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HIV-Literatur Wöchentliche Übersicht wissenschaftlicher Publikationen HIV.NET 2008 812 Seiten, PDF, 5 MB Download HIV-Therapie Medikamente Klinik Mailing-Liste
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>>> 1995-2008: Die HIV.NET-Geschichte
Die Epidemie
Der Beginn
Die ersten Berichte über eine ungewöhnliche Häufung seltener und tödlich verlaufender Erkrankungen
bei zuvor gesunden homosexuellen Männern erscheinen im Jahre 1981 (Centers for Disease Control [CDC]
1981a, 1981b, 1981c). Innerhalb weniger Monate wird als Ursache eine erworbene Immunschwäche
erkannt. 1983 isolieren französische Forscher ein Virus als ätiologisches Agens für das
Acquired Immunodeficiency Syndrome
(AIDS), und kurz darauf wird die kausale Beziehung zwischen dem neuen Virus und AIDS aufgedeckt
(Barré-Sinoussi 1983, Broder 1984, Gallo 1984). Weitere zwei Jahre später, im Jahre 1985, ist der
erste ELISA-Test zum Nachweis von HIV-Antikörpern erhältlich (CDC 1985a).
Was aus der Distanz von mehr als 20 Jahren imponiert, ist die atemberaubende Schnelligkeit, mit der
eine bis dahin unbekannten Erkrankung erforscht wurde. Zwischen der Veröffentlichung der ersten
Krankheitsfälle und der Definition des neuen Syndroms vergehen keine zwölf Monate.
Einmal aufgetreten, markieren die so genannten AIDS-definierenden Erkrankungen, die das letzte
Stadium der HIV-Infektion signalisieren, bis Mitte der 90er Jahre meist den Beginn eines langen
Leidensweges. Zwar können die meisten Komplikationen von AIDS mit Medikamenten beherrscht werden,
doch ist es meist nur eine Frage der Zeit bis zum Auftreten der nächsten Erkrankung, und in der
Regel vergehen wenige Jahre bis zum Tod. Sicher, angenehme tödliche Erkrankungen gibt es nicht, aber
AIDS ist potenziertes Leiden, das damals fast ausschließlich junge Männer im besten Mannesalter
trifft. Es ist die Hölle auf Erden.
Die Zielstrebigkeit, mit der die amerikanischen Epidemiologen die neue Krankheit erforschen,
fasziniert noch heute (CDC 1982a, 1982d, 1982e). Anfang 1982 sind 150 Fälle bekannt. Schon früh wird
deutlich, dass von der Immunschwäche außer homosexuellen Männern vorwiegend Drogenabhängige (CDC
1982j), Empfänger von Blut (CDC 1982g) und Blutprodukten (CDC 1982e) sowie Kleinkinder von Müttern
mit AIDS (Cowan 1984) betroffen sind. Diese Verteilung führt schon 1982 zu der Vermutung, dass der
Auslöser der neuen Krankheit ein sexuell und parenteral übertragbarer infektiöser Erreger sein muss.
In Europa wird AIDS von der Öffentlichkeit erst mit einigen Jahren Verspätung
wahrgenommen. Die ersten Antikörpertests sorgen dann aber schnell für Überraschungen. Erstens: Viele
Menschen aus den so genannten Risikogruppen sind zwar kerngesund, haben weder AIDS noch ein
Lymphadenopathie-Syndrom (CDC 1982a), doch sie haben HIV-Antikörper, und niemand weiß, was das
bedeutet. Zumindest scheint die Zeitspanne zwischen Infektion und dem Auftreten AIDS-definierender
Komplikationen deutlich länger zu sein als ursprünglich angenommen. Eine Viruserkrankung mit einer
jahrelangen Inkubationszeit, in der die Infektion weiter verbreitet werden kann (Pitchenik 1983)?
Was bedeutet das für die Epidemie? Sitzt man auf einem Pulverfass? Sind möglicherweise schon jetzt
Millionen Menschen infiziert und wissen es nur noch nicht?
Die zweite Überraschung: HIV wird offenbar auch heterosexuell übertragen, und zwar häufiger, als man
dachte. Zwar sind schon seit 1982 einzelne heterosexuelle HIV-Übertragungen beschrieben (CDC 1982i,
Harris 1983), doch AIDS gilt zunächst als Erkrankung von Randgruppen. Der "Normalbürger" wiegt sich
in Sicherheit, fühlt sich nicht betroffen. Das ändert sich nun. Plötzlich wird bericht, dass AIDS in
Kinshasa bei Männern wie Frauen gleichermaßen und - bedrohlicher noch - unabhängig von
Drogenmissbrauch, Bluttransfusionen und Homosexualität auftritt (Piot 1984). 1985 geht es dann
Schlag auf Schlag. Einzelfälle von heterosexueller Übertragung werden bis zurück ins Jahr 1980
verfolgt (Vogt 1985). Aus Hämophilen-Kollektiven wird berichtet, dass bis zu 10 % der weiblichen
Partner infiziert sind (Kreiss 1985, Kamradt 1990), und eine JAMA-Studie berichtet am 15. März
schließlich von einer 70 %igen Übertragungsrate mit dem Titel "Häufige Übertragung auf Ehefrauen"
(Redfield 1985).
Damit war der Damm gebrochen. Wenn die heterosexuelle Übertragung von HIV so einfach war, wo sollte
das enden? Silvester 1984 waren in Europa 762 AIDS-Fälle gemeldet, davon 417 aus dem laufenden Jahr!
Die Epidemie nahm offenbar die gleiche Entwicklung wie in den USA - dort waren im April 1985 die
ersten 10.000 AIDS-Fälle gemeldet worden (CDC 1985c). Die Seuche stand also vor der Tür, und
dementsprechend wurde AIDS zum Politikum, eroberte die Kanzeln und Stammtische. AIDS war in aller
Munde - kein guter Ort für diese Art Probleme.
So schnell die falschen Schlussfolgerungen Mitte der 80er für Aufregung und Angst sorgten, so
schnell war der Spuk glücklicherweise auch wieder vorbei. Die jährliche Verdopplung der
"AIDS-Fallzahlen", die zu wahnwitzigen Hochrechnungen und Schreckensszenarien führte, hat es in
Deutschland nur von 1984 bis 1987 gegeben - danach stieg die Zahl der jährlichen Neuerkrankungen
deutlich moderater und stabilisierte sich bis 1993 auf etwa 2.000. Die große Seuche hat bisher also
nicht stattgefunden, selbst wenn die Zahl der Neuerkrankungen in den letzten Jahren moderat
zugenommen hat.
Doch zurück zu den Übertragungswegen, denn ohne Übertragung keine Epidemie. Was wissen wir über die
Wege, auf denen HIV von einem Menschen auf den anderen übertragen wird?
Weiter: 1.3 Übertragungswege
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