
infiziert.
- Anfang 2004 waren in Russland 940.000 Menschen HIV-infiziert; 80 % davon
waren zwischen 15 und 29 Jahre alt, ein Drittel waren Frauen.
- Die Prävalenz ist nach wie vor niedrig in der Tschechischen Republik,
Ungarn, Polen und in Slowenien.
- In Zentralasien sind vor allem Usbekistan, Kasachstan und Kirgisien
betroffen, zumeist Orte, die an Drogentransitstraßen liegen. In einigen Gegenden sind Drogen
billiger als Alkohol.
Weiter: 1.8 Fazit
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